Prag, Hauptstadt Tschechiens, idyllisch gelegen an der Moldau, Heimat von Rabbi Löw und seinem Golem, ist Schauplatz zahlreicher literarischer Werke und bis heute vielen als 'goldene Stadt' im Gedächtnis.
Im Hauptseminar Magisches Prag im WS 06/07 haben wir uns mit der literarischen Darstellung der Stadt Prag sowohl aus kulturgeschichtlicher Perspektive als auch mit Hilfe unterschiedlicher theoretischer Ansätze beschäftigt. In dieser Arbeit soll es nun darum gehen, noch einmal gezielt verschiedene Stadt-Theorien an nur einem Text vorzustellen: Allzu laute Einsamkeit von Bohumil Hrabal bietet sich hierfür vorzüglich
an, weil hier ganz unterschiedliche Beschreibungen und Vorstellungen von Prag in vereint werden.
So ist zum Beispiel der Entwurf von Prag als magisch-mythischer Raum zu nennen – was ist Fiktion, was Imagination, was schließlich doch Realität? Ist die Stadt ein konkretes Abbild der Wirklichkeit oder steht sie als Sinnbild oder Struktur für etwas ganz anderes? Wie verhält sie sich im Kontext zum eigentlichen Geschehen, wie ist sie in Bezug und in Beziehung zu den handelnden Personen zu setzen? Erfährt die Stadt im Verlauf der Geschichte eine Wandlung oder bleibt sie von Anfang bis zum Ende eher statisch? Eine wichtige Rolle in Allzu laute Einsamkeit spielt auch das Verhältnis vom Kunstraum zum Stadtraum. So flüchtet sich der Protagonist Hanta in eine Gegenwelt aus Büchern und auch andere Personen im Text haben sich ihre eigene kleine Kunstwelt erschaffen. Schließlich spielt noch die kulturelle, politische und soziale
Mehrschichtigkeit in diesem Text eine Rolle, die sich auch in differierenden Beschreibungen der Stadt und ihrer Umgebung widerspiegelt.
All diese Aspekte sollen in den folgenden Kapitel näher beleuchtet werden. Dazu bediene ich mich drei sehr unterschiedlichen theoretischen Ansätzen über Städte in der Literatur. Zum einen soll geklärt werden, ob es in Allzu laute Einsamkeit Parallelen zur expressionistischen Großstadtdarstellung gibt. Zum zweiten analysiere ich, ob Hanta Züge eines Flaneurs hat und schließlich geht es um die Darstellung des so genannten 'Magischen Prags'. Nach einem kurzen Exkurs über weitere Forschungsergebnisse werden im Fazit die Ergebnisse zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Inhalt und kurze Autorvorstellung
2.2. Schauplätze
2.3. Expressionistische Großstadtdarstellung
2.4. Hanta als Flaneur
2.5. Magisches Prag
2.6. Exkurs: weitere Forschungsergebnisse
3. Fazit
4. Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Forschungsliteratur:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Darstellung von Stadt und Raum in Bohumil Hrabals „Allzu laute Einsamkeit“. Dabei wird das Ziel verfolgt, durch die Anwendung dreier unterschiedlicher stadttheoretischer Ansätze — der expressionistischen Großstadtdarstellung, des Flaneurwesens und des Konzepts des „Magischen Prags“ — die vielschichtigen Vorstellungen von Prag im Text freizulegen und in Bezug zum Protagonisten Hanta zu setzen.
- Analyse der Raumkonzepte zwischen realem Prager Stadtraum und Hantas fiktiver Bücherwelt.
- Untersuchung von Parallelen zur expressionistischen Großstadtkritik und modernen Entmenschlichung.
- Evaluation der Figur Hanta als Flaneur und seiner ambivalenten Beziehung zum Flanieren.
- Hinterfragung der Zuschreibung des „Magischen Prags“ im Kontext von Hantas individueller Wahrnehmung.
- Betrachtung des Verhältnisses von Kunstraum zu Stadtraum und der Bedeutung von technischem Fortschritt.
Auszug aus dem Buch
2.4. Hanta als Flaneur
Ein Flaneur genießt es, ohne Eile durch die Straßen einer (Groß-)Stadt zu schlendern, Passanten zu beobachten, Schaufensterauslagen anzuschauen und sich ohne bestimmtes Ziel in der anonymen Menschenmasse treiben zu lassen. „Flanieren ist [...] ein vom Zufall bestimmtes Gehen, ein Gehen das, was das Erreichen eines bestimmten Ortes oder das Durchschreiten eines festgelegeten Raumes angeht, als richtungs- und ziellos zu verstehen ist, ein Gehen, das dabei zugleich frei über die Zeit verfügt, Zeit mithin keiner Zweckrationalität unterwirft.“ In der Literatur findet die Figur des Flaneurs vor allem in den Werken von Marcel Proust, Edgar Allen Poe und Charles Baudelaire Verwendung und literaturtheoretisch wurde sie zuerst von Walter Benjamin beschrieben: „Die Straße wird zur Wohnung für den Flaneur, der zwischen Häuserfronten, so wie der Bürger in seinen vier Wänden zuhause ist. Ihm sind die glänzenden emaillierten Firmenschilder so gut und besser ein Wandschmuck wie im Salon dem Bürger ein Ölgemälde[...].“ Soziologische Vorarbeit für Benjamins Theorie leistete Georg Simmel mit seinem Aufsatz Die Großstädte und das Geistesleben. Simmel weist darin nach, dass sich ein Mensch in der Großstadt ob der Masse der Eindrücken ganz anders als z.B. ein Landbewohner verhält: „Die geistige Haltung der Großstädter untereinander wird man formaler Hinsicht als Reserviertheit bezeichnen dürfen.“ Inmitten der großen Stadt strebt der einzelne Bürger nach Individualität: „Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbstständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren [...].“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung Prags als literarischen Schauplatz ein und erläutert die methodische Herangehensweise, Hrabals Werk anhand dreier Stadt-Theorien zu analysieren.
2. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene analytische Abschnitte, die Hantas Welt, die Schauplätze, expressionistische Motive, das Flaneur-Konzept sowie die Magie-Thematik und einen Exkurs umfassen.
2.1. Inhalt und kurze Autorvorstellung: Dieses Kapitel gibt eine Zusammenfassung des Romans und skizziert die biographischen Hintergründe von Bohumil Hrabal.
2.2. Schauplätze: Hier werden die zentralen Orte der Gegenwart, wie der Keller in der Spalenagasse und die Kneipe Huskenskýs, sowie die Bedeutung der Sehnsuchtsorte für Hanta untersucht.
2.3. Expressionistische Großstadtdarstellung: Es wird untersucht, inwiefern der Roman Parallelen zur expressionistischen Motivik der Entmenschlichung und dem Reihungsstil aufweist.
2.4. Hanta als Flaneur: Dieses Kapitel analysiert Hanta als eine Figur, die den urbanen Raum durchstreift und dabei versucht, sich den Zwängen der Zeit zu entziehen.
2.5. Magisches Prag: Die Untersuchung hinterfragt, ob das Konzept des „Magischen Prags“ auf den Roman zutrifft oder ob die Magie lediglich in Hantas subjektiver Wahrnehmung existiert.
2.6. Exkurs: weitere Forschungsergebnisse: Ein Exkurs zu Hrabals Bafler-Typus und Walter Benjamins Medientheorie ergänzt das Verständnis der ästhetischen Mittel des Autors.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Hanta in seiner Ambivalenz zwischen Bücherwelt und realer Fortschrittswelt scheitern musste.
4. Literaturverzeichnis: Hier werden die verwendeten Primär- und Forschungsliteraturen aufgelistet.
Schlüsselwörter
Bohumil Hrabal, Allzu laute Einsamkeit, Prag, Stadtliteratur, Raumdarstellung, Expressionismus, Flaneur, Magisches Prag, Hanta, Literaturtheorie, Walter Benjamin, Industrialisierung, Moderne, Postmoderne, Bücher.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Prag und den dortigen Räumen in Hrabals „Allzu laute Einsamkeit“ aus einer komparatistischen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das Verhältnis von Mensch und Stadtraum, die Wirkung technischer Fortschritte sowie die Flucht in eine durch Literatur geschaffene Gegenwelt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erprobung verschiedener stadttheoretischer Ansätze an diesem spezifischen Text, um die verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung der Stadt zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es wird eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Konzepte wie die expressionistische Großstadtdarstellung und das Flaneurwesen heranzieht.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Schauplätze des Romans, prüft expressionistische Motive, beleuchtet Hantas Handlungen als Flaneur und hinterfragt das Konzept des „Magischen Prags“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie „Raumdarstellung“, „Bücherwelt“, „Großstadtkritik“, „Sisyphusarbeit“ und „Identitätsverlust“ maßgeblich geprägt.
Welche Rolle spielt die Presse im Roman?
Die Presse fungiert sowohl als Hantas Arbeitsgerät und Sinnstifter als auch als Symbol für die drohende Zerstörung seiner persönlichen Welt durch den technologischen Fortschritt.
Warum wird Hanta als Flaneur charakterisiert?
Hanta weist Merkmale des Flaneurs auf, da er den urbanen Raum durchstreift und seine subjektive Freiheit durch die Abkehr von Zweckrationalität und durch seine gedankliche Flucht in die Vergangenheit sucht.
- Arbeit zitieren
- Marion Klanke (Autor:in), 2008, Stadt- und Raumdarstellung in Bohumil Hrabals 'Allzu laute Einsamkeit', München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/88703