Iphigenie auf Tauris, ein sowohl formal als auch inhaltlich an Aristoteles und die Antike angelehntes Drama von Johann Wolfgang von Goethe, das 1779 vom Autor in seinem ersten Jahrzehnt in Weimar verfasst und 1786 in Versform aktualisiert wurde. Ein Klassiker in Bücherregalen und auf Theaterbühnen. Aber ist es auch ein großes humanistisch-pädagogisches Lehrstück?
Geradezu einig war man sich jahrelang um die "klassisch-humanistische" Deutung der Iphigenie, deren "Lesart lange unbezweifelt" blieb. Die Komponente der inneren Konflikte der Protagonistin blieben oft im Dunkeln, dabei scheint es fast unmöglich, bei der Analyse der Iphigenie nicht über unschlüssige Muster und Motive zu stolpern. Iphigenie als Heilerin und heilspendende, humanistische Heroine zu deklarieren, simplifiziert ihren vielschichtigen Charakter in allzu euphorischer Manier. In der vorliegenden Arbeit möchte ich anhand der Untersuchung der Kommunikation und des Verhaltens Iphigenies widersprüchliches, konfliktreiches Inneres zum Gegenstand der Interpretation machen. Dabei werde ich mich kritisch mit der Frage auseinandersetzen, wie sich Iphigenie als Mensch, vor allem aber als Frau den Konflikten ihres Daseins und den Konzepten des idealisierten Frauenbildes stellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Bemerkung
2. Frauenrolle- historische Kontextuierung
3. Konstitution der Iphigenie
4. Figurenkonstellationen
4.1 Iphigenie und Arkas
4.1.1 Iphigenie und die angekündigte Heirat
4.2 Iphigenie und Thoas
4.2.1 Unterschiedliche Rezeption des Frauengeschlechts
4.3 Iphigenie und Orest
4.3.1 Der schwache Mann?
4.3.2 Orest Erlösung
5. Analyse der Haltung Iphigenies
5.1 Dilemma und ihr Umgang mit der Flucht
5.2 Pylades und Iphigenie
5.3 Egozentrikerin im Humanistenpelz
5.4 Zum Götterglauben Iphigenies
5.5 Geständnis und Bekenntnis
5.6 „Ich habe nichts als Worte“
6. Deutung des Endes
7. Anmerkungen
7.1 Iphigenie als weibliche Repräsentantin
7.2 Parallelen zu Goethes Leben
8. Iphigenie die Heilung? Iphigenie die Hoffnung! Ein Fazit
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht die widersprüchliche und konfliktbeladene Innenwelt von Iphigenie in Johann Wolfgang von Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“. Dabei wird analysiert, wie die Protagonistin zwischen ihrem Dasein als Mensch und den gesellschaftlichen Erwartungen an ihr Frauenbild sowie den moralischen Herausforderungen navigiert.
- Die historische Kontextualisierung der Frauenrolle im 18. Jahrhundert.
- Die Untersuchung der komplexen Figurenkonstellationen (Arkas, Thoas, Orest).
- Die Analyse der Haltung Iphigenies in ethischen und zwischenmenschlichen Dilemmata.
- Die Erörterung von Iphigenie als „Selbstbehauptungskünstlerin“ innerhalb tradierter Geschlechterrollen.
Auszug aus dem Buch
4.1 Iphigenie und Arkas
Iphigenies erste Interaktion erfolgt mit Arkas, der Bote und Vertraute Thoas‘. Er möchte Thoas den Weg zu einem Heiratsantrag ebnen und Iphigenie auf eben diesen vorbereiten. Die Konversation der beiden gibt Aufschluss über Iphigenies Empfinden und Verhalten. Geradezu indifferent und unbearbeitet erscheint der Schmerz Iphigenies über den Verlust der Heimat und die Trennung von ihrer Familie, ihre innere Zerrissenheit ist auch mit einem kindlichen Verlustschmerz gepaart, der ihr das Ertragen der Situation unmöglich macht. Das allerdings veranschaulicht auch, wie ursprünglich-kindlich ihrer Gefühle sich darstellen; ohne die Verbindung zu ihrer Familie kann sie das Glück nicht wahrnehmen. Iphigenie ist nicht ur-autonom, sondern auch kindlich emotional.
„(...) leider fasste da ein fremder Fluch mich an und trennte mich von den Geliebten und riss das das schöne Band mit eh’rner Faust entzwei. Sie war dahin der Jugend bester Freude, das Gedeihn Der ersten Jahre.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Bemerkung: Einführung in das Thema der Untersuchung und Darlegung der Zielsetzung hinsichtlich der Frauenrolle im Drama.
2. Frauenrolle- historische Kontextuierung: Darstellung der gesellschaftlichen Bedingungen und der Rolle der Frau zur Goethe-Zeit.
3. Konstitution der Iphigenie: Analyse der Ausgangssituation der Protagonistin und ihres Bewusstseins über ihre geschlechtsspezifische Position.
4. Figurenkonstellationen: Untersuchung der Interaktionen Iphigenies mit Arkas, Thoas und Orest zur Charakterisierung ihrer Beziehungsmuster.
5. Analyse der Haltung Iphigenies: Detaillierte Betrachtung von Iphigenies ethischen Konflikten, ihrem Götterglauben und ihrer rhetorischen Strategien.
6. Deutung des Endes: Analyse der finalen Entscheidungssituation und der Lösung des Konflikts am Ende des Dramas.
7. Anmerkungen: Reflexion über Iphigenie als Repräsentantin der Frau sowie in Bezug zu Goethes eigener Biografie.
8. Iphigenie die Heilung? Iphigenie die Hoffnung! Ein Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Entwicklung der Protagonistin zur eigenständigen Figur.
Schlüsselwörter
Iphigenie auf Tauris, Johann Wolfgang von Goethe, Frauenbild, Geschlechterrollen, Humanität, Selbstbehauptung, Orest, Thoas, Identität, Ethik, Klassik, Drama, Götterglauben, Emanzipation, Konflikt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Figur der Iphigenie in Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“ unter besonderer Berücksichtigung ihrer inneren Konflikte als Frau und Mensch.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das historische Frauenbild, die Auswirkungen der Figurenkonstellationen auf die Handlungsfähigkeit der Iphigenie sowie ihre ethische Selbstbehauptung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Iphigenies Verhalten jenseits einer idealisierten, rein humanistischen Deutung zu erfassen und ihre widersprüchliche Innenwelt aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die durch den Einbezug einschlägiger Sekundärliteratur gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Figurenkonstellationen, die Analyse von Iphigenies moralischem Dilemma und ihr Verhalten gegenüber anderen Figuren sowie den Göttern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Iphigenie, Frauenbild, Geschlechterrollen, Humanität, Selbstbehauptung und Identität.
Wie positioniert sich Iphigenie gegenüber dem Heiratsantrag von Thoas?
Iphigenie lehnt den Antrag aus einer Kombination von innerem Widerstand gegen eine rein zweckgebundene Ehe und dem Bedürfnis nach Autonomie ab, wobei sie rhetorisch geschickt ihre „göttliche Bestimmung“ als Schutzschild nutzt.
Welche Rolle spielt die „kindliche Emotionalität“ bei Iphigenie?
Der Autor zeigt auf, dass Iphigenie stark durch ihre traumatische Familiengeschichte und den Verlust der Heimat geprägt ist, was sie zeitweise emotional unautonom und von der Familie abhängig erscheinen lässt.
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- Hannah Grünewald (Author), 2016, Iphigenies konfliktreiche Verhaltensentwicklung als Frau in Johann Wolfgang von Goethes Drama "Iphigenie auf Tauris", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/886734