,,Zeige mir wie Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist". Dieses Sprichwort könnte als Motto vor einer rein soziologischen Analyse des Wohnens und der Wohnung stehen, kann doch, im Sinne Norbert Elias′, ,,der Niederschlag einer sozialen Einheit im Raume, der Typus ihrer Raumgestaltung eine handgreifliche, eine - im wörtlichen Sinne - sichtbare Repräsenta-tion ihrer Eigenart" sein. Die Beschreibung des Wohnens der Gesellschaft ließe demnach Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Organisation zu, über die Verteilung des Reichtums, über den Grad der Urbanisierung, über familiäre Strukturen und viele andere, ähnlich dispara-te Themenbereiche.
Wohnen ist ein existentielles Grundbedürfnis des Menschen und in einem ständigen Wandel. Als eine mögliche Definition sei folgende angeführt: ,,Wohnen als elementare Erscheinungs- und Ausdrucksform menschlichen Seins umfasst alle die Tätigkeiten und Verhaltensweisen, die regelmäßig an einem bestimmten Ort stattfinden" . Die Wohnung, das "Dach über dem Kopf", hat zunächst sowohl physische, als auch soziale und sozialpsychologische Schutzfunk-tion: vor Witterungseinflüssen, vor Gefahren aller Art, vor Mitmenschen - gleichgültig ob Freund oder Feind, vor neugierigen Blicken usw. Doch gerade dieser Aspekt des Wohnens als Grundbedürfnis kann nicht im Zentrum einer soziologischen Analyse stehen, vermag er doch die historischen, interkulturellen und innergesellschaftlichen Differenzen der Wohnweisen der Menschen eben nicht zu erklären, sondern verweist lediglich darauf, dass alle Menschen wohnen, was banal ist. Eine Analyse, die sich auf neuartige Tendenzen in Wohn- und Le-bensweise bezieht, muss daher die historischen Bedingungen der jeweiligen Gesellschaften notwendig mit einbinden.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Die Herausbildung modernen Wohn- und Lebensweise
Das vormoderne „ganze Haus“
Das moderne Wohnen
2. Wohnen und Arbeiten
3. Individualisierung im Privaten
4. Neue Haustypen
Single und Einpersonenhaushalte
Nichteheliche Lebensgemeinschaften
Alleinerziehende
Wohngemeinschaften
5. Zwischen Bindungslosigkeit und Differenzierung
6. Politisch-soziologische Konsequenzen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den soziologischen Wandel der Wohnweisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich die historischen Bedingungen des Wohnens, beeinflusst durch ökonomische und demographische Faktoren, in die heutige Zeit transformiert haben und welche politischen Konsequenzen daraus resultieren.
- Historisch-komparative Analyse der Entwicklung vom "ganzen Haus" zur modernen Wohnung.
- Einfluss der Trennung von Wohnen und Arbeiten sowie die zunehmende Individualisierung im Privaten.
- Analyse neuartiger Haushaltsformen wie Single-Haushalte und Wohngemeinschaften.
- Bewertung des Spannungsfeldes zwischen Bindungslosigkeit und gesellschaftlicher Differenzierung.
- Diskussion politisch-soziologischer Konsequenzen für den zukünftigen Wohnungsmarkt.
Auszug aus dem Buch
Die Herausbildung moderner Wohn- und Lebensweisen
Historische Prozesse sind äußerst komplexe bzw. ambivalente Vorgänge, bei deren Beschreibung notwendigerweise verkürzt und vereinfacht wird, um Entwicklungen analytisch herauszuarbeiten. Einen Zugang zum Thema bietet Aristoteles, der für die Errichtung von Wohnräumen in der griechischen Polis vier wesentliche Gründe und Vorraussetzungen angab5:
• Die causa finalis, der Zweck zu dem ein Haus gebaut wird, steht an erster Stelle. Hiermit wird die zukünftige Funktion des Hauses (zukunftsweisend) in einen aus der Generationenabfolge resultierenden Zeitbegriff eingebunden.
• Die causa efficientia umfasst den angemessenen Einsatz von Kapital und Arbeitskräften, die zum Bau eines Hauses notwendig sind.
• Die causa formalis, umfasst den Bauplan, sowie die
• Causa materialis, die Baustoffe.
Erweitert man dieses Beispiel durch die Einführung einer sich ändernden Gesellschaftsstruktur, so können sich Zwecke, Mitteleinsatz und damit auch die Funktion des Wohnens ändern. Dieser Argumentationslinie folgt auch Weber, der zwei Idealtypen des Wohnens gegenüberstellt: Zum einen den des vormodernen Wohnens, des sogenannten „ganzen Hauses“, zum anderen denjenigen des modernen Wohnens. Der Idealtypus ist hier weder normatives noch statistisches Konstrukt, sondern eine abstrahierende Verdichtung, die das Besondere einer Epoche im Unterschied zur anderen herausarbeitet6. Er ist auch kein Instrument, das eine chronologische Abfolge beschreiben will, wo offensichtlich keine ist: die beiden Wohnformen sind zeitlich nicht klar voneinander zu trennen, sondern gehen, differenziert u.a. nach räumlichen Kriterien (wie Stadt - Land) und schicht- oder klassenspezifischen Gesichtspunkten (etwa bäuerliche vs. bürgerliche Haushalte), ineinander über. Es handelt sich beim Übergang von der einen zur anderen Form um einen vieldimensionalen, mannigfaltigen Prozess. Die Idealtypen sind also methodische Konstrukte, sind Analyseinstrumente.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einleitung in die soziologische Bedeutung des Wohnens als existentielles Grundbedürfnis unter Berücksichtigung historischer und ökonomischer Bedingungen.
1. Die Herausbildung modernen Wohn- und Lebensweise: Historische Herleitung der Wohnformen und Einführung von Idealtypen zur Analyse des Wandels vom vormodernen zum modernen Wohnen.
2. Wohnen und Arbeiten: Untersuchung der Tendenzen zur partiellen Rückverlagerung des Arbeitsplatzes in den Wohnbereich durch neue Informationstechnologien.
3. Individualisierung im Privaten: Analyse der schwindenden Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit sowie die Veränderung sozialer Netzwerke innerhalb von Wohnformen.
4. Neue Haustypen: Statistische Betrachtung des demographischen Wandels und die Entstehung neuer Wohnformen wie Singlehaushalte und Wohngemeinschaften.
5. Zwischen Bindungslosigkeit und Differenzierung: Kritische Auseinandersetzung mit der These einer zunehmenden Bindungslosigkeit in modernen Lebensstilen.
6. Politisch-soziologische Konsequenzen: Darstellung der Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt und Forderung nach flexibleren architektonischen Konzepten für die Zukunft.
Schlüsselwörter
Wohnen, Soziologie, Haushaltsformen, Industrialisierung, Urbanisierung, Individualisierung, Wohnungsmarkt, Demographischer Wandel, Kernfamilie, Lebensweise, Privatsphäre, Wohnbiographien, Sozialstruktur, Modernisierung, Bindungslosigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den soziologischen Wandlungsprozessen des Wohnens und der Wohnung am Anfang des 21. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die historische Entwicklung des Wohnens, die Entkopplung von Wohnen und Arbeiten, die Zunahme von Single- und alternativen Haushaltsformen sowie die Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich Wohnweisen durch sozioökonomische und demographische Einflüsse differenzieren und welche Konsequenzen dies für die Wohnungsbaupolitik hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-komparative Analyse sowie die soziologische Methode der Idealtypen-Bildung nach Max Weber, um Wohnformen zu differenzieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Übergang von traditionellen Familienstrukturen zu neuen Lebensstilen, die Rolle des Wohnens als Reproduktionsort und die daraus resultierenden Anforderungen an den Wohnungsbau.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wohnen, Individualisierung, Soziologie, demographischer Wandel, Haushaltsformen und gesellschaftlicher Wandel sind die prägenden Begriffe.
Wie hat sich die Bedeutung der Wohnung als "Arbeitsort" verändert?
Aufgrund von Informationstechnologien und flexibleren Arbeitszeiten verschwimmen die Grenzen, wodurch die Wohnung zunehmend wieder einen Raum für berufsbezogene Tätigkeiten erhält.
Warum wird das traditionelle Einfamilienhaus in der Arbeit kritisch betrachtet?
Aufgrund der Auflösung traditioneller Familienverhältnisse und eines erhöhten Bedarfs an Flexibilität und Mobilität passen standardisierte Eigenheime weniger gut zu den dynamischen Bedürfnissen neuer Haushaltsformen.
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- Martin Runkel (Author), 2002, Der Wandel des Wohnens, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/8767