„Debatten sind keine Mahnmale, [!] und ein Mahnmal ist kein Diskurs. Wer künftige Generationen an die Ermordung von Millionen europäischer Juden durch Deutsche erinnern will, setzt auf die physische Präsenz und materielle Provokation eines Mahn- oder Denkmals, das den Diskurs eine zeitlang zum Schweigen bringt, um ihn vielleicht gerade dadurch am Leben zu halten.“ (Leggewie/Meyer 2005, S. 9)
Nach einer über zehnjährigen Planungs- und Bauzeit, wurde 2005 das umstrittene und bis zuletzt umkämpfte „Denkmal für die ermordeten europäischen Juden Europas“(vgl. ebd.) in der Bundeshauptstadt Berlin, zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz, fertig gestellt (vgl. Haardt 2001, S. 9). Bevor es dazu kam, das Mahnmal physisch präsent machen zu können, sprich, dass man hindurchwandeln oder es berühren kann (vgl. Leggewie/Meyer 2005, S. 9), gab es viele Diskussionen. Diese beschäftigten sich unter anderen damit, ob ein zentrales Denkmal angemessen ist, wem es gewidmet werden soll, welcher Standort als optimal erscheint und welche Gestaltung sinnvoll ist (vgl. Haardt 2001, S. 9). Genau diese Punkte sollen umfangreich in unserer Hausarbeit aufgegriffen werden. Somit ist das zentrale Thema die Realisierungsproblematik und die damit verbundenen Debatten.
In dieser Arbeit soll zunächst ein Denkmal von einem Mahnmal abgegrenzt werden, weil oft die Frage auftaucht, ob die Erinnerung an die ermordeten Juden Europas in Berlin Mitte ein Denkmal oder ein Mahnmal ist. Ein größerer, nächster Gliederungspunkt soll explizit um die Problematik der Realisierung des Mahnmals gehen. Insbesondere wollen wir die Fragen um die Widmung, den Standort und die Gestaltung aufgreifen. Um diese genauer zu betrachten, möchten wir uns den Wettbewerben widmen, wobei das Hauptaugenmerk auf den unterschiedlichen Entwürfen liegt. Weiterhin wird das Interesse auf die Monumentalität des Denkmals gerichtet und auf die Ungewissheit, ob das Mahnmal einen Schlussstrich unter die nationalsozialistische Vergangenheit zieht. Ein nächster Punkt soll von den Argumenten für und gegen das Mahnmal handeln. Hierbei wird der Frage nachgegangen, ob das Holocaust-Mahnmal überhaupt brauchbar ist. Um dies aufzeigen zu können, werden Standpunkte verschiedener Personen aufgegriffen. In einem letzten Gliederungspunkt soll die endgültige Entscheidung des Bundestages dargestellt werden. Hier geht es im Besonderen um die Entscheidung für eine bestimmte Gestaltungsform sowie um den Sinn und Zweck des Mahnmals.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Denkmal oder Mahnmal?
3. Problematik der Realisierung
3.1. Widmung
3.2. Standort
3.3. Gestaltung
3.3.1. Die Wettbewerbe und Entwürfe
3.3.2. Monumentalität
3.3.3. (K)ein Schlussstrich?
4. Argumente für und gegen das Mahnmal
4.1. Argumente dafür
4.2. Argumente dagegen
5. Die endgültige Entscheidung
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit der Realisierungsproblematik des Holocaust-Mahnmals in Berlin. Ziel ist es, die langwierigen Debatten und den Entscheidungsprozess zu analysieren, die zur Errichtung des Denkmals führten, sowie die kontroversen Fragen zur Widmung, zum Standort und zur gestalterischen Form kritisch zu hinterfragen.
- Abgrenzung zwischen Denkmal und Mahnmal im historischen und gesellschaftlichen Kontext.
- Diskussionen über Widmung, Standortwahl und das Problem der Monumentalität.
- Analyse der verschiedenen Wettbewerbsentwürfe und ihrer Intentionen.
- Politische Entscheidungsprozesse im Deutschen Bundestag zur Gestaltung und Funktion des Mahnmals.
- Reflexion über die Angemessenheit künstlerischer Ausdrucksformen im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Auszug aus dem Buch
3.3.2. Monumentalität
Ein Kritikpunkt, der sich durch beide Wettbewerbe zieht, ist der Vorwurf der Monumentalität der Entwürfe. Die Einwände beziehen sich dabei auf folgende Aspekte:
- Die Gigantomanie weckt Assoziationen an NS-Großbauten.
- Der Versuch, der Größe des Verbrechens mit der Größe des Denkmals zu begegnen.
- Die Größe ist stadträumlich unpassend.
- Vandalismus und Schändungen sind nicht zu verhindern oder nur mit starken Sicherheitsmaßnahmen.
Beim ersten Einwand werden Analogien zu den monströsen Bauten bzw. Planungen der NS-Zeit unter anderen durch Michael Naumann hergestellt. Auch Frank Schirrmacher, der Herausgeber der FAZ, zieht einen Vergleich, in dem er den Entwurf um die Gruppe von Christine Jackob-Marks mit Hitler assoziiert.
Die Kritiker der Monumentalität sehen im zweiten Bedenken die Ursachen zum einen in der Größe des Grundstückes. Zum anderen behaupten Kritiker, dass die Entwerfenden der „Größe der Aufgabe […] durch die Monumentalität ihrer Entwürfe gerecht zu werden (versuchen). […] Nur schlechte Kunst und schlechte Politik begegnen der Monumentalität einer Aufgabe mit monumentalen Entwürfen“ (Schirrmacher 1995 zit. n. Haardt 2001, S. 77; Anm. d. Verf.). Nach Broder spiegeln die eingereichten Zeichnungen und Modelle den Zustand einer verwirrten Gesellschaft wider. Sie wollen den Opfern ihrer Geschichte ein Denkmal setzen, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Wenn man der Größe des Verbrechens mit der Größe des Denkmals begegnen möchte, so müsste die Größe der „Grabplatte“ im Entwurf von Jackob-Marks, nach Lehming, ganz Deutschland bedecken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Realisierung des Holocaust-Mahnmals ein und definiert die inhaltliche sowie methodische Vorgehensweise der Arbeit.
2. Denkmal oder Mahnmal?: In diesem Kapitel erfolgt eine begriffliche Abgrenzung zwischen Denkmal und Mahnmal sowie die Analyse der intendierten Wirkung auf Nachkommen der Täter und Opfer.
3. Problematik der Realisierung: Das Kapitel untersucht die zentralen Diskussionspunkte der Widmung, der Standortwahl in Berlin-Mitte sowie die verschiedenen künstlerischen Gestaltungskonzepte und den Vorwurf der Monumentalität.
4. Argumente für und gegen das Mahnmal: Hier werden die divergierenden Standpunkte von Befürwortern und Gegnern eines zentralen Holocaust-Mahnmals einander gegenübergestellt.
5. Die endgültige Entscheidung: Dieses Kapitel stellt den parlamentarischen Diskurs im Deutschen Bundestag und den letztendlichen Beschluss für das Stelenfeld von Peter Eisenman dar.
6. Fazit: Das Fazit reflektiert den langen Weg des Erinnerns und hinterfragt kritisch, ob das errichtete Denkmal und der Ort der Information den komplexen Anforderungen an ein angemessenes Gedenken gerecht werden.
Schlüsselwörter
Holocaust-Mahnmal, Berlin, Gedenkkultur, Realisierungsproblematik, Stelenfeld, Nationalsozialismus, Erinnerungsarbeit, Wettbewerbsentwürfe, Monumentalität, Opfergruppen, Bundestagsbeschluss, Geschichtspolitik, Holocaust, Widmung, Tätergesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Debatten und die Realisierungsproblematik rund um das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentral sind die Abgrenzung der Begriffe Denkmal und Mahnmal, die Standortfrage, die Widmung sowie die ästhetischen Debatten über die Gestaltung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll aufgezeigt werden, welche Jahre und Diskurse vorangegangen sind, bevor das Holocaust-Mahnmal in seiner heutigen Form realisiert werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorinnen nutzen eine reflektierende Analyse der vorangegangenen Debatten, Fachliteratur und des parlamentarischen Diskurses.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die inhaltliche Problematik der Realisierung, die Gegenüberstellung von Argumenten für und gegen das Mahnmal sowie den abschließenden politischen Entscheidungsprozess im Bundestag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Holocaust-Mahnmal, Gedenkkultur, Monumentalität, Geschichtspolitik und der politische Entscheidungsprozess.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Richard Schröder von der von Peter Eisenman?
Schröder plädierte für eine sprachbasierte Mahnung („Du sollst nicht morden“), während Eisenman ein abstraktes, monumentales Stelenfeld konzipierte, das den Besucher physisch in eine Raumerfahrung einbindet.
Welche Rolle spielte der Vorwurf der Monumentalität?
Dieser Vorwurf zog sich durch beide Wettbewerbe, da Kritiker die Gefahr von Gigantomanie, Assoziationen an NS-Großbauten und eine „Hauptstadt der Reue“ fürchteten.
Wird im Dokument die Frage nach dem „Schlussstrich“ thematisiert?
Ja, das Schlagwort „Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit“ wird als Befürchtung diskutiert, wobei das Mahnmal als Werkzeug gesehen wird, um eben diesen Schlussstrich zu verhindern.
Wie bewerten die Autorinnen den letztendlichen Prozess?
Sie kritisieren, dass die politische Entscheidung sich auf wenige Entwürfe einschränkte und bemängeln eine fehlende Kennzeichnung des Terrains sowie unzureichende Hinweise auf den „Ort der Information“.
- Arbeit zitieren
- Anke Zimmermann (Autor:in), Judith Walther (Autor:in), 2006, Die Realisierungsproblematik des Holocaust-Mahnmals, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/87589