In den letzten zwei Jahrzehnten wird in der Sprachdidaktik die Orthographie zunehmend als eine Komponente „des komplexen schriftsprachlichen Handlungsprozesses“ „in einem kulturellen Kontext“ ausgelegt. So kann das Erlernen der Orthographie als „eine Dimension des Schreibenlernens“ mit Hilfe von Modellen des Schriftspracherwerbs beschrieben wer-den. Neben den Modellen des Schriftspracherwerbs, die das Erlernen der Kulturtechniken des Lesens und des Schreibens darstellen, existieren auch Modelle, die sich auf die Darstellung des Lesenlernens beschränken. Ebenso sind Modelle des Rechtschreiberwerbs vorzufinden, welche sich auf die Kompetenzaneignung der Orthographie konzentrieren. Des Weite-ren ist in Prozessmodelle, Entwicklungsmodelle und ökologische Feldmodelle zum Schriftspracherwerb zu differenzieren.
In dieser Ausarbeitung soll der Weg der Kinder zur orthographischen Kompetenz anhand von Entwicklungsmodellen des Rechschreib- bzw. des Schriftspracherwerbs aufgezeigt werden. Zur Einführung ins Feld des Rechtschreib- bzw. Schriftspracherwerbs ist eine knappe Skizzierung über die Forschung des Schriftspracherwerbs vorzufinden. Es folgt die Vorstellung der signifikantesten Lernvoraussetzungen für den Rechtschreiberwerb. Zur Erklärung der Ausdifferenzierung orthographischer Kompetenzen beziehe ich mich vornehmlich auf Thomés „Entwicklung der basalen Rechtschreibkenntnisse“ . Erkenntnisse verschiedener Autoren, die Modelle zum Schriftspracherwerb und Rechtschreiberwerb entwickelt haben, lasse ich in seine Darstellung einfließen. Diesen Ausführungen schließt sich eine kritische Bewertung der „Entwicklung der basalen Rechtschreibkenntnisse“ an, des Weiteren werden didaktisch-methodische Folgerungen abgeleitet. Schließlich wird die Arbeit mit einer zusammenfassenden Abschlussbetrachtung abgerundet, in welcher relevante Aspekte der Beschreibung der Entwicklung orthographischer Kompetenzen anhand eines Entwicklungsmodells noch einmal hervorgehoben werden sollen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ein Blick in die Forschungsgeschichte
3. Sprachanalytische Voraussetzungen des Schriftspracherwerbs
4. Entwicklungsmodelle des Rechtschreiberwerbs
4.1 Die „Entwicklung der basalen Rechtschreibkenntnisse“ nach Günther Thomé
4.1.1 Protalphabetisch-phonetische Phase
4.1.2 Alphabetische Phase
4.1.3 Orthographische Phase
4.2 Kritische Bewertung der „Entwicklung der basalen Rechtschreibkenntnisse“
4.2.1 Hierarchische Parallelität der Entwicklungsphasen
4.2.2 Das Entwicklungsmodell als theoretische Konstruktion
4.2.3 Das Vorhandensein zweier Lernertypen
5. Didaktisch-methodische Folgerungen aus dem basalen Rechtschreiberwerb
6. Abschließende Betrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Weg von Kindern zur orthographischen Kompetenz, wobei der Schwerpunkt auf der theoretischen Fundierung durch verschiedene Entwicklungsmodelle des Rechtschreib- und Schriftspracherwerbs liegt. Ziel ist es, den Prozess der Aneignung orthographischer Fähigkeiten aufzuzeigen, kritisch zu bewerten und daraus didaktisch-methodische Konsequenzen für den Unterricht abzuleiten.
- Phonologische Bewusstheit als Lernvoraussetzung
- Entwicklungsmodelle des Rechtschreiberwerbs (insbesondere Thomé)
- Kritische Analyse von Stufenmodellen und Lernertypen
- Didaktische Implikationen für den Schriftsprachunterricht
- Bedeutung der aktiven Selbsttätigkeit beim Lernen
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Protalphabetisch-phonetische Phase
Kinder befinden sich in der ersten Phase des Rechtschreiberwerbs, wenn für sie das Schreiben nun mehr als nur das Hinterlassen von graphischen Spuren darstellt und begriffen wird, dass Geschriebenes Gesprochenes repräsentiert. Nach der anfänglichen Auseinandersetzung mit der ausschließlich graphischen Seite der Schrift, rückt in der „protoalphabetisch-phonetischen Phase“ die „Bedeutungshaltigkeit der Schrift“ in das Interesse der Kinder. Die Differenz zwischen graphischen Niederschriften und bildhaften Darstellungen wird erkannt. Kinder erfahren, dass Schrift nicht aus willkürlichen Formen, „sondern aus einer begrenzten Zahl konventioneller Zeichen, den Buchstaben“ besteht.
In der „Stufe der rudimentären Verschriftungen“ finden erste Schreibversuche mit deutlichem Lautbezug statt. Valtin spricht von einem vorphonetischen Niveau, Spitta von einem halbphonetischen Stadium und Scheerer-Neumann von einer beginnenden phonemischen Strategie. Dabei handelt es sich oft um recht willkürliche Zusammenstellungen von kurzen Zeichenfolgen in Großbuchstaben, wie z.B. * „PP“ für „Puppe“, *„TG“ für „Tiger“, *„AN“ für „Maren“. Häufig wird ausschließlich der Anlaut niedergeschrieben: *„L“ für „Limonade“. Der jeweils zweite, artikulatorisch besonders deutliche Laut wird bei Wörtern, die mit einem weniger prägnanten Vokal bzw. Explosivlaut und folgendem Dauerkonsonanten beginnen, wie folgt verschriftet: *„L“ für „Elefant“, *„R“ für „Brille“. Kennzeichnend für diese Stufe ist neben der Verwendung einer geringen Anzahl von Zeichen die Tatsache, dass sich die Zeichen „kaum oder in keine sinnvolle Verbindung mit der zu schreibenden Lauteinheit gebracht werden können“. So erscheint *„MoAiam“ für „Mund“ oder *„HFLPDANIEL“ für „Ich heiße Daniel“ Eine Segmentierung in Wörter findet noch nicht statt, sind Lücken zwischen den Buchstaben vorhanden, besitzen sie keine Funktion.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Rahmen der Arbeit, ordnet den Orthographieerwerb in den schriftsprachlichen Handlungsprozess ein und skizziert den methodischen Aufbau der Untersuchung.
2. Ein Blick in die Forschungsgeschichte: Dieses Kapitel beschreibt den Wandel vom Schriftspracherwerb als isoliertes, mechanisches Einprägen hin zum modernen Verständnis eines komplexen, aktiven Denkentwicklungsprozesses.
3. Sprachanalytische Voraussetzungen des Schriftspracherwerbs: Es werden zentrale Grundlagen wie die phonologische Bewusstheit und die Phonem-Graphem-Korrespondenz erläutert, die für den erfolgreichen Schriftspracherwerb unerlässlich sind.
4. Entwicklungsmodelle des Rechtschreiberwerbs: Dieses Kernkapitel stellt das Stufenmodell nach Thomé detailliert vor, bewertet es kritisch hinsichtlich seiner theoretischen Konstruktion und diskutiert die Annahme unterschiedlicher Lernertypen.
5. Didaktisch-methodische Folgerungen aus dem basalen Rechtschreiberwerb: Hier werden Konsequenzen für den Unterricht gezogen, wobei die Bedeutung von Selbsttätigkeit, individueller Förderung und der Einbettung in kommunikative Zusammenhänge betont wird.
6. Abschließende Betrachtung: Das abschließende Kapitel resümiert, dass Entwicklungsmodelle zwar wertvolle Diagnoseinstrumente sind, jedoch stets durch weitere Perspektiven ergänzt werden müssen, um der Komplexität des Erwerbsprozesses gerecht zu werden.
Schlüsselwörter
Schriftspracherwerb, Rechtschreiberwerb, Orthographie, phonologische Bewusstheit, Entwicklungsmodell, Günther Thomé, Graphem, Phonem, Regelbildung, Lernertypen, Didaktik, Schriftsprache, Basisgrapheme, Orthographeme, Fehleranalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den Weg von Kindern zur orthographischen Kompetenz unter besonderer Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Modelle des Rechtschreib- und Schriftspracherwerbs.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die sprachanalytischen Voraussetzungen (z.B. phonologische Bewusstheit), die Darstellung verschiedener Entwicklungsphasen nach Thomé sowie die didaktischen Ableitungen für einen effektiven Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Erwerb orthographischer Kompetenz theoretisch zu fundieren, Stufenmodelle kritisch zu bewerten und aufzuzeigen, wie diese Erkenntnisse in der schulischen Praxis zur Förderung eingesetzt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Ausarbeitung, die den aktuellen Forschungsstand auf Basis einschlägiger Literatur (Modellstudien, Fachdidaktik) zusammenführt, analysiert und kritisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil wird das Entwicklungsmodell von Thomé detailliert vorgestellt und kritisch bewertet (hinsichtlich Hierarchie, theoretischer Konstruktion und der Unterscheidung von Lernertypen).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Schriftspracherwerb, orthographische Kompetenz, Entwicklungsphasen, phonologische Bewusstheit und didaktische Förderung definieren.
Warum ist die Unterscheidung in Basisgrapheme und Orthographeme so wichtig für Kinder?
Sie bietet für Schreiblerner eine notwendige Orientierung: Basisgrapheme stellen die einfachen, lautgetreuen Schreibungen dar, während Orthographeme komplexere Fälle abdecken, deren Vermittlung im Unterricht gezielter unterstützt werden muss.
Wie sollte laut der Autorin mit „Fehlern“ im Rechtschreibprozess umgegangen werden?
Fehler sollten nicht als bloße Normabweichungen oder Defizite gesehen werden, sondern als entwicklungsgerechte Versuche des Kindes, die Struktur der Schriftsprache aktiv zu konstruieren und zu verstehen.
- Arbeit zitieren
- Corinna Kühn (Autor:in), 2007, Kinder auf dem Weg zur orthographischen Kompetenz, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/85971