Allein die Tatsache, dass auch noch fast 200 Jahre nach Veröffentlichung der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm den Menschen unserer Zeit das Märchen ein Begriff ist, zeigt, dass es, wie die typische Endfloskel es besagt, noch nicht gestorben ist und noch heute lebt.
Es wird auch in näherer Zukunft nicht aussterben, denn es lebt zusätzlich in seinen Ablegern weitern. So wie Menschen ihre Eigenschaften über Generationen weitervererben, vererbt das Märchen seine Merkmale an andere Gattungen weiter, wie die der Phantastik, spezieller der phantastischen Literatur für Kinder und Jugendliche. Auf diese Art und Weise wird das Märchen nicht nur in seiner eigenen Gattung, sondern auch in deren Ablegern weiterleben.
In dieser Arbeit werde ich mich daher mit den beiden Gattungen des Märchens, dem Volks- und dem Kunstmärchen, und ihren Bezügen zur phantastischen Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Name und Begriff „Märchen“
2.1 Abgrenzungen zu benachbarten Gattungen
2.1.1 Sage
2.1.2 Legende
2.1.3 Mythos
2.1.4 Fabel
2.1.5 Schwank
2.2 Die Geschichte des Märchens
2.2.1 Altertum
2.2.2 Mittelalter
2.2.3 Neuzeit
2.3 Die Geschichte der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm
3 Die Struktur des europäischen Volksmärchens
3.1 Handlungsverlauf des europäischen Volksmärchens
3.1.1 Die Themen des europäischen Volksmärchens
3.2 Die Personen
3.2.1 Die Flächenhaftigkeit und Isolation der Märchenfiguren
3.2.1.1 Der körperliche Aspekt
3.2.1.2 Der seelische Aspekt
3.3 Der Märchenheld
3.3.1 Die Flächenhaftigkeit und Isolation des Märchenhelden
3.3.1.1 Seine Innenwelt
3.3.1.2 Seine Umwelt
3.4 Die jenseitigen Märchenfiguren
3.4.1 Ihre Flächenhaftigkeit und Isolation
3.5 Die flächenhaften und isolierten Beziehungen der Figuren untereinander
3.6 Requisiten
3.6.1 Die Gegenstände und ihre Flächenhaftigkeit und Isoliertheit
3.7 Die Welt des Märchens
3.7.1 Flächenhafte und isolierte Darstellung der Zeit
3.7.2 Die Weltordnung des Volksmärchens
3.7.3 Naive Ästhetik
3.7.4 Naive Moral
3.7.5 Wiederherstellung der vorübergehend gestörten Weltordnung
3.8 Abstrakter Stil des europäischen Volksmärchens
3.9 Eindimensionalität
3.10 Zusammenfassung zur Struktur des europäischen Volksmärchens
3.11 Untersuchung eines Volksmärchens
3.11.1 Frau Holle
3.11.2 Kurze Inhaltsbeschreibung
3.11.3 Typische und untypische Märchenmerkmale in „Frau Holle“
3.11.4 Handlungsverlauf
3.11.5 Darstellung der Figuren
4 Das Kunstmärchen
4.1 Definitionsversuch
4.2 Entwicklungsprozess vom Volks- zum Kunstmärchen
4.2.1 16. Jahrhundert
4.2.2 Zyklisches und instrumentales Geschehen und Erzählen
4.2.3 18. bis 19. Jahrhundert
4.2.4 Interner Perspektivenreichtum und interne Vielstimmigkeit
4.2.5 Charaktere im Kunstmärchen
4.3 Phantastik im Kunstmärchen
4.3.1 Phantastische Literatur- ein Definitionsversuch
4.3.1.1 Nach Todorov
4.3.1.2 Nach Caillois
4.3.1.3 Nach Marzin
4.4 Untersuchung eines Kunstmärchens
4.4.1 Der blonde Eckbert
4.4.2 Kurze Inhaltsangabe
4.4.3 Bezüge zum Volks- und Kunstmärchen sowie zur Phantastik
4.4.4 Handlungsverlauf
4.4.5 Darstellung der Figuren
5 Die phantastische Kinder- und Jugendliteratur- ein Ableger des Märchens
5.1 Abgrenzungen der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur zu benachbarten Gattungen
5.1.1 Science-Fiction
5.1.2 Fantasy
5.1.3 Utopie
5.2 Der Vergleich des Verhältnisses zum Phantastischen im Märchen und in der Phantastik und warum die Phantastik das Märchen ablöst
5.3 Historischer Entwicklungsprozess der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur
5.3.1 Die Zeit der Aufklärung
5.3.2 Die Epoche der Romantik
5.3.3 Die Zeit von Biedermeier bis Realismus
5.3.4 19./20. Jahrhundert
5.3.5 Die 50er und die 60er Jahre
5.3.6 Die 70er Jahre
5.3.7 Die 90er Jahre
5.4 Das Grundmuster der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur und Bezüge zum Märchen
5.4.1 Die reale Ebene
5.4.2 Wechsel von der realen zur imaginären Ebene
5.4.3 Die imaginäre Ebene
5.4.4 Erscheinungsformen der phantastischen Wesen
5.4.5 Die Funktion des Magischen
5.5 Abschließende Gedanken zur phantastischen Kinder- und Jugendliteratur
5.6 Untersuchung einer aktuellen phantastischen Kinder- und Jugendbuchreihe
5.6.1 Die Harry-Potter-Reihe
5.6.2 Kurze Inhaltsbeschreibung
5.6.3 Bezüge zum Märchen und zur phantastischen Kinder- und Jugendliteratur
5.6.4 Handlungsverlauf
5.6.5 Darstellung der Figuren
6 Abschließende Gedanken
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die strukturellen Merkmale von Volks- und Kunstmärchen und setzt diese in Bezug zur phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, dass das Märchen in seinen Gattungsnachfolgern weiterlebt und welche spezifischen narrativen Muster dabei übernommen oder transformiert werden.
- Strukturanalyse des europäischen Volksmärchens (Flächenhaftigkeit, Isolation, Eindimensionalität)
- Entwicklungsprozess vom Volksmärchen zum Kunstmärchen
- Definition und historische Entwicklung der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur
- Vergleich der Konzepte des Wunderbaren und der Realitätsebenen in Märchen und Phantastik
- Untersuchung aktueller Beispiele (u.a. "Frau Holle", "Der blonde Eckbert", Harry Potter)
Auszug aus dem Buch
3.1 Handlungsverlauf des europäischen Märchens
Der allgemeinste Handlungsverlauf des europäischen Volksmärchens folgt folgendem Schema: Problem und seine Lösung, Kampf und Sieg, Aufgabe und Lösung dieser und ein positives Ende.
Der detailliertere Handlungsverlauf lässt sich durch folgende Geschehnisse charakterisieren: Die Handlung beginnt mit einer Mangel- bzw. Notlage. Um dieser Mangellage zu entkommen, stellt sich der Held bzw. die Heldin der Erzählung einer Aufgabe, von deren Bewältigung im nächsten Schritt des Handlungsverlaufs berichtet wird. Dies ist die Grundform des Handlungsverlaufs im europäischen Volksmärchen.
Einige Märchenforscher arbeiteten zudem noch eine Vollform des europäischen Volksmärchens heraus, die auf einem Zweier- oder Dreierrhythmus basiert. Der Zweierrhythmus lässt sich durch das Auftauchen und Bewältigen von zwei Problemen erklären. Im Handlungsverlauf löst der Held die erste Aufgabe, die sich aber nur als Scheinlösung entpuppt, da daraufhin eine neue, die eigentliche Aufgabe gelöst werden muss. Das Märchen ist demnach zweigeteilt. Dies könnte ein beispielhafter Handlungsverlauf mit Zweierrhythmus sein: Der Held des Märchens gewinnt bei Lösung der ersten Aufgabe seine Braut, wird dieser aber wieder beraubt und muss erneut eine Aufgabe bewältigen, um diese wieder zurückzugewinnen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die Unsterblichkeit des Märchens und steckt den Forschungsrahmen für die Untersuchung des Volks- und Kunstmärchens sowie deren Bezüge zur phantastischen Literatur ab.
2 Name und Begriff „Märchen“: Dieses Kapitel widmet sich der etymologischen Herkunft sowie der historischen Entwicklung des Märchenbegriffs und grenzt das Märchen gegen verwandte Gattungen wie Sage, Legende, Mythos, Fabel und Schwank ab.
3 Die Struktur des europäischen Volksmärchens: Hier werden die zentralen Wesenszüge wie Flächenhaftigkeit, Isolation, abstrakter Stil und Eindimensionalität detailliert dargelegt und am Beispiel des Märchens „Frau Holle“ illustriert.
4 Das Kunstmärchen: Dieser Abschnitt analysiert das Kunstmärchen als künstliche, schriftlich fixierte Gattung, die sich aus dem Volksmärchen entwickelt, und untersucht am Beispiel von Tiecks „Der blonde Eckbert“ dessen Bezüge zur Phantastik.
5 Die phantastische Kinder- und Jugendliteratur- ein Ableger des Märchens: Das Hauptkapitel zeichnet den historischen Entwicklungsprozess des Genres nach, definiert dessen Strukturmuster und untersucht die Harry-Potter-Reihe als aktuelles Beispiel für die Fortführung märchenhafter Strukturen.
6 Abschließende Gedanken: Das Fazit bestätigt die These, dass das Märchen trotz seiner Transformationen in den verschiedenen Gattungen unsterblich bleibt und als strukturelle Basis für die moderne phantastische Literatur fungiert.
Schlüsselwörter
Märchen, Volksmärchen, Kunstmärchen, phantastische Literatur, Kinder- und Jugendliteratur, Strukturmerkmale, Flächenhaftigkeit, Isolation, Eindimensionalität, Handlungsverlauf, Harry Potter, Frau Holle, Der blonde Eckbert, Wunderbares, Motivgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem klassischen europäischen Volksmärchen, dem Kunstmärchen und der modernen phantastischen Kinder- und Jugendliteratur.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Gattungsspezifik des Märchens, die historische Entwicklung hin zur Phantastik, das Verhältnis von Realität und Wunderbarem sowie die Frage nach dem "Reifeprozess" der Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist der Nachweis, dass das Märchen seine gattungsspezifischen Strukturen an Ableger wie die Phantastik vererbt hat und somit in diesen Genres lebendig bleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die strukturalistische Analyse nach Max Lüthi und literaturwissenschaftliche Gattungstheorien, um Märchenmerkmale auf Texte der Phantastik anzuwenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der Märchenstruktur, die Genese des Kunstmärchens und die Untersuchung der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur anhand historischer Epochen und aktueller Buchreihen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Flächenhaftigkeit, Isolation, Eindimensionalität, Phantastik, Reifeprozess und die Untersuchung von Narrativen wie dem "Handlungsverlauf" oder der "Weltordnung".
Warum ist die Analyse von "Frau Holle" so bedeutend für diese Arbeit?
Das Märchen "Frau Holle" dient als idealtypisches Beispiel, um die Theorie der Volksmärchenstruktur (z.B. Isolierung des Helden, fehlende innere psychologische Tiefe) in der Praxis zu belegen.
Wie begründet der Autor, dass Harry Potter als Fortführung des Märchens gelten kann?
Der Autor führt an, dass Harry Potter zentrale Märchenmotive wie die Trennung von realer und magischer Welt, die Nutzung von "Märchenrequisiten" (wie Schlüssel oder Zauberstäbe) und den Reifeprozess durch Aufgabenbewältigung übernimmt.
- Arbeit zitieren
- Jennifer Roth (Autor:in), 2007, Märchen-Strukturmerkmale des Genres und Bezüge zur aktuellen phantastischen Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/85820