Benjamins Aufsatz von 1919 ist von einem für ihn typischen Ansatz gekennzeichnet. Nicht unmittelbar stürzt er sich in die Wirrungen des ausgewählten Sujets, sondern er lädt den Leser ein, sich mit ihm auf eine Erkenntnisreise zu begeben. Mittels der Darbietung von allgemeinen Meinungen, wie in „Schicksal und Charakter“, oder einer Schilderung von grundlegenden Thesen nimmt er den Leser, selbst sich als Leser offenbarend, an die Hand. Nicht aus den Fachbüchern, sondern aus dem Leben, aus dem Volk, aus den Büchern für das Volk hat er abgelesen. Allerdings hat er sich mit dem Ablesen nicht zufrieden gegeben, denn Benjamin wollte vom Ablesen zum Lesen selber kommen , zu dem, was ihm das Innere einer Sache selbst zu berichten hat. Der Ort der Wahrheit ist nach Benjamin nicht das Gemeine, welches zur Vermischung von Sphären neigt. Jede Existenz hat eine ihr eigene Authentizität, und die Wahrheit ist nicht eine Tatsache, die sich aus den Verbindungen ergibt .
Was Benjamin im angesprochenen Aufsatz motiviert, ist die Erfahrung von einem Sein, von etwas, was er in sich vorfindet, doch das diese Existenz sich nicht deckt mit dem gängigen Verständnis. So scheinen seine Einleitungen gleichzeitig Erklärungen für sein Vorhaben zu sein. Gerade wo Benjamin Ungerechtigkeiten vermutet, wird sein Verlangen nach Wahrheit, nach der Innerlichkeit eines Sachverhalts lebendig. Er strebt, den Gehalt auszuleuchten, das, was die Zeit überdauert und über den gegenwärtigen Konstellationen liegt. Dabei ist der Inhalt nicht an die Darstellung gebunden, sondern Wörter und Namen sollen „etwas mitteilen (außer sich selbst).“
Nur der Umweg, so Benjamins Methode, führt aus dem Alltäglichen in die Welt der Ideen. Und dieser Umweg muss nicht selten fälschliche Annahmen wie Geröll aus dem Weg räumen, um in die reineren Gefilde vordringen zu können. Zumindest bis an die Grenze, wo das Konkrete an das nicht mehr Mitteilbare stößt.
Inhaltsverzeichnis
I. Vorbemerkungen
II. Benjamins Hinführung
II.1 Kausalität und Vorhersage
II.2 Vom Wirken und Walten im Menschenleben
III. Schicksal
III.1 Irrtümliche Verbindungen
III.2 Fehlendes Glück, Religiosität und Recht als Überrest
III.3 Held der Tragödie
IV. Charakter
IV.1 Ethik des Charakters oder Moral der Handlung
IV.2 Charakter der komischen Person
IV.3 Sonne am farblosen Himmel
V. Der Schicksalsbegriff in weiteren Schriften Benjamins
VI. Nachwort
VI.1 Die Phänomenologie und der Begriff eidos bei Benjamin
VI.2 Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Walter Benjamins Aufsatz „Schicksal und Charakter“ mit dem Ziel, die von ihm vorgenommene Differenzierung dieser beiden Begriffe sowie seine Verteidigung der freien menschlichen Handlung vor deterministischen Deutungsmodellen herauszuarbeiten.
- Kritische Analyse der Verknüpfung von Schicksal und Charakter im Kontext traditioneller Moralvorstellungen.
- Untersuchung der Rolle des „Genius“ als Befreier des Individuums aus schicksalhaften Bindungen.
- Abgrenzung der Begriffe Schicksal, Schuld, Recht und Charakter im benjaminschen Denken.
- Methodische Einordnung durch Benjamins Sprachphänomenologie und die Bedeutung des Begriffs „eidos“.
- Reflektion über die Relevanz dieser frühen Schriften für Benjamins späteres philosophisches Werk.
Auszug aus dem Buch
III.1 Irrtümliche Verbindungen
Nachdem Benjamin sein Vorhaben, die Trennung der Zusammenhänge sowie der Kausalität, nun klar artikuliert hat, macht er sich sogleich an das morbide Umfeld, in welche die Begriffe vom ungesunden Volksglauben eingeordnet wurden. Den gebührenden Standort, in welchem sie sich emanzipieren und entfalten können, erstrebt Benjamin.
Ist gemeinhin, wie Benjamin konstatiert, der ethische Kontext die sinnstiftende Heimat für den Charakter, sonach ist das Schicksal nicht ohne religiösen Hintergrund zu denken. Ein klarer Irrtum und nicht länger legitim, von Benjamin mit den Worten: „Aus beiden Bezirken sind sie [...] zu verbannen“27 benannt.
Außerdem wurden sie dort einsortiert, es ist kein Akt der Begriffe selber gewesen. Der Mensch hat durch seinen Ordnungswahn, gepaart mit dem bloßen Leben, immer schon Entgleisungen provoziert. Der Verstand war schneller als das Hören und Lesen. Allein das animal rationale hat sich der Natur bemächtigt und in den Lauf eingegriffen.
Als Ursache der fälschlichen Beziehung zur Religion sieht Benjamin die Verbindung des Schicksals zur Schuld28.
„So wird, um den typischen Fall zu nennen, das schicksalhafte Unglück als die Antwort Gottes oder der Götter auf religiöse Verschuldung angesehen.“29
Eine Person hat sich etwas zu schulden kommen lassen und die Götter - oder der Gott - wissen die passende Antwort auf das Fehlverhalten. Sie sind die Hüter und Rächer des göttlichen Gesetzes. Interessant an dieser Konstruktion ist auch die Einordnung der Moral.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Vorbemerkungen: Einführung in die Begrifflichkeiten Schicksal und Charakter unter Berücksichtigung ihrer abnehmenden Verwendung im säkularisierten Zeitalter.
II. Benjamins Hinführung: Darstellung von Benjamins methodischem Ansatz, der nicht bei gängigen Definitionen verharrt, sondern ein tieferes Verständnis durch Erkenntnis anstrebt.
II.1 Kausalität und Vorhersage: Analyse und Zurückweisung der Auffassung, dass Schicksal und Charakter kausal miteinander verbunden seien oder das Weltgeschehen determinierten.
II.2 Vom Wirken und Walten im Menschenleben: Erläuterung der Untrennbarkeit von Schicksal und Charakter im Menschenleben bei gleichzeitiger Ablehnung einer starren, trennenden Theorie.
III. Schicksal: Untersuchung der wahren Bestimmung des Schicksalsbegriffs als ein von der Moral losgelöstes Phänomen.
III.1 Irrtümliche Verbindungen: Kritik an der moralisch-religiösen Fehlverknüpfung von Schicksal und Schuld im Volksglauben.
III.2 Fehlendes Glück, Religiosität und Recht als Überrest: Erörterung der Problematik des Glücks und der Rolle des Rechts als Instanz, die Schicksal verurteilt.
III.3 Held der Tragödie: Analyse der Rolle des Genius als tragische Figur, die das Schicksal im Opfer durchbricht.
IV. Charakter: Verortung des Charakters in einer Sphäre außerhalb des Schicksals, mit Fokus auf die Einzigartigkeit des Individuums.
IV.1 Ethik des Charakters oder Moral der Handlung: Argumentation, dass nicht der Charakter, sondern nur die Handlung moralisch beurteilbar ist.
IV.2 Charakter der komischen Person: Verwendung der Charakterkomödie zur Distanzierung von psychologischer Interpretation des Charakters.
IV.3 Sonne am farblosen Himmel: Zusammenführung der Ergebnisse zur Freiheit des Individuums und seiner Fähigkeit zur echten Handlung.
V. Der Schicksalsbegriff in weiteren Schriften Benjamins: Überblick über die vielfältige Verwendung des Schicksalsbegriffs in verschiedenen Lebensphasen Benjamins.
VI. Nachwort: Abschließende Reflexion über die Schwierigkeit einer Definition der Begriffe und Benjamins Rolle als Kritiker seiner Zeit.
VI.1 Die Phänomenologie und der Begriff eidos bei Benjamin: Untersuchung der methodischen Einflüsse auf Benjamin, insbesondere durch die Phänomenologie.
VI.2 Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Arbeit und der methodischen Auseinandersetzung des Autors mit dem Werk Benjamins.
Schlüsselwörter
Walter Benjamin, Schicksal, Charakter, freie Handlung, Genius, Schuld, Moral, Phänomenologie, eidos, Erkenntnisreise, Tragödie, Weltgeschehen, Individuum, Sprache, Erkenntniskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Hausarbeit?
Die Arbeit analysiert Walter Benjamins frühen Aufsatz „Schicksal und Charakter“ und seine Verteidigung der menschlichen Handlungsfreiheit gegen deterministische Interpretationen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Abgrenzung zwischen Schicksal und Charakter, das Verhältnis von Schuld und Recht sowie die Rolle der menschlichen Erkenntnis und des „Genius“.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Benjamins methodische Herangehensweise darzulegen, die darauf abzielt, die Begriffe aus ihrer traditionellen „terminologischen Fron“ zu befreien und ihr ursprüngliches Wesen zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor orientiert sich methodisch an Benjamins eigener „Sprachphänomenologie“ und versucht, durch eine unvoreingenommene, kontemplative Lektüre der Texte zu Erkenntnissen zu gelangen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die einzelnen Abschnitte von Benjamins Aufsatz systematisch durchlaufen, kritisch hinterfragt und in den breiteren Kontext von Benjamins Lebensphilosophie und späteren Schriften gestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Walter Benjamin, Schicksal, Charakter, freie Handlung, Schuld, Genius und Phänomenologie charakterisieren.
Wie unterscheidet Benjamin laut dieser Arbeit den Charakter von moralischen Kategorien?
Benjamin postuliert, dass der Charakter selbst nicht moralisch bewertbar ist, da nur konkrete Handlungen nach moralischen Prinzipien als richtig oder falsch eingestuft werden können.
Welche Rolle spielt der Begriff des „Genius“ in Benjamins Theorie?
Der Genius fungiert als eine Instanz, die durch Selbsterkenntnis die Verstrickung in das dämonische Schicksal und die damit verbundene Schuld durchbricht, um in Freiheit zu handeln.
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- Hauke Reher (Author), 2007, Zu Walter Benjamins Aufsatz "Schicksal und Charakter" - eine Verteidigung der freien Handlung , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/83262