„So heißt das Musikinstrument ‚Aulos’, weil die Luft hindurch geht, und alles was, geradlinig ausgestreckt ist, nennen wir Aulos, wie das Stadion und den Blutstrom.“
(Athenaios, Deipnosophistai V, 189 b,c) Auf diese Weise erklärt Athenaios (um 200 nach Chr.) in seinem „Gelehrtenmahl“ das Wort ‚Aulos’ (αυλός), und führt anschließend weitere Übersetzungsmöglichkeiten für ‚Aulos’ oder etymologisch sehr nah verwandte Wörter auf. So seien auch ‚Hof’, ‚Abgrund’, ‚Höhle’ und ‚Palast’ damit bezeichnet worden. Das Wort selbst ist indogermanischer Herkunft; ob die Indogermanen darunter jedoch schon ein Blasinstrument verstanden, oder aber damit einfach eine Röhre oder einen Hohlraum bezeichneten, hat sich bis heute noch nicht klären lassen. Man ist sich nicht einmal sicher, ob in der früheren Instrumentengeschichte ‚Aulos’ nicht nur als ein übergeordneter Sammelbegriff für Blasinstrumente fungierte.
Der Aulos war ein Instrument, das in der Regel paarig gespielt wurde. Das bedeutet, dass zwei unabhängige Röhren, in einem spitzen Winkel zueinander, gleichzeitig verwendet wurden, und dass der Aulet zwei Mundstücke zugleich bewältigen musste. Daraus geht auch die häufig gebrauchte Pluralform ‚Auloi’ hervor, die demnach nicht unbedingt mehrere Instrumentalisten voraussetzen muss.
Die Bohrung der Röhren war meist zylindrisch oder nur minimal konisch, wie es dem natürlichen Wachstum von Knochen, Schilfrohren oder Hölzern entspricht. Den ursprünglichen, einfachen Aulos beschreibt der griechische Schriftgelehrte Pollux (2. Hälfte des 2. Jh. nach Chr.) in seinem „Namenslexikon“ derart exakt, dass man sich genaue Vorstellungen von diesem Instrument machen kann (Abbildung 1):
Bombyx (βόµβυξ) bezeichnet die Röhre, in die die Trypemata (τρυπήµατα), die Grifflöcher, eingearbeitet sind. Zwischen Bombyx und dem Mundstück Zeugos (ζευγος), das manchmal auch nur durch das Teilstück Glotta (γλωττα), die sogenannte Zunge, umschrieben wird, sitzen zwei eiförmige Zwischenstücke, Holmos (όλµος) und Hypholmion (υφόλµιον).
Inhaltsverzeichnis
1 Definition
2 Die Entwicklungsgeschichte des Aulos
2.1 Von der Frühgeschichte bis zur dorischen Wanderung
2.2 Die Zeit der Geometrischen Stile und die Archaische Zeit
2.3 Von der Klassik bis zur Spätantike
3 Das Mundstück des Aulos
4 Aufführungstechnik
4.1 Dopplung der Röhren
4.2 Überblasen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Seminararbeit untersucht den Aulos als zentrales Musikinstrument der griechischen Antike. Dabei liegt der Fokus auf der etymologischen Definition, der historischen Entwicklung von der Frühgeschichte bis zur Spätantike, der komplexen Beschaffenheit der Mundstücke sowie der speziellen Aufführungstechnik, insbesondere der Dopplung der Röhren und der Problematik des Überblasens.
- Etymologische Herleitung und Definition des Begriffs „Aulos“
- Entwicklungsgeschichte des Instruments von der minoischen Kultur bis zur römischen Tibia
- Analyse der verschiedenen Thesen zur Bauart und Funktion der Aulos-Mundstücke
- Untersuchung der Spieltechniken, insbesondere der Dopplung der Röhren und des Überblasens
Auszug aus dem Buch
3 Das Mundstück des Aulos
Das Mundstück des Aulos stellt ein elementares Teil des Instruments dar, denn ohne dieses kann kein Ton produziert werden. Abgesehen davon spielt es eine wichtige Rolle in Bezug auf das physikalische Verhalten des Instruments beim Überblasen und nimmt außerdem großen Einfluss auf Klang und die Lautstärke.
Jedoch anzunehmen, dass im ganzen, weit ausgedehnten Gebiet, in dem der Aulos gespielt wurde, über den außerordentlich langen Zeitraum von annähernd zwei Jahrtausenden Mundstücke gleicher Art verwendet wurden, erscheint unnatürlich, ja beinahe vermessen. Bedauernswerter Weise ist kein Mundstück erhalten geblieben – anders als in Ägypten –, und ist deshalb großer Spielraum entstanden für Spekulationen um den einzigen Text, der den Bau der Mündstücke überliefert, und dessen Interpretation.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Definition: Dieses Kapitel erläutert die etymologische Herkunft des Wortes „Aulos“ und definiert ihn als meist paarig gespieltes Blasinstrument.
2 Die Entwicklungsgeschichte des Aulos: Hier wird der Ursprung des Instruments in der ägäischen und indogermanischen Kultur sowie dessen Verbreitung durch den Dionysoskult und die Alexanderfeldzüge nachgezeichnet.
3 Das Mundstück des Aulos: Dieses Kapitel untersucht die zentrale Bedeutung und die unterschiedlichen wissenschaftlichen Theorien zur Bauart des Aulos-Mundstücks.
4 Aufführungstechnik: Hier werden die Techniken der Dopplung der Röhren sowie die umstrittene Spielpraxis des Überblasens bei antiken Instrumenten analysiert.
Schlüsselwörter
Aulos, antike Musik, Musikinstrumente, Griechenland, Mundstück, Doppelrohrblatt, Aufschlagzunge, Überblasen, Spieltechnik, Archäologie, Ikonographie, Aulosspieler, Aulet, Instrumentenbau, Antike.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Aulos, dem bedeutendsten Blasinstrument der griechischen Antike, und beleuchtet dessen geschichtliche Entwicklung und Spielweise.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition, der historischen Entwicklung, den verschiedenen Konstruktionsweisen der Mundstücke und den spezifischen Aufführungstechniken.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Aulos als komplexes Instrument der Antike zu beschreiben und die strittigen Fragen bezüglich der Mundstückbauweise und der Spieltechnik auf Basis archäologischer und literarischer Quellen zu erörtern.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, dem Studium antiker Quellen sowie der Auswertung archäologischer Funde und ikonographischer Zeugnisse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Entwicklungsgeschichte, die Untersuchung der Mundstückfrage und die Analyse der Aufführungstechnik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Aulos, antike Musik, Instrumentenbau, Mundstücktechnik und Spielpraxis.
Warum ist die Identifizierung des Mundstücks so schwierig?
Es sind keine Mundstücke archäologisch erhalten geblieben, weshalb die Forschung auf Spekulationen und Interpretationen antiker Texte angewiesen ist.
Was besagt die These von Heinz Becker zum Mundstück?
Becker vertritt die Ansicht, dass es sich um eine Aufschlagzunge handelt, die fest mit dem Mundstück verbunden war.
Wie erklärt sich die Pluralform "Auloi"?
Da der Aulos in der Regel paarig gespielt wurde, leitet sich daraus die Pluralform ab, die jedoch nicht zwingend mehrere Spieler voraussetzt.
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- Mag. Art; Mag. Phil Heike Sauer (Author), 2006, Der Aulos. Historische Entwicklung und Aufführungstechnik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/79665