„Weg frei für Gespräche mit Türkei über EU-Beitritt“ (Bolesch 2005 a: 1). So lautete am 04.10.2005 die Überschrift eines Artikel auf der Titelseite der „Süddeutsche Zeitung“. Zwar bezeichnet jener Artikel die Umstände, unter denen es zur Aufnahme jener Beitrittsverhandlungen gekommen ist, als „chaotisch“ und doch ist dem derzeitigen türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan mit der gemäßigt – islamistischen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) die Aufnahme von Gesprächen gelungen. Seit dem Erreichen der absoluten Mehrheit im Jahre 2002 brachte Erdogan Reformen auf den Weg, die einerseits eine Voraussetzung für die Aufnahme in die Europäische Union (EU) darstellen, „die aber gleichzeitig einen radikalen Bruch mit den kemalistischen Traditionen bedeuten“ (Agai 2004: 18).
Wie dieser Bruch im Einzelnen aussieht, wird diese Arbeit klären. So werden als Maßstab zur Bewertung vor allem zwei Parameter genutzt werden. Hierbei handelt es sich zum einen um den etatistischen Säkularismus und zum anderen um die islamische Tradition. So versteht man unter etatistischem Säkularismus im Rahmen der kemalistischen Ideologie einen Staat, der Einfluss auf die Kernbereiche der Wirtschaft nimmt und der sich von der Kirche strikt abgrenzt, während islamische Tradition die Umsetzung von religiösen Prinzipien und Normen unter Berufung auf den Islam meint. Zu unterscheiden ist die islamische Tradition vom Islamismus, der dagegen eine kompromisslose, islamische Ideologie vertritt (Elger (Hrsg.) 2003: 101 ff.). Dagegen sind Etatismus und die Trennung von Staat und Kirche zwei von sechs durch den Staatsgründer Kemal etablierten Prinzipien, so dass im Rahmen dieser Untersuchung auch die anderen vier Prinzipien, auf die in der Folge eingegangen werden wird, berücksichtigt werden müssen. Die Auflösung des scheinbaren Widerspruchs zwischen Säkularismus und islamischer Tradition, die Rolle des Kemalismus, eine Untersuchung der wichtigsten Akteure und eine Projektion auf die aktuelle Situation wird Thema dieser Arbeit sein.
Es gilt zu klären, ob trotz des Säkularismus der Islam Einfluss auf die staatliche Orientierung nimmt; also ob die Türkei ein traditioneller, islamischer Staat oder eher ein westlich zugeneigter, aufgeklärter Beitrittskandidat ist. Weiterhin wird aufzuschlüsseln sein, ob die Prinzipien des eben bereits erwähnten Kemalismus, verknüpft mit dem Islam, überhaupt eine so feste Bindung an den Westen zulassen und welche Akteure hier im Einzelnen das politische System der Türkei und dessen Prozesse beeinflussen. Ebenso wichtig ist es auszuzeigen, wie wahrscheinlich die dauerhafte Einhaltung der Kopenhagener Kriterien, die seit 1993 u.a. eine stabile rechtsstaatliche Grundlage, die Wahrung der Menschenrechte und ein Schutz von Minderheiten verlangen, ist.
Die Türkei ist mit derzeit ca. 70 Millionen Einwohnern das größte Mittelmeerland, mit einem Teil seines Territoriums auf europäischer und einem anderen Teil auf dem asiatischen Kontinent und besitzt somit eine Brückenfunktion zwischen den Kontinenten mit einer außergewöhnlichen, strategischen Bedeutung. Als einziges vorwiegend islamisches Land trennt es Staat und Kirche. Im Laufe des geschichtlichen Überblicks (2.1) wird erläutert werden, wie es zum einen zu dieser Brückenfunktion und zum anderen zur Trennung von Staat und Kirche kam. Im zweiten Teil des Hauptteils geht die Arbeit dann auf innenpolitische Restriktionen ein. Gemeint sind damit Faktoren und Akteure, die Einfluss auf das politische System der Türkei nehmen. Genauer betrachtet werden, sollen hier vor allem die Parteien im politischen System (2.2.1.), der Islam und der Kemalismus (2.2.2.), die Rolle des Militärs (2.2.3.), sowie die Rolle der Minderheiten.
Gliederung
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Geschichtlicher Überblick
2.1.1. Das Ende des Osmanischen Reichs und die Gründung der kemalistischen Republik Türkei
2.1.2. Die Türkei nach 1945
2.2. Innenpolitische Restriktionen
2.2.1. Die Parteien im politischen System
2.2.2. Islam und Kemalismus
2.2.3. Die Rolle des Militärs
2.2.4. Die Rolle der Minderheiten
3. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem etatistischen Säkularismus und der islamischen Tradition im politischen System der Türkei. Ziel ist es zu klären, ob die Türkei ein traditionell-islamischer Staat oder ein westlich orientierter, säkularer Beitrittskandidat ist, und welche Akteure diese Entwicklung beeinflussen.
- Die historische Entwicklung von der Gründung der Republik Türkei bis zur Gegenwart.
- Die Rolle der kemalistischen Prinzipien und des Islam im politischen System.
- Einflussfaktoren wie das Militär und die Parteienlandschaft.
- Der Umgang mit Minderheiten und deren gesellschaftliche Integration.
- Die Auswirkungen des EU-Beitrittsprozesses auf das politische System.
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Das Ende des Osmanischen Reichs und die Gründung der kemalistischen Republik Türkei
Die Gründung der Republik Türkei lässt sich nur aus der historischen Entstehung betrachten. Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts erweiterten die Osmanen ihren Einflussbereich. Eine Ausdehnung des Herrschaftsraumes auf die arabischen Länder gelang bis zum 16. Jahrhundert. Im Jahre 1683 standen die Truppen des Osmanischen Reichs sogar vor den Toren Wiens. Allerdings gelang es, trotz größter Anstrengungen, nicht, das Osmanische Reich in einer den europäischen Staaten ebenbürtigen Weise zu gestalten. So endete die Herrschaft der Osmanen nach dem Ersten Weltkrieg mit der Gründung der Republik Türkei (Elger (Hrsg.) 2003: 84).
Die Osmanen hatten sich zuvor mit dem Deutschen Reich verbündet und traten dann auch als deren Verbündete in den Krieg ein. Die logische Folge dessen war ein Mehrfrontenkrieg, in dem man gegen Russland im Kaukasus, im Irak und am Suezkanal gegen Großbritannien und gegen rebellierende Araber im eigenen Land kämpfen musste, denen durch Großbritannien nach deren Unterstützung ein eigener Staat versprochen worden war. Am 30.10.1918 ergab sich dann die Osmanische Führung im Waffenstillstand von Mudros den Siegermächten. Um die noch immer aufständischen Nationalisten in Anatolien zur Ordnung zu rufen, wurde der im Krieg vielfach bewährte Feldherr Mustafa Kemal zum Armeeinspekteur der türkischen Truppen bestellt und am 19.05.1919 auf Befehl des Sultans nach Anatolien entsandt. Statt jedoch den Aufstand zu beenden setzte er sich an dessen Spitze. Gestützt wurde die Lage der revolutionären Kräfte durch den Friedensvertrag von Sèvres, der am 10.08.1920 durch eine Delegation des Osmanischen Reiches unterschrieben wurde. Dieser Vertrag sah vor, dass den Türken lediglich ein Bruchteil ihres bisherigen Staatsgebietes bleiben sollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die aktuelle politische Situation der Türkei im Hinblick auf den EU-Beitritt ein und definiert die zentralen Untersuchungsparameter Säkularismus und Islam.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert historisch die Gründung der Republik sowie detailliert die innenpolitischen Restriktionen durch Parteien, das Militär, den Islam und die Minderheitenpolitik.
3. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Wandlungsfähigkeit der Türkei zwischen säkularen Prinzipien und islamischer Tradition und bewertet den Einfluss des EU-Beitrittsprozesses.
Schlüsselwörter
Türkei, Kemalismus, Islam, Säkularismus, EU-Beitritt, Militär, Parteiensystem, Minderheiten, Republik Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, Innenpolitik, Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit, Osmanisches Reich, Reformen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das politische System der Türkei im Kontext des Spannungsverhältnisses zwischen dem kemalistischen Säkularismus und der islamischen Tradition.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die historische Entstehung des Staates, der Einfluss des Militärs auf die Politik, die Parteienlandschaft und die Situation religiöser sowie ethnischer Minderheiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es zu erörtern, ob die Türkei trotz des verankerten Säkularismus einen eher islamisch geprägten Weg verfolgt oder sich erfolgreich an westliche Standards anpasst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Bestandsaufnahme auf Basis von Literaturanalysen und historischer Herleitung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Überblick und eine Untersuchung innenpolitischer Restriktionen, die durch Akteure wie das Militär und politische Parteien ausgeübt werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Kemalismus, Laizismus, Minderheitenrechte, EU-Beitrittsprozess und das Wirken des Militärs als Schutzmacht der Republik definiert.
Welche Rolle spielte der Militärputsch von 1980 für die heutige Verfassung?
Der Putsch von 1980 führte zu einer neuen Verfassung, die den Islam stärker einband, Grundrechte einschränkte und dem Militär im Nationalen Sicherheitsrat maßgeblichen Einfluss auf die Politik sicherte.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der aktuellen AKP-Regierung?
Der Autor sieht in der AKP eine Partei, die den Reformprozess im Hinblick auf den EU-Beitritt intensiviert hat, wobei jedoch bei liberalen Kreisen weiterhin Sorgen bezüglich einer möglichen schleichenden Islamisierung bestehen.
Warum wird die Situation der Minderheiten als problematisch betrachtet?
Die Arbeit verdeutlicht, dass die kemalistische Ideologie auf eine gesellschaftliche Homogenisierung abzielt, wodurch die Anerkennung kultureller Unterschiede und die Interessen von Minderheiten wie den Kurden lange Zeit verleugnet wurden.
- Arbeit zitieren
- Dipl. Pol. Lars Neitzel (Autor:in), 2005, Die Türkei - zwischen etatistischem Säkularismus und islamischer Tradition, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/78509