Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland veranlasste Anna Seghers und viele andere antifaschistische Schriftsteller und Intellektuelle 1933 ins Ausland zu emigrieren. Im Ausland versuchten Schriftsteller wie Becher, Brecht und Seghers von Beginn an die intellektu-ellen Kräfte des Exils zu bündeln, gemeinsame Ziele zu definieren und Aktionen zu starten. Sie wollten so eine breite Koalition gegen Hitler schmieden, der nicht nur Kommunisten sondern auch andere antifaschistischen Kräfte angehören sollten. Sie entwickelten hier schon einen Gedanken für den kulturellen Bereich, wie er dann 1935 auf dem VII. Kongress der Komintern als Volksfrontgedanke zur politischen Losung im Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus wurde. War man sich unter den antifaschistischen Schriftstellern einig, dass ihre Arbeiten Waffen im Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus sein sollten, so gab es doch Diskussionen darüber, wie eine marxistische Kunst beschaffen sein müsse, um das zu leisten. Schon seit dem Ende der Weimarer Republik wanderten die Diskussionen linker Intellektueller um die Themen Erbe, Tradition und Realismus in der marxistischen Kunst. Eine dieser öffentlich geführten Dis-kussionen war die Realismus/Expressionismus - Debatte.
Die Debatte begann mit zwei Aufsätzen von Klaus Mann und Gottfried Kurella in der in Moskau erscheinenden volksfrontnahen Zeitschrift Das Wort im September 1937 und galt 1938 als beendet. Sie wurde vor allem zwischen Georg Lukács auf der einen Seite und Ernst Bloch, Bertolt Brecht sowie Anna Seghers auf der anderen Seite geführt. Es ging dabei vorrangig um die Definierung eines Realismusbegriffes und um die Methoden, mit der der Künstler die Wirklichkeit darzustellen habe. Im Speziellen wurde darüber diskutiert, in wie weit der Expressionismus bzw. Techniken des Expressionismus einen Platz in der marxistischen Kunst hätten.
In der Arbeit wird untersucht, inwieweit die 1936 entstandene und 1938 in der Zeitschrift "Das Wort" veröffentlichte Erzählung "Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok" eine literarische Antwort auf die Debatte sein könnte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Die Realismus/Expressionismus – Debatte
2. Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok
2.1 Die Sagen im Kontext von Seghers Exilwerk
2.2 Handlung und Figuren
2.3 Die Motive und das Mittel des Erzählens
2.4 Das Vorwort und die Kunstthematik
3. Schluss: Die ‚Sagen’ als Seghers Beitrag zur Debatte und ein Ausblick auf Späteres
4. Literaturliste
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit Anna Seghers’ Erzählung "Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok" als literarische Positionierung innerhalb der Realismus/Expressionismus-Debatte der 1930er Jahre verstanden werden kann und wie sie ästhetische Vielfalt zur Wirklichkeitsdarstellung nutzt.
- Die Realismus/Expressionismus-Debatte im Exil
- Wechselspiel von Individualität und Gemeinschaft
- Die Rolle von Mythen und Sagen als künstlerische Ausdrucksmittel
- Einfluss von Musik und Trauminhalten auf die Wahrnehmung
- Künstlerische Antwort auf politische Indienstnahme
Auszug aus dem Buch
2.3 Die Motive und das Mittel des Erzählens
Trotz des Nebeneinanders von Individuum und Gemeinschaft, beinhaltet die Erzählung einen Konflikt zwischen beiden, der den Tod des Individuums Woynok zur Folge hat (vgl. Kaufmann S.120.). Durch diesen Konflikt, meint Kaufmann, „[…] sind der Wert und Bedeutung des Individuums besonders hervorgehoben“ (vgl. ebd.S.119).Ich unterstütze diese These und möchte an Hand bestimmter Mittel und Motive in der Erzählung versuchen zu erklären warum.
Es wurde oben schon angedeutet, dass Seghers durch das Sagenhafte des Woynok das Erzählen selbst thematisiert. Woynok ist aber nur dann das sagenhafte Individuum für die Räuber über das erzählt wird, wenn er sich nicht bei der Bande aufhält, sondern wenn er sich als Einzelgänger von ihr distanziert. Sowie die Distanz nachlässt, weil er sich im Kreise der Gemeinschaft befindet, lässt auch die Erinnerung an das Individuum nach: „Das ganze Jahr über, das Woynok in ihrer Mitte verbrachte, hatten die Räuber nie mehr über Woynok nachgedacht. Man könnte sagen, daß sie ihn vergessen hatten“. (Seghers 1994 S.42) Das Individuum ist hier nur durch die Distanz von der Gemeinschaft in ihr präsent. Ebenso kann sich das Individuum nur entfalten, wenn es sich von der Gemeinschaft löst.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Realismus/Expressionismus – Debatte: Dieses Kapitel erläutert den historischen Hintergrund der Debatte über marxistische Kunst im Exil und die verschiedenen Positionen von Georg Lukács sowie Ernst Bloch und Anna Seghers.
2. Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok: Das Hauptkapitel analysiert den Kontext, die Figurenkonstellation, die erzählerischen Mittel sowie die Vorrede des Werkes in Bezug auf Seghers' Verständnis von Realismus und künstlerischer Formgebung.
3. Schluss: Die ‚Sagen’ als Seghers Beitrag zur Debatte und ein Ausblick auf Späteres: Das Fazit fasst zusammen, dass die Erzählung gegen ein Schwarz-Weiß-Denken plädiert und zeigt, wie Seghers ihre ästhetischen Prinzipien auch in ihrem späteren Werk konsequent weiterverfolgte.
4. Literaturliste: Die Liste umfasst die verwendete Primärliteratur sowie die wissenschaftliche Sekundärliteratur zur Einordnung der Erzählung.
Schlüsselwörter
Anna Seghers, Realismus, Expressionismus, Exilliteratur, Volksfront, Woynok, Individuum, Gemeinschaft, Mythos, Sage, Kunsttheorie, Georg Lukács, Ernst Bloch, Wirklichkeitsdarstellung, Literaturkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Erzählung "Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok" von Anna Seghers im Kontext der historischen Realismus/Expressionismus-Debatte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Beziehung zwischen Individuum und Gemeinschaft, die Rolle der Kunst im antifaschistischen Kampf und die ästhetische Vielfalt der Erzählweise.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, ob die Erzählung als bewusster Beitrag Seghers zur Debatte über die richtige Methode der künstlerischen Wirklichkeitsdarstellung im Exil fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse durchgeführt, die den Text im Kontext biographischer Umstände, zeitgeschichtlicher Debatten und zeitgenössischer Literaturkritik interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehungsbedingungen der Erzählung, das Spannungsfeld zwischen Räuberbande und Einzelgänger sowie die Bedeutung von Musik, Sagenmotiven und der Vorrede.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind insbesondere der Realismusbegriff, die Rolle der Individualität, das Volksfront-Konzept und die Bedeutung des Mythischen als Mittel zur Wirklichkeitserschließung.
Wie interpretiert der Autor das Augenmotiv in der Erzählung?
Das Augenmotiv dient als Symbol für die Wandelbarkeit von Menschen und Situationen, was die Notwendigkeit künstlerischer Flexibilität und einer Abkehr vom starren Schwarz-Weiß-Denken unterstreicht.
Welche Bedeutung hat das Vorwort der Erzählung?
Das Vorwort wird als eine Art "Gebrauchsanleitung" gedeutet, die die Wirkung der Kunst als Mittel zur Berührung des menschlichen Inneren und zur Erzeugung von Distanz und Bewusstmachung hervorhebt.
- Quote paper
- Heiko Moschner (Author), 2006, Die Erzählung "Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok" von Anna Seghers, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/76357