Ob Völkermord in Ruanda oder Burundi, der Kampf der Timoresen um Unabhängigkeit, die Verfolgung chinesischstämmiger Indonesier nach dem Ende der Suharto-Diktatur, Gewalt und Vertreibung auf dem Balkan, die Hinwendung deutsch-türkischer Jugendlicher zum Islam oder der Krieg zwischen der PKK und der türkischen Armee – viele gesellschaftliche Prozesse und Auseinandersetzungen, die oft genug mit extremer Gewalt und Brutalität verbunden sind, werden als ‚ethnisch’ qualifiziert (Sökefeld 2001)1.
Viele PolitikerInnen und JournalistInnen haben eine einfache und simple Erklärung für die Ursachen von Bürgerkriegen. Während die zwischenstaatlichen, sog. Stellvertreterkriege Konflikte des Kalten Krieges vor allem auf ideologische Faktoren zurückgeführt wurden, neigen JournalistInnen, PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen seit den 90er Jahren oft dazu, Bürgerkriege auf monokausale Ursachen wie kulturelle Faktoren (Wiedererwachen alter ethnischer Spannungen) oder ökonomische Faktoren (private Bereicherung) zurückzuführen. So behauptete z. B US-Präsident George Bush Senior, dass der Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien zwischen Bosniern, Serben, Kroaten und Muslimen seine Ursachen in „age-old animosities“ hatte (Brown 2001: 3).
Es ist offensichtlich, dass die ethnische Begründung und Etikettierung dieser Bürgerkriege und der innergemeinschaftlichen Gewalt häufig benutzt wird, um die fundamentaleren ökonomischen und sozio-politischen Faktoren, welche vielfach für den Ausbruch von Bürgerkriegen verantwortlich sind, in den Hintergrund zu drängen. So wenig aber Charakterisierungen wie „Klassenkonflikte“ oder „Stellvertreterkriege“ geeignet waren, die komplexen Ursachen von Gewaltkonflikten auf den Begriff zu bringen, so wenig tragen Bezeichnungen wie „ethnischnationalistisch“, „ethnisch-religiös, „ethno-demographisch“ oder gar „ethnoökologisch“ zur Aufklärung über die Entstehungsgründe gegenwärtiger Gewaltkonflikte bei.
Im Gegenteil, sie verschleiern, was es aufzudecken gilt. Dass sich Konfliktparteien entlang ethnischer oder religiöser Bande formieren, ist nicht der Ausgangspunkt, sondern das Resultat konflikterzeugender sozialer Entwicklungen und Transformationsprozesse. Im Zusammenhang mit der Untersuchung der Ursachen kriegerischer Konflikte besitzen die genannten Begriffe nur wenig Erklärungskraft (Siegelberg 1994: 33).
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1. Einführung ins Thema
2. Die Forschungstheorien
II. Hauptteil
1. Definitionen der wichtigsten Begriffe
1.1 Ethnische Identität
1.2 Ethnische Gruppen
1.3 Ethnischer Konflikt
2. Ursachen ethnischer Konflikte
2.1 Externe Faktoren
2.1.1 Koloniales Erbe
2.1.2 Globalisierung und Liberalisierung
2.1.3 Modernisierung
2.2.1 Interne Faktoren
2.2.2 Schwacher Staat
2.2.3 Kollektive Angst
2.2.4 Diskriminierung
2.2.5 Repression
2.2.6 Demokratisierung
2.2.7 Politisierung von Ethnizität
2.2.8 Kampf um Ressourcen
2.2.9 Emotionen und verfälschte Geschichte
3. Fallbeispiel: Der Bürgerkrieg im Sudan (1955 - 1989)
3.1 Historischer Hintergrund des Konflikts
3.1.1 Vorkoloniale Phase
3.1.2 19. Jahrhundert: kolonialherrschaftliche Phase
3.1.3 Unabhängigkeitsbewegung (1953-1955)
3.1.4 Die Zeit von 1972 bis 1983
3.1.5 Neueste Entwicklungen
III. Fazit
IV. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexen Ursachen ethnischer Konflikte und hinterfragt dabei die Wirksamkeit monokausaler Erklärungsmodelle. Das primäre Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen sozio-politischen Entwicklungen, staatlicher Schwäche und der Politisierung ethnischer Identität zu analysieren, um so ein tieferes Verständnis für die Entstehungsdynamiken moderner Gewaltkonflikte zu gewinnen.
- Theoretische Auseinandersetzung mit den Begriffen Identität und Ethnie
- Differenzierung zwischen internen und externen Konfliktfaktoren
- Analyse des Bürgerkriegs im Sudan als historisches Fallbeispiel
- Diskussion über die Rolle der Politisierung bei der Identitätsbildung
- Untersuchung der Bedeutung staatlicher Institutionen in Konfliktkontexten
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Schwacher Staat
Einige Staaten sind schwach geboren. Viele dieser Staaten sind aus den ehemaligen Kolonialreichen entstanden und sind künstliche Gebilde (Afrika, Südostasien). Diesen Konstrukten fehlt es an politischer Legitimität, politischer Sensibilität und politischen Kontrollinstanzen. In vielen Teilen der Welt, wahrscheinlich am ausgeprägtesten in Afrika, wurden die Staaten mit der Zeit immer schwächer. Vielfach wurde dies durch externe Entwicklungen beeinflusst (Reduzierung der Auslandhilfe, Güterentwertung usw.). Andere Staaten wurden aufgrund weit verbreiteter Korruption, administrativer Inkompetenz und der Unfähigkeit, ökonomisches Wachstum zu generieren, geschwächt. Wenn die staatlichen Strukturen schwächer werden, sind gewaltsame Konflikte häufig die Konsequenz; Machtkämpfe zwischen PolitikerInnen und „Möchtegern-PolitikerInnen“ nehmen zu. Lokalführer werden zunehmend unabhängiger, was zum Entstehen von Warlords führen kann. ethnische Gruppen, welche bis anhin durch die staatliche Macht unterdrückt worden sind, erklären sich für politisch aktiv (die Folge ist Autonomie vom Staat oder gar Gründung eines eigenen Staates). Kriminelle Organisationen verbreiten sich und gewinnen an Macht. Die Landesgrenzen werden weniger effektiv kontrolliert. In diesem Zusammenhang kommt es zu illegalen Grenzüberschreitungen von Milizen, welche Waffen, Drogen und Schmuggelware transportieren. Aber auch die Grenzüberschreitungen durch Flüchtlinge und Migranten nehmen zu. Vielfach kommt es im Zusammenhang mit schwachen Staaten zu weitverbreiteten Menschenrechtsverletzungen. Der Staat hört auf als politische Einheit zu existieren (Brown 2001:5-6).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ethnischer Konflikte ein und kritisiert gängige, simplifizierende Erklärungsansätze für Bürgerkriege.
II. Hauptteil: Dieser Teil definiert die zentralen Begrifflichkeiten, erörtert externe sowie interne Ursachenfaktoren für Konflikte und illustriert diese anhand des historischen Fallbeispiels des Sudans.
III. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert auf Basis von Thesen die Rolle der Ethnizität und der Politisierung von Identität in Konflikten.
IV. Bibliographie: Dieses Verzeichnis listet sämtliche verwendete wissenschaftliche Literatur und Internetquellen auf, die der Arbeit zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Ethnizität, Ethnische Identität, Ethnischer Konflikt, Bürgerkrieg, Sudan, Politisierung, Schwacher Staat, Globalisierung, Modernisierung, Kolonialismus, Ressourcenkampf, Identitätspolitik, Sicherheitsdilemma, Diskriminierung, Repression.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Ursachen ethnischer Konflikte und hinterfragt die gängige Praxis, komplexe Gewaltkonflikte ausschließlich auf ethnische oder kulturelle Faktoren zu reduzieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Ethnizität, die Unterscheidung zwischen internen und externen Konfliktauslösern sowie die Rolle staatlicher Institutionen und politischer Akteure in Konfliktregionen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Komplexität der Ursachen ethnischer Konflikte aufzuzeigen und zu belegen, dass Konflikte meist aus sozio-politischen Transformationsprozessen resultieren, statt lediglich aus veralteten ethnischen Spannungen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine systematische Literaturanalyse sowie einen historisch-vergleichenden Ansatz, um die Faktoren anhand des Fallbeispiels Sudan zu illustrieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil bietet eine Begriffsdefinition, eine detaillierte Aufarbeitung externer Faktoren (wie kolonialem Erbe) und interner Faktoren (wie schwachen Staaten oder Diskriminierung) sowie eine ausführliche Analyse des Bürgerkriegs im Sudan.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Ethnizität, Politisierung, Identitätspolitik, schwacher Staat und Ressourcenkampf geprägt.
Warum wird der Sudan als Fallbeispiel herangezogen?
Der Sudan dient als Identitätenkrieg-Modell, um zu verdeutlichen, wie historische Prozesse, koloniale Grenzziehungen und Ressourcenverteilungen ineinandergreifen und zu gewaltsamen Konflikten führen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Rolle der Ethnizität?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Ethnizität nicht die Ursache von Konflikten ist, sondern erst durch die Politisierung von kultureller Identität im Kampf um Macht und Ressourcen zu einem zentralen mobilisierenden Element wird.
- Arbeit zitieren
- lic. phil. I Richard Müller (Autor:in), 2003, Ursachen ethnischer Konflikte, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/76260