Einige Kochsendungen legen in ihrem performativen Charakter nahe, dass es sich um Inszenierungen handelt, die als medialisierte Performances der Vermittlung von Präsenz ein theatrales Verständnis zugrunde legen. Zwei im deutschen Fernsehen derzeit ausgestrahlte Formate - „Kochen bei Kerner“ und „Silent Cooking“ - sind daher Gegenstand einer Untersuchung auf die Frage hin, wie hier auratische Aspekte des Kulinarischen inszeniert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Benjamins Aurabegriff
3. Die kulinarische Aura
4. Kochen bei Kerner
5. Silent Cooking
6. Schlussbemerkung
7. Literatur:
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die mediale Inszenierung von Essen in Fernsehkochformaten unter Rückgriff auf Walter Benjamins Aurabegriff. Es wird analysiert, wie zwei unterschiedliche Formate – „Kochen bei Kerner“ und „Silent Cooking“ – versuchen, kulinarische Präsenz und Echtheit in einer technisch reproduzierten Medienumgebung zu konstruieren.
- Walter Benjamins Theorie der technischen Reproduzierbarkeit und des Aurabegriffs
- Kulinarische Ästhetik und die Repräsentation von Geschmack durch audiovisuelle Medien
- Die Inszenierung von kulinarischer Präsenz und liveness in Talk-orientierten Kochshows
- Intertextualität durch Verzicht auf Sprache und performative Stilisierung in Silent-Formaten
Auszug aus dem Buch
4. Kochen bei Kerner
2004 entstand „Kochen bei Kerner“ aus Johannes B. Kerners ZDF-Talkshow und besitzt im Gegensatz zu den traditionellen Kochsendungen der dritten Kanäle einen ungewöhnlich späten Sendeplatz (freitags, ca. 23 Uhr). Der Hybridcharakter zwischen Kochshow und Late-Night-Unterhaltung ist Voraussetzung für eine vielschichtige Polarität, aus der das Format seine atmosphärische Wirkung speist. So oszilliert der Fokus auf dem Bildschirm unablässig zwischen Unterhaltung und Kochen, Personen und Produkten, Makel und Vollendung, räumlicher Enge und akustischer Weite, sprachlicher Darstellung und der Verkörperung von präkognitiver ästhetischer Erfahrung. Auf der Seite des Fernsehzuschauers wirken sich diese Faktoren in einem Zustand zwischen Zerstreuung und synästhetischer Kontemplation aus – ein stetiges Zertrümmern und Wiederheraufbeschwören der kulinarischen Aura.
Die Dramaturgie scheint zunächst simpel: an einer freistehenden Kochzeile bereiten fünf Köche in wechselnder Besetzung ein fünfgängiges Menü nach thematischer Vorgabe zu. Dabei hängt ihre Position von ihrem jeweiligen Gang ab, und so werden innerhalb einer Stunde von links nach rechts Vorspeise bis Dessert präsentiert und verkostet. Den Rahmen der Prozedur bilden Moderator Kerner und Studiozuschauer, unter denen jeder Koch nach getaner Arbeit kleine Portionen verteilt. Sobald die Akteure ihren Platz eingenommen haben, entsteht eine Atmosphäre zwischen räumlicher Enge und akustischer Weite. Kein Vorgang ist ungestört von der Geräuschkulisse wahrzunehmen, es entsteht der Eindruck eines großen Studios, eines großen Angebots an Schauplätzen, welche die Kamera durch variable Einstellungen und kurze Schnitte zu einem Mosaik zusammenfügt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die medienästhetische Fragestellung ein, wie Kochsendungen eine „kulinarische Aura“ durch mediale Inszenierung erzeugen, und stellt die untersuchten Formate vor.
2. Benjamins Aurabegriff: Dieses Kapitel erläutert Walter Benjamins philosophische Definition der Aura und deren Verlust durch technische Reproduktion, um eine theoretische Grundlage für die Analyse von Medienbildern zu schaffen.
3. Die kulinarische Aura: Hier wird der Aurabegriff auf die Gastronomie übertragen und diskutiert, inwiefern die mediale Darstellung von Essen trotz sensorischer Einschränkungen des Fernsehens eine besondere Präsenz schafft.
4. Kochen bei Kerner: Die Analyse dieses Formats zeigt auf, wie durch den Hybridcharakter aus Talkshow und Kochsendung eine spezifische atmosphärische Spannung und eine Inszenierung von „liveness“ entsteht.
5. Silent Cooking: Das Kapitel untersucht eine gegensätzliche Herangehensweise, bei der durch auditive Verknappung und den Verzicht auf sprachliche Moderation eine exzentrische, choreographische Form des Kochens praktiziert wird.
6. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die Distanz zwischen der medialen Konstruktion kulinarischer Genusserlebnisse und der tatsächlichen Erfahrung in der Küche des Zuschauers.
7. Literatur:: Verzeichnis der verwendeten Quellen und der analysierten Fernsehsendungen.
Schlüsselwörter
Gastrotheater, kulinarische Aura, Walter Benjamin, Kochformate, Kochen bei Kerner, Silent Cooking, Medienästhetik, Inszenierung, liveness, Fernsehküche, Kulinarik, audiovisuelle Medien, Performative Darstellung, Repräsentation, Geschmackswahrnehmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie TV-Kochsendungen mediale Mittel einsetzen, um die sinnliche Qualität von Essen – die sogenannte „kulinarische Aura“ – zu vermitteln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die medienästhetische Analyse von Kochshows, das Spannungsfeld zwischen Benjamin’scher Theorie und moderner Unterhaltungsdramaturgie sowie die Konstruktion von Echtheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, auf welche unterschiedliche Weise Kochformate die „Echtheit“ von kulinarischen Ereignissen medial konstruieren und performativ vermitteln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine medienästhetische Analyse und eine diskursive Auseinandersetzung mit der Medientheorie, insbesondere mit den Schriften von Walter Benjamin und performativitätstheoretischen Ansätzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Analyse der Formate „Kochen bei Kerner“ und „Silent Cooking“ hinsichtlich ihrer räumlichen, zeitlichen und kommunikativen Gestaltung.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Analyse?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Aura, technische Reproduzierbarkeit, liveness, Inszenierung, synästhetische Erfahrung und der mediale Charakter von Kochsendungen.
Inwiefern unterscheidet sich „Silent Cooking“ von konventionellen Kochshows?
„Silent Cooking“ verzichtet auf die übliche wortgewaltige Selbstdarstellung der Köche und auf eine direkte Ansprache, was das Format zu einer beinahe choreographischen, beinahe musikalischen Inszenierung macht.
Welche Rolle spielt der Moderator in „Kochen bei Kerner“?
Johannes B. Kerner fungiert als Dirigent, der die Polaritäten zwischen zankenden Köchen, Studioatmosphäre und kulinarischer Darbietung zu moderieren versucht, um den Zuschauer durch das komplexe Geschehen zu führen.
Was bedeutet der Begriff „kulinarische Aura“ im Kontext dieser Arbeit?
Er beschreibt den Versuch der Fernsehformate, dem Zuschauer das Erlebnis einer „einmaligen“ Mahlzeit über ein Medium zu vermitteln, das den Zuschauer eigentlich nur distanziert zuschauen lässt.
- Arbeit zitieren
- Peter Troll (Autor:in), 2007, Gastrotheater. Zur Inszenierung der kulinarischen Aura in TV-Kochformaten, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/75814