Eine moderne Verfassung mit freiheitlich demokratischer Grundordnung, gewal-tenteiligem Staatsaufbau sowie garantierten Grund- und Menschenrechten ge-hört heute zu unserem politischen Grundverständnis. Das war jedoch nicht immer so. Im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa den USA, die den moder-nen Konstitutionalismus 1787 einleitete, konnte sich eine stabile Verfassung mo-dernen Typs in Deutschland trotz langer Verfassungsgeschichte erst 1949 mit dem Grundgesetz etablieren. Das wirft die Frage auf, warum es in Deutschland und den USA zu so unterschiedlichen Zeiten zu modernen Verfassungen kam.
Diese Arbeit untersucht anhand der neoinstitutionalistischen Theorien die Grün-de dafür, wobei der Fokus auf dem Ansatz des Soziologischen Institutionalismus liegt, der mit seinem breiten Institutionenverständnis einige Erklärungsansätze bereitstellt. Als besonders virulent stellen sich die Mythologisierung bestimmter Grundwerte sowie vorhandene institutionelle Umwelten heraus, die den Weg neuer Institutionen vorstrukturieren. Jedoch kann keiner der neoinstitutiona-listischen Stränge allein die Bedingungen der zeitverschobenen Entstehung moderner Verfassungen in Deutschland und den USA erklären, so dass eine Integration der drei Richtungen des Historischen, Soziologischen und Rational Choice Institutionalismus sinnvoll und wünschenswert erscheint.
Inhaltsverzeichnis
2 Einleitung
3 Neoinstitutionalismus und der Soziologische Institutionalismus
3.1 Der Soziologische Institutionalismus
4 Die moderne Verfassung als (politische) Institution
4.1 Der Begriff der Institution
4.2 Die Institution „Verfassung“
5 Die Entstehung der modernen Verfassung aus Sicht des Soziologischen Institutionalismus
5.1 Die Entstehung der Amerikanischen Verfassung
5.2 Die Entstehung des deutschen Grundgesetzes
5.3 Erklärungsansätze der anderen Institutionalismen
6 Abschließende Bemerkungen
8 Zusammenfassung/ Abstract
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Forschungsfrage, warum eine stabile Verfassung modernen Typs in den Vereinigten Staaten bereits 1787 entstehen konnte, während dies in Deutschland erst mit dem Grundgesetz von 1949 gelang, wobei der theoretische Fokus auf dem Soziologischen Institutionalismus liegt.
- Vergleichende Analyse der Verfassungsgeschichte der USA (1787) und Deutschlands (1949).
- Anwendung des theoretischen Rahmens des Soziologischen Institutionalismus auf Institutionenentstehung.
- Untersuchung des Einflusses der institutionellen Umwelt und gesellschaftlicher Werte.
- Kritische Einbeziehung des Historischen und Rational Choice Institutionalismus.
- Diskussion über die Notwendigkeit einer integrativen Theoriebildung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Soziologische Institutionalismus
Ende der 1970er Jahre in der Soziologie als „subfield of organization theory“ (Hall/Taylor 1996: 946) entstanden, möchte der Soziologische Institutionalismus die „Einseitigkeit von rationalistischen Kalkülen“ (Göhler 2004: 217), den bloßen Effizienz und Rationalitätsgedanken in der Institutionentheorie überwinden und statt dessen zu einem eher kulturellen Verständnis übergehen. Beeinflusst von den Perspektiven des Sozialkonstruktivismus folgt er einer sehr breiten Definition der Institution (Kapitel 3.1.), Institutionen stellen als Kulturphänomen Handlungsmuster bereit (vgl. Kaiser 2001: 254). Das Verhältnis zwischen Individuen und Institution wird als „highly interactive and mutually –constitutive“ (Hall/Taylor 1996: 948) beschrieben, Individuen entnehmen den Institutionen sinn, identitäts- und orientierungsstiftende normative Vorgaben und beeinflussen mit internalisierten Werten und Normen wiederum die Institutionen. Damit unterscheidet sich der Soziologische Institutionalismus fundamental vom RC – Ansatz, der dem kalkulatorischen Verständnis folgend von einem instrumentell – strategischen Verhältnis ausgeht, wie auch vom Historischen Institutionalismus, der Elemente beider Perspektiven verbindet. Zentral im Soziologischen Institutionalismus ist die Logik sozialer Angemessenheit, der individuelles Verhalten folgt. Es wird nicht mehr von der Suche nach der effizientesten Lösung ausgegangen, sondern nach der angemessensten und legitimsten Alternative, die beeinflusst ist durch internalisierte Werte, Normen und Interessen. Als angemessen gilt dabei, was kontextuell legitimiert ist.
Zusammenfassung der Kapitel
2 Einleitung: Die Einleitung führt in die Debatte um den Neoinstitutionalismus ein und definiert die zentrale Forschungsfrage des Verfassungsvergleichs zwischen den USA und Deutschland.
3 Neoinstitutionalismus und der Soziologische Institutionalismus: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen des Soziologischen Institutionalismus und grenzt diesen von anderen Theoriesträngen ab.
3.1 Der Soziologische Institutionalismus: Hier werden die Kernaspekte des Ansatzes, wie das kulturelle Verständnis und die Logik sozialer Angemessenheit, vertieft.
4 Die moderne Verfassung als (politische) Institution: Dieses Kapitel klärt den Begriff der Institution und definiert moderne Verfassungen als solche, um sie für die soziologische Analyse zugänglich zu machen.
4.1 Der Begriff der Institution: Hier werden allgemeine und soziologisch-institutionelle Definitionen von Institutionen erörtert.
4.2 Die Institution „Verfassung“: Dieses Kapitel arbeitet die Merkmale moderner Verfassungen als politische Institutionen heraus.
5 Die Entstehung der modernen Verfassung aus Sicht des Soziologischen Institutionalismus: Das Kernkapitel analysiert die historischen Fälle von 1787 und 1949 unter Anwendung der soziologischen Theorie.
5.1 Die Entstehung der Amerikanischen Verfassung: Analyse der Entstehung der US-Verfassung unter Berücksichtigung der neuen Wertestrukturen nach 1776.
5.2 Die Entstehung des deutschen Grundgesetzes: Untersuchung der deutschen Verfassungsgeschichte und der Bedingungen nach 1945.
5.3 Erklärungsansätze der anderen Institutionalismen: Kritische Reflexion des soziologischen Ansatzes durch Einbeziehung von Rational Choice und Historischem Institutionalismus.
6 Abschließende Bemerkungen: Zusammenführung der Analyseergebnisse und Fazit zur theoretischen Integrationsnotwendigkeit.
8 Zusammenfassung/ Abstract: Eine komprimierte Darstellung der Ziele, Vorgehensweise und Erkenntnisse der Arbeit.
Schlüsselwörter
Neoinstitutionalismus, Soziologischer Institutionalismus, Verfassungsgebung, USA 1787, Grundgesetz 1949, Institutionenwandel, Politische Institutionen, Rational Choice, Historischer Institutionalismus, Logik der Angemessenheit, Politische Kultur, Verfassungsgeschichte, Demokratisierung, Pfadabhängigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entstehung moderner Verfassungen als politische Institutionen und der Frage, warum dieser Prozess in den USA und Deutschland zu so unterschiedlichen Zeitpunkten erfolgreich war.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die neoinstitutionalistische Theoriebildung, die historische Analyse der US-amerikanischen sowie der deutschen Verfassungsgeschichte und den Vergleich der Entstehungsbedingungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die zeitliche Differenz bei der Etablierung moderner, stabiler Verfassungen in den USA und Deutschland mithilfe des Soziologischen Institutionalismus zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Analyse auf Basis neoinstitutionalistischer Theorien angewandt, um die Faktoren der Institutionenentstehung (z.B. Wertekonsens, institutionelle Umwelt) zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen des Soziologischen Institutionalismus geklärt, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Verfassungsentstehungsprozesse in den USA (1787) und Deutschland (1949) sowie einer kritischen Bewertung durch andere Institutionalismus-Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere der Soziologische Institutionalismus, Institutionenentstehung, Pfadabhängigkeit, politische Kultur und der Vergleich zwischen US-Verfassung und deutschem Grundgesetz.
Warum wird gerade der Soziologische Institutionalismus als Hauptfokus gewählt?
Dieser Ansatz wird gewählt, da er mit seinem breiten Institutionenbegriff und dem Fokus auf soziale Legitimität und kulturelle Prägungen die Dimensionen einer modernen Verfassung besonders adäquat erfassen kann.
Warum genügt der Soziologische Institutionalismus allein nicht für eine vollständige Erklärung?
Der Autor argumentiert, dass auch rationale Kalkulationen (Rational Choice) und historisch gewachsene Machtkonstellationen (Historischer Institutionalismus) essenzielle Faktoren sind, die im rein soziologischen Ansatz unterbelichtet bleiben.
- Arbeit zitieren
- Ines Kruspel (Autor:in), 2006, Die Entstehung einer modernen Verfassung aus Sicht des Soziologischen Institutionalismus - Eine vergleichende Analyse der Verfassungsgebung in den USA 1787 und in Deutschland 1949 , München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/75517