Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Idee und Theorie der Erinnerungsorte“. In Bezug auf dieses Thema soll zunächst geklärt werden, was der Begriff „Erinnerungsort“ im eigentlichen und im übertragenen Sinne bedeutet. Als nächstes sollen dann die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Begriffe „Geschichte“ und „Gedächtnis“ herausgearbeitet werden. Im Anschluss an diese einleitenden Begriffsklärungen, werden dann drei grundlegende Modelle des Erinnerns dargestellt. Dies sind zunächst das Modell des „kollektiven Gedächtnisses“ nach Maurice Halbwachs, dann die Theorie des „kulturellen Gedächtnisses“ nach Aleida und Jan Assmann und schließlich das Modell des „kommunikativen Gedächtnisses“ ebenfalls nach Aleida und Jan Assmann.
Der nächste Punkt dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse und dem Vergleich zweier Sammelbände, die die Idee der Erinnerungsorte verkörpern. Hier sollen zunächst zwei Beispiele der früher erschienenen französischen Ausgabe mit dem Titel „Les lieux de mémoire“ analysiert werden und im Anschluss daran ebenfalls zwei Beispiele aus der deutschen Ausgabe, die „Deutsche Erinnerungsorte“ tituliert wurde. Das Ziel der Analyse und des Vergleichs der beiden Werke soll es sein, eine Antwort auf die folgenden Leitfragen zu finden: Gibt es wesentliche Unterschiede zwischen der französischen und der deutschen Fassung der „Erinnerungsorte“? Worin bestehen gegebenenfalls diese Unterschiede?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Idee und Theorie der Erinnerungsorte
2.1. Das kollektive Gedächtnis nach Maurice Halbwachs
2.2. Das kulturelle Gedächtnis nach Aleida und Jan Assmann
2.3. Das kommunikative Gedächtnis nach Aleida und Jan Assmann
3. Analyse und Vergleich der französischen Ausgabe „Les lieux de mémoire“ und der deutschen Ausgabe „Deutsche Erinnerungsorte“ anhand von Beispielen
3.1. Zur französischen Ausgabe „Les lieux de mémoire“
3.1.1. Beispiel 1: „Verdun“ von Antoine Prost
3.1.2. Beispiel 2: „Les monuments aux morts“ von Antoine Prost
3.2. Zur deutschen Ausgabe „Deutsche Erinnerungsorte“
3.2.1. Beispiel 3: „Die Dolchstoß-Legende“ von Gerd Krumeich
3.2.2. Beispiel 4: „Die Pickelhaube“ von Jakob Vogel
3.3. Vergleich der französischen und der deutschen Ausgabe der „Erinnerungsorte“
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das theoretische Konzept der „Erinnerungsorte“ und vergleicht dessen Umsetzung in den Sammelbänden „Les lieux de mémoire“ (Frankreich) und „Deutsche Erinnerungsorte“. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich die theoretischen Ansätze zum kollektiven, kulturellen und kommunikativen Gedächtnis in der Analyse spezifischer historischer Beispiele widerspiegeln und welche Unterschiede zwischen der französischen und deutschen Publikation bestehen.
- Definition des Begriffs „Erinnerungsort“
- Theoretische Modelle von Maurice Halbwachs sowie Aleida und Jan Assmann
- Fallstudien zur französischen Erinnerungskultur (Verdun, Totendenkmäler)
- Fallstudien zur deutschen Erinnerungskultur (Dolchstoß-Legende, Pickelhaube)
- Vergleichende Analyse der nationalen Ausgaben
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Beispiel 1: „Verdun“ von Antoine Prost
In der Einleitung zu seinem Text „Verdun“ erklärt Antoine Prost, dass die Schlacht von Verdun die nationale Identität Frankreichs geprägt habe. Im Folgenden ist sein erster Beitrag zum französischen Werk in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil beschäftigt sich Prost mit der Schlacht selbst und ihrem medialen Echo im Jahr 1916. Er beginnt diesen ersten Teil mit einer ausführlichen Beschreibung des Terrains und einer Chronik der Schlacht. In seinem ersten Leitansatz beschäftigt er sich mit der Frage, warum der deutsche Angriff ausgerechnet in Verdun stattfand. Er stellt klar, dass Verdun vor 1916 noch kein Ort nationalen Gedächtnisses war, da zum Beispiel Reims einen deutlich höheren Symbolwert hatte. Seiner Ansicht nach gelangt Verdun erst während des Ersten Weltkrieges ins nationale Bewusstsein, da viele Politiker, im Gegensatz zu einigen Militärs, aus moralischen Gründen die Verteidigung Verduns forderten. In seiner zweiten Leitfrage untersucht er, wie die Schlacht heroisiert wurde und gibt zu bedenken, dass es sich um eine rein französische Schlacht handelte und nicht um eine alliierte. Der Schwerpunkt seiner Argumentation bildet die euphemistische Kampagne der Zeitschrift „L´Illustration“. Diese nämlich veröffentlichte ein Bild vom „unbezwingbaren“ Soldaten von Verdun, inmitten des französischen Volkes.
Ein weiteres Merkmal für die Heroisierung der Schlacht ist nach Prost die Tatsache, dass der Präsident der Republik allein 1916 sechs Mal nach Verdun kommt, um Orden zu verleihen, und in einer Rede diesen Ort als „künstliches Synonym für Patriotismus, Tapferkeit und Mut“ bezeichnet. Somit wird Verdun, laut Antoine Prost, innerhalb von nur fünf Monaten zum Erinnerungsort und zum Ort nationalen Gedächtnisses. Zum Ende des ersten Teils beschreibt er den Gegensatz zwischen der Außenwelt und den kämpfenden Soldaten. Er bezeichnet den Einsatz des „Paternoster“ („noria“) durch Pétain als kriegsentscheidende Maßnahme, die dazu führte, dass große Teile der Armee in Verdun zum Einsatz kamen, jedoch fast jeder Soldat „lediglich“ einmal nach Verdun musste. Hiermit kommt Prost zu seiner These, dass das Verdunbild der Truppenablösungen bereits vorher durch das kollektive Gedächtnis geprägt war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Erinnerungsorte ein, definiert die Zielsetzung der Arbeit und stellt die zentralen theoretischen Modelle von Halbwachs sowie den Assmanns vor.
2. Zur Idee und Theorie der Erinnerungsorte: Hier werden die theoretischen Grundlagen des kollektiven, kulturellen und kommunikativen Gedächtnisses erläutert und die Abgrenzung zum Begriff der Geschichte vorgenommen.
3. Analyse und Vergleich der französischen Ausgabe „Les lieux de mémoire“ und der deutschen Ausgabe „Deutsche Erinnerungsorte“ anhand von Beispielen: In diesem Hauptteil werden anhand von vier spezifischen Fallstudien die theoretischen Konzepte auf die beiden Sammelbände angewendet und ihre jeweilige Ausrichtung analysiert.
4. Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse des Vergleichs zusammen und weist auf die wachsende Bedeutung institutioneller Erinnerung im Gegensatz zur persönlichen Kommunikation hin.
Schlüsselwörter
Erinnerungsorte, kollektives Gedächtnis, kulturelles Gedächtnis, kommunikatives Gedächtnis, Maurice Halbwachs, Aleida Assmann, Jan Assmann, Verdun, Dolchstoß-Legende, Pickelhaube, nationale Identität, Erinnerungskultur, Totendenkmäler, Historiker, Geschichtstheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Konzeption von Erinnerungsorten und analysiert, wie diese in den maßgeblichen Sammelbänden für Frankreich und Deutschland theoretisch verankert und praktisch umgesetzt werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Gedächtnistheorien von Maurice Halbwachs sowie Aleida und Jan Assmann, angewandt auf historische Fallbeispiele wie Verdun, die Dolchstoß-Legende und die Pickelhaube.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Unterschiede in der Anwendung von Erinnerungstheorien zwischen der französischen und der deutschen Ausgabe der „Erinnerungsorte“ aufzudecken und zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen komparativen Ansatz, bei dem jeweils zwei Beispiele aus den französischen und deutschen Bänden textanalytisch auf ihre theoretische Fundierung hin untersucht werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung und den praktischen Vergleich der Fallbeispiele, wobei der Fokus auf den Bezügen zu den Modellen des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses liegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erinnerungsorte, kollektives Gedächtnis, nationale Identität sowie die spezifischen historischen Untersuchungsgegenstände wie Verdun und die Dolchstoß-Legende.
Warum spielt das kollektive Gedächtnis bei Antoine Prost eine so große Rolle?
Prost fokussiert in seinen Beiträgen zur französischen Ausgabe stark auf die unmittelbare Erfahrung der Menschen und der Hinterbliebenen, was eng mit dem Konzept des kollektiven Gedächtnisses von Halbwachs korrespondiert.
Wie unterscheidet sich die deutsche Ausgabe von der französischen?
Die deutsche Ausgabe ist kompakter und greift in der Analyse stärker auf die Theorien des kulturellen Gedächtnisses von Assmann zurück, indem die Rolle von Medien und staatlichen Institutionen stärker betont wird.
- Arbeit zitieren
- Magister Artium Björn Schröder (Autor:in), 2003, Idee und Theorie der Erinnerungsorte, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/74274