Anknüpfend an das im Hauptseminar „Ulenspiegel“ gehaltene Referat „Ulenspiegel. Akrostichon und Erzählstruktur“ soll mit dieser Hausarbeit der Versuch unternommen werden, tiefer in die Thematik einzusteigen, weitere Informationen zu liefern und sich kritischer mit einzelnen Forschungspositionen auseinanderzusetzen. Unterstellt werden soll dabei, dass Herman Bote gemeinhin als der Verfasser des „Ulenspiegel“ gilt. Auch wenn zeitweilig andere Persönlichkeiten, wie z.B. Dr. Thomas Murner als Autoren gehandelt wurden/ werden, erscheint es in der Forschungsliteratur dennoch so, als sei H. Bote weithin als Ulenspiegelschöpfer anerkannt. Einen nicht zu verachtenden Anteil an dieser wissenschaftlichen Position hat Peter Honegger, der mit seiner 1973 erschienen Publikation „Ulenspiegel. Ein Beitrag zur Druckgeschichte und Verfasserfrage“ für neue Erkenntnisse in der Ulenspiegelforschung sorgte. Doch nicht nur in Bezug auf den Verfasser lieferte P. Honegger wichtige Informationen, sondern auch hinsichtlich der gesamten Erzählstruktur des Textes. Ich möchte daher im ersten Abschnitt auf die Fragen der Verfasserschaft und der vermeintlichen Erzählstruktur des „Ulenspiegel“ nach Peter Honegger eingehen und mich im zweiten Teil dieser Arbeit damit kritisch auseinandersetzten. Dabei sollen auch andere Konzepte zur Erzählstruktur in den Blick genommen werden. – Dies ergibt sogleich einen Blick auf die verwendete Forschungsliteratur. Hauptsächlich werde ich mit P. Honeggers Publikation arbeiten – nicht zuletzt wegen der methodischen Praktikabilität. Die Mehrzahl der übrigen Literatur wird dann entweder zusätzliche Informationen liefern, flankierend wirken oder in kritischer (Op-)Position zu den Ansichten Honeggers stehen, damit ein umfangreicheres Bild bezüglich der Verfasserfrage und Erzählstruktur gezeichnet werden kann, als dies mittels einer einzigen Publikation möglich ist. Textgrundlage der Arbeit ist die Ulenspiegelausgabe von Reclam „Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel. Nach dem Druck von 1515“, herausgegeben von Wolfgang Lindow.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Verfasserfrage
3 Herman Bote – Verfasser des „Ulenspiegel“!?
4 Formale und inhaltliche Erzählstruktur des „Ulenspiegel“
5 Exkurs: Sinn und Intention von Akrosticha
6 Kritische Auseinandersetzung mit den Positionen Honeggers
7 Weitere Versionen bezüglich des „Ulenspiegel“-Aufbaus
7.1 Der Eulenspiegelaufbau nach Ekkehard Borries
7.2 „Der Aufbau des Eulenspiegel-Volksbuches von 1515“ nach Werner Hilsberg
8 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Aufbau und die Erzählstruktur des „Ulenspiegel“-Buches unter besonderer Berücksichtigung der Forschungspositionen von Peter Honegger. Ziel ist eine kritische Auseinandersetzung mit Honeggers Thesen zur Verfasserschaft Herman Botes sowie seiner Rekonstruktion der ursprünglichen Erzählstruktur, ergänzt durch die Analyse alternativer wissenschaftlicher Ansätze.
- Die Autorschaft Herman Botes und die Validität von Akrosticha als Indizien.
- Kritische Analyse von Peter Honeggers Methoden zur Rekonstruktion der Erzählstruktur.
- Vergleich mit alternativen Forschungsansätzen von Ekkehard Borries und Werner Hilsberg.
- Untersuchung der strukturellen Einteilung in Lebensphasen und Ständeordnungen.
- Reflektion über die Möglichkeiten und Grenzen der Rekonstruktion literarischer Ursprungsstrukturen.
Auszug aus dem Buch
3 Herman Bote – Verfasser des „Ulenspiegel“!?
Unterstellt man, dass Herman Bote der Autor des „Ulenspiegel“ ist, so sollte man zuerst prüfen, ob die im Text dargestellten Ereignisse möglicherweise in die Lebenszeit Botes gehören könnten. Tatsächlich weisen die Handwerkgeschichten, Ulenspiegels Tod im Jahre 1350, das in der 88. Historie beschriebene Turnier zu Einbeck (1471) sowie die genaue Ortskenntnis des Braunschweiger Landes auf einen Erzähler hin, der „sich selbst als Kind des 15. Jahrhunderts zu erkennen [gibt].“ Herman Bote, als Sohn des Braunschweiger Schmiedemeisters und Ratsmitgliedes Arnt Bote, war bereits 1488 Zollschreiber. Aus diesem Jahr ist bekannt, dass er seines Amtes enthoben wurde. Man kann davon ausgehen, dass er zum Zeitpunkt dieser Amtsenthebung mindestens 25 Jahre alt gewesen sein muss, weil er sonst diesen administrativen Posten nicht hätte antreten können. Zeitweilig war er wohl auch Verwalter des Braunschweiger Altstadt-Ratskellers. Von 1497 bis 1513 ist er wieder als Zollschreiber tätig gewesen. Zudem wird er zwischen den Jahren 1516 und 1520 als Verwalter der städtischen Ziegelei erwähnt. Das Todesjahr kann nur ungefähr zwischen 1520 und 1525 datiert werden. Insofern bestätigt sich also die Vermutung der partiellen Kongruenz zwischen Lebenszeit Botes und einigen Geschehnissen im „Ulenspiegel“.
Aus Botes Hand ist nur ein einziges authentisches Zeugnis gesichert, das zudem aus seinem Berufsalltag stammt. Mit „Hermen bote me fecit 1503“ signierte er das handgeschriebene Zollverzeichnis der Stadt Braunschweig. Von dieser Handschrift ausgehend wird ihm „Dat schichtbiok“ zugeschrieben, eine Chronik über die Handwerkeraufstände in Braunschweig, die circa zwischen 1510 und 1514 entstanden ist. Neben der Handschrift als primäres Indiz für dieselbe Autorschaft von Zollverzeichnis und Chronik ist der letzteren zusätzlich eine Zeichnung vorangestellt, die eine männliche Figur in der Amtstracht der Stadt Braunschweig als Boten darstellt. Eine ähnliche Darstellung findet sich auch bei einem Werk namens „Dat boek von veleme rade“, das Herman Bote relativ sicher zugeschrieben werden kann, denn neben jener erwähnten Botendarstellung findet sich in diesem Buch das Akrostichon HERMEN BOTE, das den Kapitelanfängen 2-10 zu entnehmen ist. Auch die mittelalterliche Spruchsammlung „Der Koker“ ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Feder Botes entsprungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt das Forschungsvorhaben vor, die Thematik rund um den „Ulenspiegel“ und die Bedeutung der Arbeiten Peter Honeggers für die Verfasserfrage zu beleuchten.
2 Die Verfasserfrage: Es wird die methodische Problematik der Autorsuche im „Ulenspiegel“ erörtert, wobei die Frage nach dem ursprünglichen Text gegenüber der reinen Autorsuche in den Vordergrund tritt.
3 Herman Bote – Verfasser des „Ulenspiegel“!?: Dieses Kapitel prüft die biographischen Übereinstimmungen zwischen Herman Bote und den Inhalten des Werkes sowie Indizien wie Akrosticha und die Boten-Darstellung.
4 Formale und inhaltliche Erzählstruktur des „Ulenspiegel“: Die Analyse konzentriert sich auf Honeggers Rekonstruktionsversuch der Erzählstruktur mittels geographischer und inhaltlicher Kriterien.
5 Exkurs: Sinn und Intention von Akrosticha: Es wird der literarische und symbolische Hintergrund von Akrostichen untersucht, um deren Funktion in Botes Werken kritisch zu bewerten.
6 Kritische Auseinandersetzung mit den Positionen Honeggers: Hier werden die methodischen Schwachstellen in Honeggers Argumentation, insbesondere hinsichtlich der Stabilität der Historienfolge und der Willkür bei Textänderungen, aufgezeigt.
7 Weitere Versionen bezüglich des „Ulenspiegel“-Aufbaus: Vorstellung alternativer Strukturierungsmodelle von Ekkehard Borries und Werner Hilsberg, die sich methodisch von Honegger abheben.
8 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der wissenschaftlichen Debatte, die zum Schluss kommt, dass eine zweifelsfreie Rekonstruktion der ursprünglichen Erzählstruktur kaum möglich ist.
Schlüsselwörter
Ulenspiegel, Herman Bote, Peter Honegger, Erzählstruktur, Volksbuch, Akrostichon, Verfasserfrage, Schwankbiographie, Mittelalter, Braunschweig, Textgeschichte, Literaturwissenschaft, Ekkehard Borries, Werner Hilsberg, Historienfolge.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert kritisch den Aufbau und die Struktur des „Ulenspiegel“-Buches. Der Fokus liegt dabei auf der Auseinandersetzung mit den Forschungstheorien von Peter Honegger, der den Braunschweiger Zollschreiber Herman Bote als Autor identifiziert und die Erzählstruktur des Werkes neu zu ordnen versucht.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Verfasserfrage, die Interpretation akrostichischer Elemente, die Rekonstruktion formaler Erzählstrukturen sowie die Einordnung des Werkes in die Gattung der Schwankbiographie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage untersucht, ob die von Peter Honegger postulierten Thesen zur Autorschaft Herman Botes und zur „ursprünglichen“ Erzählstruktur des „Ulenspiegel“ methodisch haltbar sind oder durch kritische Analysen widerlegt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Verfasser nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, bei der er die publizierten Forschungspositionen (vor allem von Honegger, Borries und Hilsberg) vergleichend gegenüberstellt, methodisch auf Plausibilität prüft und mit dem Textbestand des Werkes abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Prüfung der Autorschaft, die detaillierte Analyse der strukturellen Umstellungen durch Honegger sowie die Vorstellung und Einordnung alternativer Ansätze, die den „Ulenspiegel“ eher als lose Schwanksammlung statt als streng durchkonstruiertes Werk betrachten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit ist geprägt durch die Begriffe „Ulenspiegel“, „Herman Bote“, „Erzählstruktur“, „Autorschaft“, „Akrostichon“ und „Volksbuch“.
Was genau kritisiert der Autor an Peter Honeggers Ansatz zur Textumstellung?
Der Autor kritisiert die mangelnde Konsistenz und die teils spekulativen Eingriffe in den Text. Er weist darauf hin, dass Honegger für seine Umstellungen zu viele heterogene Kriterien verwendet und bei der Anpassung der Initialen sowie der Historienanfänge oft willkürlich vorgeht.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Akrostichen im „Ulenspiegel“?
Die Arbeit ordnet Akrostiche eher als literarischen Schmuck oder Spielerei ein, statt sie als eindeutigen Beweis für eine verschlüsselte Autorschaft Botes zu akzeptieren, wie es Honegger versucht.
Welche Bedeutung misst die Arbeit alternativen Modellen (Borries/Hilsberg) bei?
Die Arbeit sieht in den Ansätzen von Borries und Hilsberg eine notwendige Differenzierung. Während Hilsberg die Formgesetze des Einzelschwankes betont, liefert Borries Argumente gegen die Annahme eines einzigen, konsistenten ursprünglichen Aufbaus.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor über den „Ulenspiegel“?
Der Autor schließt sich der Ansicht an, dass eine zweifelsfreie Rekonstruktion eines „ursprünglichen“ Aufbaus nicht möglich ist. Der Wert des Werkes liegt für ihn eher in der Rezeptionsgeschichte als in einer künstlich erzwungenen strukturellen Ordnung.
- Arbeit zitieren
- Marc Partetzke (Autor:in), 2006, Aufbau und Erzählstruktur des Ulenspiegel-Buches - Insbesondere in Hinblick auf die Forschungspositionen Peter Honeggers, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/74240