Die Einsicht in die Überlegenheit kooperativen Verhaltens selbst in einer "Welt von Egoisten" hat sich in der internationalen Politik erst relativ spät durchgesetzt. In dem Maße aber, in dem Interdependenz als vorherrschendes Charakteristikum der Staatenbeziehung untereinander in das Bewußtsein von Politikern wie auch Politikwissenschaftlern rückte, wuchs auch das Interesse an dem Phänomen der internationalen Kooperation. In einer Welt, in der eine zunehmende internationale Verflechtung die Eigenständigkeit binnenstaatlichen Geschehens aufhebt, technische Kommunikationsfortschritte geographische Distanzen überwinden und die Bedeutung internationaler Austauschprozesse dramatisch zunimmt, wächst auch das Bedürfnis nach internationaler Steuerung. Dieser inzwischen allgemeingültigen Erkenntnis ging ein langer Lernprozeß voraus, der auf der außen-, sicherheits- und wirtschaftspolitischen Handlungsebene der Bundesrepublik Deutschland und ihrer europäischen Verbündeten in den 70er Jahren, auf die sich die vorliegende Arbeit konzentriert, seine entscheidenden Impulse aus der Ost-West-Konfrontation bezog. Im Verlauf des sogenannten "Kalten Krieges", in dem die USA und ihre westeuropäischen Verbündeten seit Beginn der 50er Jahre in permanenter Verteidigungsbereitschaft gegen eine mögliche Aggression des von der Sowjetunion hegemonisierten Ostblocks gegenüberstanden, hatte sich Europa zu einer Region der Hochrüstung und des "löcherigen Friedens" entwickelt. Parallel zu dieser bedrohlichen Situation - als Ursache und Folge zugleich - wuchs auch die Rivalität unter den westeuropäischen Staaten, die sich am deutlichsten in der Sonderrolle Frankreichs widerspiegelte. Besonders während der Regierungszeit von Staatspräsident Charles de Gaulle (1958-1969) verprellte Frankreich durch spektakuläre Alleingänge die europäischen Partner im sicherheits- und wirtschaftspolitischen Bündnissystem. So blockierte z.B. General de Gaulle lange Jahre den EWG-Beitritt Großbritanniens, boykottierte die EG-Institutionen 1965/66 und erklärte einseitig den Austritt aus der integrierten NATO-Verteidigungsorganisation 1966. Erst aufgrund der sich wandelnden politischen Rahmenbedingungen (Rücktritt von de Gaulle 1969; Amtsantritt des ersten SPD-Kanzlers Willy Brandt in Deutschland ebenfalls 1969) setzte Anfang der 70er Jahre ein Umdenken ein, das zu einer intensiveren Kooperation der westeuropäischen Staaten führen sollte.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Zur Vorgeschichte der europäischen Einigungsbestrebungen
1. Die Montanunion als Wegbereiter der EWG
2. Motivationen französischer Europapolitik
3. Bedeutung der "Relance européenne"-Initiative
III. Neuorientierung der Europapolitik
1. Die Gipfelkonferenz in Den Haag 1969
2. Deutsche Europapolitik Anfang der 70er Jahre
3. Erweiterung der EWG
IV. Ausbau der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
1. Der „Werner-Plan“
2. „Krönungs- und Motorthese“
VII. Währungskrise und endgültiges Scheitern der WWU
1. Die Erweiterung der Gemeinschaft und ihre Folgen
2. Die Geldkrise 1971 und das Ende des Bretton-Woods-Systems
3. Scheitern der WWU
VI. Anfänge der Europäischen Politischen Zusammenarbeit (EPZ)
1. Der Luxemburger und der Kopenhagener Bericht
2. Leistungsvermögen der EPZ
3. Die EPZ als integratives Moment
VII. Schlußbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die außenpolitischen Entwicklungen der Bundesrepublik Deutschland sowie die Bestrebungen zur europäischen Integration im Zeitraum von 1969 bis 1974. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf der Dynamik der "Relance européenne" und den damit verbundenen Bemühungen zur Intensivierung der Zusammenarbeit innerhalb der europäischen Gemeinschaft.
- Analyse der Wiederbelebung der europäischen Einigungsbestrebungen nach der Ära de Gaulle.
- Untersuchung der deutschen Europapolitik unter der sozial-liberalen Koalition ab 1969.
- Evaluation der Projekte zur Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) und deren Scheitern.
- Darstellung der Anfänge und strukturellen Entwicklung der Europäischen Politischen Zusammenarbeit (EPZ).
Auszug aus dem Buch
1. Die Montanunion als Wegbereiter der EWG
Das Ende des amerikanischen Hilfsprogramms für den Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft, des sogenannten "Marshall-Plans", in dessen Rahmen die USA in den Jahren 1948 bis 1950 siebzehn europäische Staaten mit rund 20 Milliarden Dollar unterstützten, intensivierte die politische Diskussion, wie die Wirtschaftsbeziehungen in Europa untereinander künftig ausgestaltet werden sollten. Auf staatlicher Ebene war es Frankreich, das aus verschiedenen Motiven die Initiative ergriff. Im Gegensatz zu den teilweise recht abstrakten Auseinander- setzungen um die Frage, "europäischer Bundesstaat" oder nicht, über die in den Reihen der Europa-Protagonisten heftig gestritten wurde, zeichnete sich die Regierungserklärung des damaligen französischen Außenministers Robert Schuman vom 9. Mai 1950 durch klare politische Zielvorgaben aus: Integration zunächst in einem begrenzten wirtschaftlichen Bereich unter einer Institution mit effektiven supranationalen Vollmachten.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Thematik der internationalen Kooperation und die Konzentration der Arbeit auf die europäische Außenpolitik der Bundesrepublik in den 70er Jahren.
II. Zur Vorgeschichte der europäischen Einigungsbestrebungen: Historischer Rückblick auf die Ursprünge der europäischen Einigung, von der Montanunion bis zur französischen Europapolitik.
III. Neuorientierung der Europapolitik: Analyse der politischen Neuausrichtung ab 1969, insbesondere durch die Gipfelkonferenz in Den Haag und den Regierungswechsel in Deutschland.
IV. Ausbau der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion: Erörterung der Bemühungen zur währungspolitischen Integration, konkretisiert durch den Werner-Plan und die theoretische Debatte zwischen Krönungs- und Motorthese.
VII. Währungskrise und endgültiges Scheitern der WWU: Untersuchung der externen und internen Faktoren, die zum Scheitern der WWU führten, inklusive des Zusammenbruchs des Bretton-Woods-Systems.
VI. Anfänge der Europäischen Politischen Zusammenarbeit (EPZ): Darstellung der institutionalisierten außenpolitischen Kooperation durch Berichte und neue Gremien.
VII. Schlußbetrachtung: Synthese der Ergebnisse und Fazit über die Rolle nationaler Interessen im europäischen Einigungsprozess bis 1974.
Schlüsselwörter
Europäische Gemeinschaft, EWG, Bundesrepublik Deutschland, Außenpolitik, Willy Brandt, Relance européenne, Wirtschafts- und Währungsunion, Werner-Plan, EPZ, Europäische Integration, Bretton-Woods-System, EG-Erweiterung, Supranationalität, Intergouvernementale Kooperation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die europäische Politik und die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1969 und 1974, mit einem speziellen Augenmerk auf die Wiederbelebung des Einigungsprozesses.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Wirtschafts- und Währungsunion, die Erweiterung der EWG, der Aufbau der Europäischen Politischen Zusammenarbeit (EPZ) und der Umgang mit externen Währungskrisen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die damalige europapolitische Entwicklung im historischen Kontext darzustellen und aufzuzeigen, warum ehrgeizige Integrationspläne oft an nationalen Interessen scheiterten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche und historische Analyse, die auf einer Auswertung von Fachliteratur, offiziellen Dokumenten und zeitgenössischen Berichten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Neuorientierung ab 1969, den Ausbau der WWU, das Scheitern der währungspolitischen Ziele sowie den Aufbau der EPZ als Instrument der Konsensbildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Europäische Gemeinschaft, WWU, EPZ, deutsch-französische Beziehungen und die politische Ära unter Willy Brandt.
Welche Rolle spielte der "Werner-Plan" für die europäische Integration?
Der Werner-Plan war ein ambitionierter Stufenplan zur Einführung einer gemeinsamen Währung bis 1980, dessen Scheitern jedoch beispielhaft für die mangelnde Harmonisierung der Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten stand.
Warum war die EPZ in ihrer Anfangsphase als "Gefangene der theologischen Debatte" bezeichnet?
Weil sich die EPZ zu Beginn zu intensiv mit institutionellen Fragen und abstrakten Debatten über die Gestalt Europas beschäftigte, anstatt ein schlagkräftiges Instrument für konkrete Außenpolitik zu sein.
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- Olaf Kuche (Autor:in), 2001, Deutsch-Französisches Verhältnis 1969-1974, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/7368