1909 hob Filippo Tommaso Marinetti in Mailand mit seinem Gründungsmanifest den Futurismus aus der Taufe. Im Februar 1909 erschien das Manifest in mehreren italienischen Zeitungen und in Paris im Le Figaro. Das Manifest wurde von da an zu dem bevorzugten Medium, durch welches Marinetti und die Futuristen ihre Auffassungen verkündeten. Zwischen 1909 und 1944 veröffentlichten die Mitglieder der Gruppe der Futuristen allein 175 Manifeste, von denen gerade zu Beginn der Bewegung ein Manifest das andere jagte. Marinetti hat das Manifest zu einem ganz eigenen Texttypus entwickelt, indem er es zum Sprachrohr des futuristischen Weltgefühls machte.
Der Futurismus – eine Strömung, eine Kunstauffassung, die am Anfang von Dichtern erdacht und für Dichter gedacht war, griff schon bald auf weitere Künste über, wie die bildende Kunst, die Musik, den Tanz und das Theater. So verfaßten zum Beispiel die Maler Umberto Boccioni, Luigi Russolo und Carlo Carrà eigene Manifeste, in denen sie die neuen Aufgaben des Malers postulierten, Valentine de Saint-Point verfaßte ein Manifest über die futuristische Frau und im Herbst 1910 verfaßte der Musiker Francesco Balilla Pratella ein „Manifest der futuristischen Musiker“.
Der Futurismus war eine Strömung intermedialen Charakters. Und er wirkte in ganz Europa, von Italien breitete er sich über Frankreich und Deutschland bis nach Rußland aus. Und dies nicht zuletzt durch die Aktivitäten und zahlreichen Vortragsreisen Marinettis. Marinetti war überall in Europa unterwegs, um Vorträge über den Futurismus zu halten, die Futuristen traten vor Leuten auf und schreckten selbst vor spektakulären Flugblattaktionen oder Prügeleien mit ihren Kritikern nicht zurück.
Marinetti und seinen Anhängern ging es darum, den künstlerischen Traditionen, die sie ablehnten, den Kampf anzusagen; neue Konzepte, Mittel und Wege sollten gefunden werden, um die Kunst dem veränderten Zeitgeist anzupassen, um eine neue, freie, der Zeit angemessene Kunst zu ermöglichen. Dies ging von einfacher Ablehnung überlieferter Traditionen bis hin zu solch provokanten Aufrufen, die Syntax zu zerschlagen, die Sprache zu befreien. „Parole in libertà!“, oder anders ausgedrückt, die völlige stilistische Freiheit für den Dichter, war eines der großen Schlagwörter des Futurismus.
Inhaltsverzeichnis
1. Filippo Tommaso Marinetti und der italienische Futurismus
2. Die ersten drei futuristischen Manifeste Marinettis
2.1 Das Manifest des Futurismus
2.2 Tod dem Mondschein!
2.3 Technisches Manifest der futuristischen Literatur
3. Schlußbemerkung
4. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetischen und programmatischen Grundlagen des italienischen Futurismus anhand der ersten drei zentralen Manifeste Filippo Tommaso Marinettis, um die künstlerische Intention hinter dieser avantgardistischen Bewegung und ihrer radikalen Forderung nach einer neuen, zeitgemäßen Literatur zu analysieren.
- Die Entstehungsgeschichte und die Rolle des Manifests als zentrales Medium des Futurismus
- Die inhaltlichen Schwerpunkte und Forderungen im Gründungsmanifest des Futurismus
- Die poetische Auseinandersetzung mit Kritikern im Werk "Tod dem Mondschein!"
- Die sprachästhetischen Forderungen des "Technischen Manifests der futuristischen Literatur"
- Die Bedeutung der Beschleunigung, Technik und Gewalt in der futuristischen Ästhetik
Auszug aus dem Buch
2.1 Das Manifest des Futurismus
In Marinettis „Manifest des Futurismus“ finden sich, eingebettet in eine Art kleine Erzählung, die von einem Protagonisten (unzweifelhaft Marinetti selbst) und seiner Freunde handelt, elf Punkte, elf Forderungen. Sie beschreiben die Ansprüche, die die Futuristen von nun an an sich und ihre Poesie stellen wollten.
„1 Wir wollen die Liebe zur Gefahr singen, die gewohnheitsmäßige Energie und die Tollkühnheit.“12 Die Futuristen priesen die Gefahr und die Tollkühnheit; eine gefährliche und tollkühne Lebensweise sollte als Antriebsmotor für die Dichtkunst fungieren, sollte neue kreative Energien freisetzen.
„2 Die Hauptelemente unserer Poesie werden der Mut, die Kühnheit und die Empörung sein.“13 Der zweite Punkt bezieht sich direkt auf den ersten Punkt und bildet seine logische Schlußfolgerung. Allein in den ersten zwei Forderungen des Manifests finden sich bereits sechs Schlagworte, die einen großen Teil der futuristischen Grundstimmung einfangen bzw. bezeichnen: Gefahr – Energie – Tollkühnheit – Mut – Kühnheit – Empörung. Das sind klare Worte, die nichts von romantischer Schwärmerei oder intellektuellem Ästhetizismus beinhalten.
Der dritte Punkt benennt die Themen der Literatur, die die Futuristen ablehnten und die nicht mehr Gegenstand von Dichtung sein sollten, nämlich „die nachdenkliche Unbeweglichkeit, die Ekstase, de[r] Schlummer“14. Statt dessen wollten die Futuristen „die aggressive Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den gymnastischen Schritt, den gefahrvollen Sprung, die Ohrfeige und den Faustschlag preisen“15. Ihre Texte sollten die Menschen aufrütteln, sie in Bewegung versetzen, ihnen Ohrfeigen verpassen. Es sollte vorbei sein mit Ruhe, Behaglichkeit und Nachdenken. Die Tat stand von nun an im Mittelpunkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Filippo Tommaso Marinetti und der italienische Futurismus: Dieses Kapitel erläutert die Ursprünge der Bewegung, die Funktion des Manifests als Sprachrohr des futuristischen Weltgefühls und die Rolle Marinettis als Initiator.
2. Die ersten drei futuristischen Manifeste Marinettis: Hier werden die inhaltlichen Schwerpunkte der ersten drei Manifeste detailliert analysiert, wobei insbesondere die ästhetischen Forderungen und die symbolische Auseinandersetzung mit Tradition und Moderne beleuchtet werden.
2.1 Das Manifest des Futurismus: Dieses Kapitel untersucht die elf grundlegenden Forderungen des Gründungsmanifests, die eine Abkehr von der Romantik hin zur Verherrlichung von Gefahr, Schnelligkeit und aggressiver Dynamik propagieren.
2.2 Tod dem Mondschein!: Dieses Unterkapitel widmet sich Marinettis poetischer Antwort auf seine Kritiker, wobei die symbolische Ebene und die Erzählstruktur des Werkes im Kontext der futuristischen Weltanschauung gedeutet werden.
2.3 Technisches Manifest der futuristischen Literatur: Diese Analyse fokussiert auf die sprachlichen Reformen, wie die Zerstörung der Syntax und die Beseitigung des Adjektivs, um eine neue, "drahtlose" Form der Literatur zu etablieren.
3. Schlußbemerkung: Die Zusammenfassung reflektiert die historische Bedeutung der Manifeste als Instrumente der Popularisierung und als eigenständige literarische Textform, die nachfolgende Avantgardebewegungen maßgeblich beeinflusste.
4. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Sekundärliteratur zur Erarbeitung des Themas.
Schlüsselwörter
Futurismus, Filippo Tommaso Marinetti, Manifest, Literaturgeschichte, Ästhetik, Moderne, Dynamismus, Schnelligkeit, Technik, Syntaxzerstörung, Italienische Avantgarde, Parole in libertà, Kulturkritik, Sprachkunst, Literaturtheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den Anfängen des italienischen Futurismus und untersucht insbesondere die drei ersten Manifeste von Filippo Tommaso Marinetti als programmatische Texte der literarischen Moderne.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die futuristische Ästhetik, den Bruch mit traditionellen künstlerischen Werten, die Begeisterung für Technik und Geschwindigkeit sowie die Neugestaltung der literarischen Sprache.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel der Untersuchung ist es, aufzuzeigen, wie Marinetti durch seine Manifeste den futuristischen Aufbruch in Literatur und Kunst theoretisch untermauerte und in eine spezifische, neue Textform überführte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Inhalt der Originaltexte im Kontext historischer, theoretischer und ästhetischer Rahmenbedingungen sowie durch Rückgriff auf einschlägige Forschungsliteratur auswertet.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem "Gründungsmanifest des Futurismus", dem Werk "Tod dem Mondschein!" als poetische Antwort auf Kritiker und dem "Technischen Manifest der futuristischen Literatur" bezüglich seiner sprachlichen Reformforderungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Futurismus, Manifest, Modernität, Dynamik, Sprachzerstörung, Analogietechnik und den italienischen Avantgarde-Kontext charakterisiert.
Warum wird im "Technischen Manifest der futuristischen Literatur" eine "Zerstörung der Syntax" gefordert?
Marinetti forderte dies, um die Sprache von der Fessel der lateinischen Perioden zu befreien und die unmittelbare, ungefilterte Übertragung der "Dampf-Emotion" des Dichters auf den Leser zu ermöglichen.
Was bedeutet der Begriff "Parole in libertà" im Kontext dieser Arbeit?
Er beschreibt das futuristische Ideal der "freien Worte", eine radikale stilistische Freiheit, bei der konventionelle Grammatik und Interpunktion zugunsten einer optischen und dynamischen Wortfolge aufgegeben werden.
Welche Rolle spielt die Metapher des "Kampfes" in den futuristischen Manifesten?
Der Kampf fungiert als zentrales ästhetisches und lebensphilosophisches Motiv, das als notwendige, reinigende Kraft gegen Tradition, Stillstand und eine veraltete akademische Kunstauffassung eingesetzt wird.
- Arbeit zitieren
- Anja Elstner (Autor:in), 2005, Der italienische Futurismus. Eine Untersuchung der ersten drei Manifeste Filippo Tommaso Marinettis, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/69174