Der Begriff der Globalisierung lädt zu einer schier endlosen Debatte über dessen Definition ein. Trotzdem wird weithin kaum ein Wort als charakteristischer für unser gegenwärtiges Zeitalter angesehen. Seit Anfang der neunziger Jahre zunächst journalistisch erschlossen, wird der Globalisierungsprozess für nahezu alle Veränderungen der heutigen Lebensverhältnisse verantwortlich gemacht. Hierbei ist vor allem die starke Zunahme der wirtschaftlichen Verflechtung zwischen den einzelnen Staaten während der beiden letzten Jahrzehnte in den Mittelpunkt gerückt. Kritische Betrachter führen jedoch an, dass die sogenannte Globalisierung weder eine neuartige Entwicklung darstelle, noch überhaupt global sei. Obwohl Globalisierung und Internationalisierung der Wirtschaft natürlich nicht für alle Politikprobleme der Gegenwart verantwortlich zeichnen, so ist doch evident, dass eine Fülle von Problemen nur durch gemeinsame Handlungen mehrerer oder vielleicht sogar aller Nationalstaaten gelöst werden können. Doch wie können z.B. internationale Umweltprobleme, internationales Währungssystem oder die Ausgestaltung des grenzüberschreitenden Handels durch ein Zusammenwirken der Nationalstaaten effektiv und legitim bewältigt werden? Anhand des Beispieles der WTO wird in der vorliegendenden Untersuchung daher die zentrale Form des Regierens jenseits, nicht ohne, den Nationalstaat beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Globalisierung
1.2 Regieren jenseits des Nationalstaates
1.3. Internationale Institutionen
1.4. Grundformen des Regierens
1.5. Ziele des Regierens
2. Die World Trade Organization (WTO)
2.1. Vom GATT zur WTO
2.2. Der materielle Inhalt der Abkommen der WTO
2.3. Kurze Bewertung des materiellen Inhaltes des WTO-Abkommens
2.4. Die Leistungsfähigkeit der WTO und Ausblick
2.4.1. Vorwürfe an die WTO
2.4.2. Verteilungsgerechtigkeit
2.4.3. Protest in Seattle
2.4.4. Positive und negative Regelungen
2.4.5. Effektivität und Legitimität
3. Schlussbemerkungen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Handlungsfähigkeit des Nationalstaates im Kontext der Globalisierung. Dabei wird analysiert, inwieweit internationale Institutionen, am Beispiel der Welthandelsorganisation (WTO), demokratisches und effektives Regieren über die nationalstaatliche Ebene hinaus ermöglichen.
- Analyse der Auswirkungen von Globalisierung und Denationalisierung.
- Untersuchung der Struktur und Arbeitsweise der Welthandelsorganisation (WTO).
- Diskussion über Effektivität und Legitimität internationaler Institutionen.
- Bewertung von Handelskonflikten und der Rolle von Nichtregierungsorganisationen (NGOs).
Auszug aus dem Buch
2.4.5. Effektivität und Legitimität
Gemäß des Kongruenzprinzips hängt effektives Regieren davon ab, ob die Reichweite politischer Regelungen mit den Gebieten verdichteter Handlungszusammenhänge deckungsgleich ist. Demokratische Selbstbestimmung kann analytisch in zwei Dimensionen unterschieden werden: die input-orientierte Authentizität (Herrschaft durch das Volk) und die output-orientierte Effektivität (Herrschaft für das Volk), die im demokratischen Nationalstaat in komplementärem Zusammenwirken die Legitimation staatlicher Politik bewirken. Auf der Ebene der WTO fehlen die sozio-kulturellen Voraussetzungen input-orientierter Selbstbestimmung. Es fehlt die Bereitschaft, Opfer im Namen der Allgemeinheit zu akzeptieren, und auf den guten Willen der anderen Teilnehmer zu vertrauen. Die Input-Perspektive betont die kaum veränderbaren Aspekte des Demokratiedefizits der Welthandelsorganisation, indem sie die demokratische Legitimation von einer bereits vorhandenen kollektiven Identität abhängig macht. Die Output-Perspektive, die „Herrschaft für das Volk“ leitet Legitimation von der Fähigkeit zur Lösung von Problemen ab, die kollektiver Lösungen bedürfen, weil sie weder durch individuelles Handeln noch durch den Markt und auch nicht durch freiwilliges gemeinsames Handeln in der Zivilgesellschaft gelöst werden können. Legitimation kann also auch in der WTO erreicht werden , deren schwache Identität keinerlei organismische Interpretation zulässt.
Die Legitimation der WTO wird zwar über den Umweg der nationalen Wahlen gerechtfertigt, die Repräsentation der Betroffenen ist dadurch bestenfalls indirekt gewährleistet. Die Verhandlungssysteme unterliegen als „kollektive Organe“ keiner demokratischen Kontrolle. Zudem zeichnen sich die Verhandlungssysteme dadurch aus, dass interne Diskussionen kaum transparent sind. Alternativ zum fehlenden Abwahlmechanismus könnten von WTO-Regelungen Betroffen über Interessengruppen und soziale Bewegungen Einfluss auf Entscheidungen nehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert den Globalisierungsbegriff sowie die Grundlagen für das Regieren jenseits des Nationalstaates und etabliert die Untersuchung der WTO.
2. Die World Trade Organization (WTO): Beleuchtet die historische Entwicklung vom GATT zur WTO, analysiert deren materiellen Inhalt, Funktionsweise, Leistungsfähigkeit sowie die Herausforderungen hinsichtlich Verteilungsgerechtigkeit, Legitimität und Protesten.
3. Schlussbemerkungen: Fasst die Notwendigkeit vertrauensbildender Maßnahmen und einer verbesserten demokratischen Legitimation zusammen, um die Funktionsfähigkeit der WTO langfristig zu sichern.
Schlüsselwörter
Globalisierung, Nationalstaat, Welthandelsorganisation, WTO, Freihandel, Internationale Institutionen, Regieren, Governance, Legitimität, Effektivität, Uruguay-Runde, Sozialdumping, Handelsliberalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, ob und wie internationale Institutionen in Zeiten der Globalisierung ein effektives und legitimes Regieren jenseits des Nationalstaates ermöglichen können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die wirtschaftliche Globalisierung, die Rolle internationaler Regime, die spezifischen Strukturen der WTO sowie die Spannungsfelder zwischen freiem Welthandel, sozialer Wohlfahrt und Umweltschutz.
Welches primäre Ziel oder welche Forschungsfrage verfolgt der Autor?
Das primäre Ziel ist es, die Handlungsfähigkeit des Nationalstaates zu untersuchen und zu bewerten, unter welchen Bedingungen internationale Institutionen wie die WTO erfolgreich agieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt einen politikwissenschaftlichen Ansatz, der auf der Theorie internationaler Beziehungen basiert, um die Governance-Strukturen und deren Wirkungsweisen empirisch und theoretisch zu reflektieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung und den Aufbau der WTO, bewertet den materiellen Inhalt ihrer Abkommen, untersucht die Leistungsfähigkeit und Leistungsdefizite (wie bei den Protesten in Seattle) sowie die Herausforderungen positiver und negativer Integration.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die zentralen Schlagworte umfassen Globalisierung, WTO, internationale Institutionen, demokratische Legitimation, Handlungsfähigkeit des Nationalstaates sowie Handelsliberalisierung.
Welche Bedeutung kommt der "Output-Perspektive" im Kontext der WTO zu?
Die Output-Perspektive leitet die Legitimität der WTO von ihrer tatsächlichen Problemlösungskapazität ab („Herrschaft für das Volk“), da eine input-orientierte demokratische Legitimierung auf internationaler Ebene aufgrund mangelnder kollektiver Identität kaum möglich ist.
Wie bewertet der Autor den Einfluss von Nichtregierungsorganisationen auf die WTO?
Der Autor erkennt an, dass NGOs durch ihre Proteste (z.B. in Seattle) einen signifikanten Einfluss ausüben, da sie die Diskussion über Handelsliberalisierung kritisch begleiten, hinterfragt jedoch gleichzeitig deren eigene demokratische Legitimation.
- Arbeit zitieren
- Jan-Oliver Ruhnke (Autor:in), 2000, Globalisierung und die Handlungsfähigkeit des Nationalstaates. Effektives Regieren durch internationale Institutionen über den Nationalstaat hinaus am Beispiel der WTO, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/6738