Die Arbeit gibt einen Überblick über die Erscheinungsformen des politischen Islam in Afghanistan von 1975 bis 2001. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf die Taliban gelegt, da sie über fünf jahre hinweg eine Hegemonialstellung über das afghanische Staatsgebiet innehatten. Der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der Manifestationen der unterschiedlichen Vorstellungen vom "Islamischen Staat". Die Darstellung der Ereignisgeschichte steht demgegenüber im Hintergrund.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Was ist Islamismus?
1.1. Der Neofundamentalismus
2. Die Ausprägungen des Islamismus in Afghanistan
2.1. Der Islam als Basis des Widerstandes
2.2. Die sunnitischen islamistischen Mujahidun-Parteien
2.3. Die Taliban
2.3.1. Der Ursprung der Taliban
2.3.2. Das Islamische Emirat Afghanistan
2.3.3. Gebote und Verbote – Der Neofundamentalismus der Taliban
3. Ein Ausblick in die Zeit nach den Taliban
4. Literatur
4.1. Monographien
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und die Erscheinungsformen des Islamismus in Afghanistan im Zeitraum von 1975 bis 2001. Ziel ist es, die ideologischen Hintergründe und das praktische Auftreten verschiedener islamistischer Gruppierungen – insbesondere der Mujahidun-Parteien und der Taliban – vor dem Hintergrund der afghanischen Kriegsgeschichte zu analysieren und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft und Herrschaftsverhältnisse kritisch zu beleuchten.
- Die Rolle des Islams als Legitimationsbasis für den Widerstand gegen kommunistische Regime und sowjetische Besatzung.
- Die ideologische Differenzierung zwischen klassischem Islamismus und Neofundamentalismus.
- Die strukturelle und politische Entwicklung der Taliban-Bewegung von der Entstehung in Kandahar bis zum „Islamischen Emirat“.
- Die Auswirkungen der strikten Auslegung der Scharia auf den afghanischen Alltag unter der Taliban-Herrschaft.
Auszug aus dem Buch
1.1. Der Neofundamentalismus
Die Taliban gehören zu den Bewegungen, die sich unter dem Begriff der salafiyya (Fundamentalismus) zusammenfassen lassen. Diese Gruppen streben einen reinen Islam an, wie er in ihrer Ansicht nach in der Zeit des Propheten und der rechtgeleiteten Kalifen war. Jede Vermischung dieses Islams mit lokaler Kultur und Tradition lehnen sie kategorisch ab. Sie lehnen auch die Rechtsschulen ab, setzen stattdessen auf iğtihād, die unabhängige Auslegung der heiligen Schriften durch Religionsgelehrte. Die Schriften dürfen nicht nur wortwörtlich interpretiert werden. Gleichzeitig beschränken sie aber den Korpus der Prophetentraditionen auf jene, die in ihr Bild des Propheten passen. Dabei verwerfen sie viele bekannte Überlieferungen als schwach, also nicht glaubwürdig.
Für die Neofundamentalisten ist der Westen zwar der Hauptfeind. Ihn zu bekämpfen ist jedoch erst der zweite Schritt. Die Taliban zielten zuerst gegen – in ihren Augen – schlechte Muslime. Die konkreten Maßnahmen werden im Abschnitt über die Taliban behandelt werden.
In ihren Augen sind die Taliban die einzigen wahren Muslime. Als höchstes Ziel gilt ihnen einzig und allein die Einführung und umfassende Anwendung der Šarī’a. Sie ist das göttliche Recht, neben dem kein menschliches Recht stehen darf. Deshalb lehnen die Taliban den modernen Staat an sich ab. Sie streben nicht den Aufbau islamischer Institutionen an, da sie der Reinigung des Islams von širk und bid’a nicht dienen. Das Ziel der Taliban war aber niemals Revolution der Gesellschaft, sondern Erlösung des Individuums. Der Islam ist für das Leben des einzelnen allumfassend, während ihnen die gesamte Welt als übel erscheint, als Hindernis auf dem Weg des Gläubigen zur Erlösung. Diese kann der Gläubige nur durch Vertrauen auf Gott erlangen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung skizziert die historische Entstehung Afghanistans als Pufferstaat und erläutert den sozio-kulturellen Kontext sowie die drei großen Kriegsphasen, die als Rahmen für die Untersuchung dienen.
1. Was ist Islamismus?: Dieses Kapitel definiert Islamismus als moderne politische Geistesströmung und führt den Begriff des Neofundamentalismus nach Olivier Roy ein.
1.1. Der Neofundamentalismus: Hier werden die theologischen und ideologischen Grundpfeiler des Neofundamentalismus erläutert, insbesondere der Fokus auf die individuelle Erlösung und die Ablehnung lokaler Traditionen.
2. Die Ausprägungen des Islamismus in Afghanistan: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die politische Parteienlandschaft Afghanistans im Kontext des Widerstands und setzt den Fokus auf die sunnitische Auslegung.
2.1. Der Islam als Basis des Widerstandes: Es wird analysiert, wie der Islam während der ersten Widerstandsphase gegen die Diktatur und das kommunistische Regime zur moralischen Basis der Opposition wurde.
2.2. Die sunnitischen islamistischen Mujahidun-Parteien: Das Kapitel vergleicht die zwei zentralen Strömungen, die Jamaat-e Islami und die Hizb-e Islami, und zeigt auf, dass ihre Ideologien in der Praxis oft hinter machtpolitische Erwägungen zurücktraten.
2.3. Die Taliban: Das Kapitel beleuchtet den Aufstieg der Taliban, ihre internationale Unterstützung und die Transformation der politischen Landschaft Afghanistans durch den Einfluss ausländischer Kämpfer.
2.3.1. Der Ursprung der Taliban: Der Text rekonstruiert die Entstehung der Bewegung Anfang der 1990er Jahre im Süden Afghanistans mit dem erklärten Ziel der Herstellung von Recht und Ordnung.
2.3.2. Das Islamische Emirat Afghanistan: Das Kapitel beschreibt den Herrschaftsanspruch von Mullah Omar und erklärt, warum der Aufbau eines modernen Staatsapparats zugunsten einer reinen Herrschaftsstruktur ausblieb.
2.3.3. Gebote und Verbote – Der Neofundamentalismus der Taliban: Hier werden die restriktiven gesellschaftlichen Maßnahmen und drakonischen Verbote der Taliban-Herrschaft in den Bereichen Kultur, Bildung und Geschlechtertrennung detailliert dargestellt.
3. Ein Ausblick in die Zeit nach den Taliban: Der Ausblick diskutiert das fortbestehende Spannungsfeld zwischen fundamentalistischen Tendenzen und dem Bemühen um internationale Stabilisierung im heutigen Afghanistan.
Schlüsselwörter
Islamismus, Neofundamentalismus, Afghanistan, Taliban, Mujahidun, Scharia, Gihad, Mullah Omar, Widerstand, Paschtunen, Fundamentalismus, Nationbuilding, Ideologie, politische Parteien, Religionsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung und Ausprägung des Islamismus in Afghanistan im Zeitraum von 1975 bis 2001, wobei der Schwerpunkt auf den verschiedenen Akteuren und ihren Ideologien liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Instrumentalisierung des Islams im Widerstandskampf, die ideologische Abgrenzung zwischen den Mujahidun-Parteien und den Taliban sowie der neofundamentalistische Charakter der Taliban-Herrschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu verstehen, wie der Islamismus als Ideologie in Afghanistan auftrat, welche Ziele die verschiedenen Gruppen verfolgten und warum diese trotz ähnlicher religiöser Rhetorik in der Praxis sehr unterschiedlich agierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine chronologische Analyse und wertet politikwissenschaftliche sowie historische Fachliteratur aus, um die Ideengeschichte und das politische Handeln der islamistischen Akteure einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Rolle des Islams im Widerstand, der Parteipolitik der Mujahidun, der Entstehung und Organisation der Taliban sowie den spezifischen Gesetzen und Verboten unter dem „Islamischen Emirat“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Neofundamentalismus, Gihad, Scharia, Taliban, Mujahidun und Salafiyya gekennzeichnet, die den theoretischen und praktischen Rahmen bilden.
Warum spielt der Begriff "Neofundamentalismus" in der Arbeit eine so große Rolle?
Der Begriff dient als analytische Abgrenzung, um zu verdeutlichen, dass die Ideologie der Taliban – im Gegensatz zu anderen islamistischen Gruppen – primär auf eine radikale, individuelle Erlösung und eine Ablehnung jeglicher staatlicher Institutionen abzielte.
Wie unterscheidet sich die Ideologie der Taliban von den Mujahidun-Parteien?
Während die Mujahidun-Parteien versuchten, den Islam in politische Machtstrukturen und Parteisysteme zu integrieren, lehnten die Taliban den modernen Staat konsequent ab und setzten stattdessen auf eine rein scripturalistische Auslegung der Scharia durch eine Religionspolizei.
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- Torsten Wollina (Author), 2006, Islamismus in Afghanistan 1975 - 2001, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/65145