Diese Arbeit hat Interaktion mit schwerstbehinderten Kindern zum Gegenstand. Ausgehend von der Annahme, dass die Kinder die Lautsprache nicht oder nur ansatzweise lernen können, werden Stufen der vorsprachlichen Entwicklung skizziert. Außerdem werden die intuitiven Kompetenzen der Eltern, die es den Kindern erleichtern in den Dialog mit ihnen zu treten, dargestellt. Die diagnostischen Möglichkeiten sind eingeschränkt, weil die Kinder sich (noch) nicht lautsprachlich verständigen können.
Bei den persönlichen Praktikums- und Arbeitserfahrungen während meines Studiums stellte sich die Interaktion mit Kindern mit schweren Behinderungen für mich immer wieder als besondere Herausforderung dar. Darüber hinaus stellte ich fest, dass die diagnostischen Möglichkeiten für die betroffenen Kinder sehr begrenzt scheinen. Daraus entwickelten sich einige Fragen für mich:
* Welche Anforderungen muss ein diagnostisches Verfahren erfüllen, um ein schwerstbehindertes Kind richtig einschätzen zu können?
* Welche Fördermaßnahmen lassen sich aus den diagnostischen Ergebnissen ableiten?
* Erleichtern diagnostische Verfahren das „Verstehen“ der Kinder?
* Sind umfangreiche diagnostische Verfahren in der alltäglichen Praxis anwendbar?
Diese Arbeit stützt sich auf nachfolgende fachwissenschaftliche Begründung:
Bisher liegen nur sehr wenige diagnostische Verfahren für den Personenkreis der schwerstbehinderten Kinder vor. Darüber hinaus muss eine Diagnostik für den Personenkreis sich besonderen Anforderungen stellen: „Kinder mit so geringen Ausdruck- und Antwortmöglichkeiten können nur schwer in ihrer Entwicklung und Persönlichkeit eingeschätzt werden. Wir können Auskünfte über das Befinden über innere Vorstellungen, über Gefühle und Gedanken nicht unmittelbar von den Kindern bekommen.“ (FRÖHLICH 2004, S. 3) Es zeigt sich, dass die in der Praxis angewendeten Diagnoseverfahren unzureichend sind, weil in ihnen zu viele Fähigkeiten und Fertigkeiten abgefragt und voraus-gesetzt werden, die ein betroffenes Kind nicht erfüllen kann.
1 Einleitung
2 Zum Begriff und Personenkreis, schwerstbehinderte Kinder
2.1 Die Entstehung schwerster Behinderung
2.2 Demographische Entwicklungen
3 Theoretische Überlegungen zur Interaktion
3.1 Die Phasen der kindlichen Entwicklung
3.1.1 Die Pränatale Entwicklung
3.1.2 Die Perinatale Entwicklung
3.1.3 Das erste Lebensjahr
3.1.3.1 Das auftauchende Selbst
3.1.3.2 Das Kern-Selbst
3.1.3.3 Das subjektive Selbst
4 Interaktion
4.1 Aufriss zu den Theorien der Spracherwerbsforschung
4.1.1 Der deterministische Ansatz
4.1.2 Der kognitive Ansatz
4.1.3 Der interaktive Ansatz
4.1.4 Der entwicklungspsychologische Ansatz
4.2 Begriff Interaktion
4.3 Begriff Kommunikation
4.3.1 Der kompetente Säugling
4.3.2 Intuitive elterliche Didaktik
4.3.3 Medien der Kommunikation und ihre Bedeutung
4.3.3.1 Die visuelle Kommunikation
4.3.3.2 Die taktile Kommunikation
4.3.3.3 somatische Kommunikation
4.3.3.4 Die geruchliche Kommunikation
4.3.3.5 Die geschmackliche Kommunikation
4.3.3.6 Die thermische Kommunikation
4.3.3.7 Die vibratorische Kommunikation
4.4 Begriff Dialog
4.5 Prinzipien und Strukturelemente der frühen dialogischen Austauschprozesse
4.5.1 Rhythmische Strukturen und Timing
4.5.1.1 Begrüßung, Einleitung, gemeinsame Orientierung (1+2)
4.5.1.2 Der spielerische Dialog (3)
4.5.1.3 Die Abwendung (4)
4.5.2 Reziprozität und Synchronisation
4.5.3 Dialog als Konzept der Ko-Regulation
4.5.4 Sensitivität und Responsivität
4.5.4.1 Erkennen der Interaktionsbereitschaft des Kindes
4.5.4.2 Steuerung der Erregungs- und Aufmerksamkeitsprozesse des Kindes
4.5.4.3 Beachtung der Rückkoppelungssignale des Kindes
4.5.5 Kontingenzerfahrungen
4.5.5.1 Die Bedeutung von affektiver Abstimmung und Belohnung
4.5.6 Positive Wechselseitigkeit als Schlüssel gelungener Interaktion
4.6 Erschwernisse in der Kommunikation durch die schwere Beeinträchtigung
4.7 Ressourcen für die Kommunikation mit schwer beeinträchtigten Kindern
5 Problemaufriss: Diagnostik bei schwerstbehinderten Kindern
5.1 Zum Begriff der Diagnostik
5.2 Zum Begriff Psychodiagnostik
5.3 Gegenstands- und Aufgabenbereich sonderpädagogischer Diagnostik
5.4 Testtheoretische Vorrausetzungen zur Realisierung Sonderpädagogischer Diagnostik
5.4.1 Der psychologische Test
5.4.2 Gütekriterien psychologischer Tests und sonderpädagogische Relevanz
5.4.2.1 Objektivität
5.4.2.2 Reliabilität
5.4.2.3 Validität
5.4.2.4 Normierung
5.4.2.5 Nebengütekriterien von Tests
5.4.2.6 Die Vergleichbarkeit
5.4.2.7 Ökonomie
5.4.2.8 Nützlichkeit
5.5 Informationsgewinnung im Rahmen förderdiagnostischer Praxis
5.5.1 Förderdiagnostische Verfahren
5.5.2 Die Verhaltensbeobachtung
5.5.3 Quantitative und qualitative Diagnostik
5.5.4 Einzelfallstudien
5.6 Förderdiagnostik bei schwerstbehinderten Kindern nach Andreas Fröhlich und Ursula Haupt
5.6.1 Möglichkeiten und Ziele der Förderdiagnostik
5.6.2 Grundlagen des Diagnoseverfahrens
5.6.3 Durchführung
5.6.4 Die fünf Niveastufen
5.6.5 Die Auswertung der Förderdiagnostik
5.7 Interaktionsdiagnostik mit dem pädagogischen Ziel der Verbesserung von Interaktionsstrukturen
5.8 Videogestützte Interaktionsanalyse
5.8.1 Beobachtungsmethoden
5.8.1.1 Beurteilungskategorien
5.8.1.2 Spielfeinfühligkeit
5.8.1.3 Mütterliche Responsivität
5.8.1.4 Mütterliches Scaffolding
5.8.1.5 Mütterliche Kooperation
5.8.1.6 Das Verhalten des Kindes / Konstruktives Spielinteresse
5.8.1.7 Emotionsregulation
6 Praktische Exemplifikation
6.1 Anamnese
6.2 Auswertung der Förderdiagnostik für schwerstbehinderte Kinder nach Fröhlich
6.2.1 Die Beziehung zwischen Mutter und Kind
6.2.2 Die Reaktion des Kindes auf Stimme und Sprache
6.2.3 Die lautlichen Äußerungen des Kindes
6.2.4 Die Reaktion des Kindes auf sensorische Angebote
6.2.5 Handbewegungen/Spielen
6.2.6 Bewegungen des ganzen Körpers
6.2.7 Räumliches Erleben
6.2.8 Trinken und Essen
6.2.9 Umgang mit dem Kind
6.3 Ableitung der Förderziele
6.4 Auswertung der Interaktionsanalyse
6.4.1 Adaptation des Verfahrens
6.4.2 Spielfeinfühligkeit
6.4.3 Mütterliche Responsivität
6.4.4 Mütterliches Scaffolding
6.4.5 Mütterliche Kooperation
6.4.6 Das Verhalten des Kindes/ Konstruktives Spielinteresse
6.4.7 Emotionsregulation
6.5 Zusammenfassendes Ergebnis
7 Zusammenfassende Reflexion und Konsequenzen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Interaktionsmöglichkeiten und diagnostischen Ansätze für schwerstbehinderte Kinder. Ziel ist es, geeignete Methoden aufzuzeigen, um die meist nonverbale Kommunikation und Entwicklung dieser Kinder besser zu verstehen und zu fördern, wobei der Fokus insbesondere auf der dyadischen Beziehung zwischen Kind und Bezugsperson liegt.
- Grundlagen der Entwicklung und Kommunikation bei schwerstbehinderten Kindern
- Darstellung intuitiver elterlicher Kompetenzen in der Interaktion
- Kritische Analyse klassischer psychodiagnostischer Verfahren
- Vorstellung förderdiagnostischer Ansätze (nach Fröhlich/Haupt)
- Praktische Exemplifikation mittels videogestützter Interaktionsanalyse
Auszug aus dem Buch
4.5.5.1 Die Bedeutung von affektiver Abstimmung und Belohnung
Durch Abstimmung ihrer Affekte in der Interaktion zeigt die Mutter ihrem Kind, dass sie sich in sein subjektives Erleben hineinversetzten kann, bzw. dass sie ganz ähnlich wie das Kind empfindet. Der Begriff Inter-Affektivität bezeichnet den Zustand, in dem der Säugling mit seiner Mutter das gleiche Gefühl teilt (vgl. BAER 2005, S. 87). Die affektive Abstimmung in der Mutter-Kind-Interaktion beobachte Stern ab dem neunten Lebensmonat des Kindes (vgl. STERN 1998, S. 198).
Bei diesem intuitiv ablaufenden Prozess passt die Mutter die expressive Dynamik ihres Verhaltens an die expressive Dynamik der gerade ablaufenden kindlichen Aktivität an (vgl. HILDEBRAND-NILSHON 2000, S. 236).
Durch das Spiegeln des kindlichen Verhaltens in einer zum Teil anderen Sinnesmodalität zeigt sie dem Kind, dass sie an seinem Gefühlsleben teilhaben möchte.
Klopft das Kind beispielsweise mit einem Löffel auf den Tisch, so erwidert die Mutter im gleichen Rhythmus und in der gleichen Dynamik die Bewegung „bäng bäng bäng“. Die Mutter spiegelt also nicht genau das kindliche Verhalten wieder, sondern wechselt in eine andere Sinnesmodalität. Die Übereinstimmung hat also transmodalen Charakter.
Wichtig ist hierbei, dass die Mutter auf einen Aspekt des Verhaltens Bezug nimmt, in dem sich der Gefühlszustand des Kindes wiederfindet (vgl. STERN 1998, S. 203).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik schwerster Behinderungen ein, skizziert die Notwendigkeit spezieller Diagnostik und definiert den Fokus der Arbeit auf Interaktion.
2 Zum Begriff und Personenkreis, schwerstbehinderte Kinder: Dieses Kapitel grenzt den Personenkreis der schwerstbehinderten Kinder ein und diskutiert Ursachen sowie die demographische Entwicklung.
3 Theoretische Überlegungen zur Interaktion: Hier werden die frühkindlichen Entwicklungsphasen erläutert und die Individualität von Entwicklungsverläufen betont.
4 Interaktion: Dieses umfangreiche Kapitel behandelt Spracherwerbstheorien, Begriffe der Interaktion und Kommunikation sowie die Bedeutung von Dialogen und Elterneinflüssen.
5 Problemaufriss: Diagnostik bei schwerstbehinderten Kindern: Das Kapitel kritisiert klassische Diagnostikansätze und stellt förderdiagnostische Verfahren (nach Fröhlich/Haupt) sowie videogestützte Interaktionsanalyse gegenüber.
6 Praktische Exemplifikation: Hier wird die Anwendung der diskutierten Diagnostikverfahren anhand einer Fallstudie (Leon) exemplarisch dargelegt und ausgewertet.
7 Zusammenfassende Reflexion und Konsequenzen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, Förderdiagnostik und Interaktionsanalyse für ein ganzheitliches Verständnis zu kombinieren.
Schlüsselwörter
Schwerstbehinderung, Förderdiagnostik, Interaktionsdiagnostik, Kommunikation, Basale Stimulation, Intuitive elterliche Didaktik, Videogestützte Interaktionsanalyse, Entwicklungsförderung, Mutter-Kind-Beziehung, Frühförderung, Psychodiagnostik, Körperbehinderung, Mehrfachbehinderung, Bindung, affektive Abstimmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Interaktion zwischen Bezugspersonen und schwerstbehinderten Kindern, wobei der Schwerpunkt auf diagnostischen Möglichkeiten zur Verbesserung dieser Interaktionsstrukturen liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die frühkindliche Entwicklung, Kommunikation unter erschwerten Bedingungen, kritische Testtheorie in der Pädagogik sowie praxisnahe Förderdiagnostik und Interaktionsanalyse.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das primäre Ziel ist es, diagnostische Verfahren zu identifizieren und anzuwenden, die nicht auf Defiziten basieren, sondern das Verständnis für die (vorsprachlichen) Ausdrucksmöglichkeiten schwerstbehinderter Kinder fördern und therapeutisch nutzbar machen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin kombiniert theoretische Literaturanalyse mit der praktischen Erprobung von Förderdiagnostik und videogestützter Interaktionsanalyse im Rahmen einer Einzelfallstudie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zur Interaktion sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit diagnostischen Instrumenten, gefolgt von einer konkreten praktischen Anwendung an einem Fallbeispiel.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Begriffe "Förderdiagnostik", "Interaktionsdiagnostik", "basale Stimulation", "kommunikative Kompetenz" und "Mutter-Kind-Interaktion" stehen im Zentrum der fachwissenschaftlichen Diskussion.
Warum ist die klassische Diagnostik für schwerstbehinderte Kinder oft ungeeignet?
Klassische Tests setzen oft Fähigkeiten wie Sprachverständnis, Lenkbarkeit und Zielorientierung voraus, die schwerstbehinderte Kinder aufgrund ihrer komplexen Beeinträchtigungen nicht in standardisierter Form erbringen können.
Was leistet die videogestützte Interaktionsanalyse im Vergleich zur reinen Beobachtung?
Sie ermöglicht durch Zeitlupen- oder Standbildfunktionen die Analyse von Interaktionsdetails auf der Mikroebene, die im schnellen Alltagsgeschehen für das menschliche Auge verborgen bleiben.
- Arbeit zitieren
- Dipl. Reha. Päd. Corinna Jensen (Autor:in), 2006, Interaktion mit schwerstbehinderten Kindern. Diagnostische Möglichkeiten und praktische Exemplifikation, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/64957