Abweichendes Verhalten und im Gegensatz dazu normales Verhalten sind zwei zentrale Begriffe der Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Man versteht darunter Verhaltensweisen, die irritierend, befremdlich oder als problematisch wahrgenommen werden. Hierbei stellt sich mir unweigerlich die Frage, wovon das Verhalten abweicht. Gibt es das „richtige Leben“, das sich nach Normen ausrichtet und das es zu erreichen gilt?
Geht man der allgemein gestellten Frage nach, welches das Aufgabengebiet der Pädagogik ist, erkennt man schnell, dass die Beantwortung einige Schwierigkeiten mit sich bringt. Eine mögliche Antwort wäre, dass Pädagogik sich mit Formen der Abweichung beschäftigt und für diese Interventionsmöglichkeiten zu geben versucht. Man könnte sogar soweit gehen, zu behaupten, dass sich die pädagogische Wissenschaft ohne Devianz nicht zu dem entwickelt hätte, was sie heute ist. Auch wenn dies überspitzt formuliert ist, der Kern hinter dieser These ist eindeutig: Abweichung ist ein entscheidender Punkt für die Notwendigkeit der pädagogischen Arbeit. Dieser Aspekt hat mein Interesse geweckt.
Diese Arbeit bietet eine Übersicht der entscheidenden Devianztheorien aus der Psychologie, Soziologie und Erziehungswissenschaft aus dem Blickwinkel der heutigen Zeit. Den Rahmen hierzu bildet die Auseinandersetzung mit den pädagogischen Kernpunkten seit dem 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Lassen Sie sich mit diesem Werk in neue Überlegungen und Perspektiven ein, die kurz und schlüssig auf den Punkt gebracht werden, so dass sie für jedermann leicht zugänglich sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Normalität und Abweichung
2.1. Normen
Exkurs: Normative Pädagogik
2.2. Abweichung
2.2.1. Der Nutzen von Abweichung
3. Darstellung der Devianztheorien
3.1. Die biologische Theorie
3.2. Die psychologischen Theorien
3.2.1. Der sozialisationstheoretische Ansatz
3.2.2. Die Lerntheorie
3.2.3. Der psychoanalytische Ansatz
3.3. Die soziologischen Theorien
3.3.1. Die Anomietheorie
3.3.2. Die Subkulturtheorie
3.3.3. Die Rational Choice-Theorie
3.3.4. Der Radikale Konstruktivismus
3.3.5. Die Labelling Approach-Theorie
3.4. Ausblick
4. Historischer Umgang der Pädagogik mit Abweichung
4.1. Wissenschaftliche Definition von Pädagogik
4.2. Geschichte der Pädagogik vor dem 19. Jahrhundert
4.2.1. Geschichte der Strafe
4.3. Konzepte der Pädagogik im 19. Jahrhundert
4.3.1. Strafe
5. Heutiger Umgang der Pädagogik mit Abweichung zwischen Hilfe und Strafe
5.1. Entstehung der Straf- und Wohlfahrtspolitik
5.2. Strafe
5.2.1. Ziele und Aufgaben von Strafe
5.2.2. Aktuelle Tendenzen in Bezug auf Strafe
5.3. Kurative Maßnahmen
6. Analyse
6.1. Allgemeine Analyse
6.2. Analyse der Devianztheorien
6.3. Analyse des Umgangs der Pädagogik auf Abweichung
7. Fazit
8. Literaturliste
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen Pädagogik und abweichendem Verhalten (Devianz). Das zentrale Ziel ist es, den historischen Wandel der pädagogischen Auseinandersetzung mit "nicht normgerechtem" Verhalten zu analysieren und zu hinterfragen, welche Menschenbilder und Gesellschaftsstrukturen diesen Reaktionen zugrunde liegen.
- Kritische Auseinandersetzung mit diversen Devianztheorien (biologisch, psychologisch, soziologisch).
- Historische Analyse des pädagogischen Umgangs mit Abweichung, insbesondere im 19. Jahrhundert am Beispiel des Rauhen Hauses von Johann Hinrich Wichern.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Hilfe und Strafe in der Sozialpädagogik.
- Reflexion über die Konstruktion von Normalität und ihre Bedeutung für gesellschaftliche Grenzziehungen.
- Analyse gegenwärtiger Trends in der Straf- und Wohlfahrtspolitik sowie der zunehmenden Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen.
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Der sozialisationstheoretische Ansatz
Im Gegensatz zu den biologischen Devianztheorien geht der sozialisationstheoretische Ansatz von der Grundannahme aus, dass der Mensch von Natur aus weder eindeutig mit guten, noch ausschließlich mit schlechten Anlagen ausgestattet ist. Vielmehr erfährt er seine Prägung durch sein soziales Umfeld. Für die Entstehung abweichenden Verhaltens scheinen die sozialen Bedingungen einen maßgeblichen Anteil an der Entwicklung des Jugendlichen zu haben, wie Hurrelmann feststellt. Er legt sein Augenmerk vor allem auf die Herkunftsfamilien, in deren Umfeld der Sozialisationsprozess eines jeden Menschen beginnt. Auch Raithel stellt die Familie als primäre Sozialisationsinstanz von zentraler Bedeutung dar. Untersuchungen haben gezeigt, dass man bei der familiären Sozialisation für die Erklärung jugendlicher Delinquenz von einer der aussagekräftigsten Prädiktoren sprechen kann.
Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten in Familien aufgetreten sind, oder einen Einfluss auf die Auffälligkeit von Kindern haben, sind nach Lehr allein erziehende Eltern, uneheliche Kinder und steigende Berufstätigkeit der Mütter. Weitere Risikofaktoren innerhalb der Familie sind soziodemographische Merkmale wie die finanzielle Stellung und die Familienzusammensetzung. In diesem Zusammenhang nennt Marx wie Lehr die Einelternfamilie. Noch entscheidender ist für sie jedoch der Erziehungsstil. Sowohl der inkonsistente als auch der strafintensive Stil wirken sich ungünstig auf das Kind aus. Sie fördern außerdem die Integration in Jugendgruppen und die Abnabelung von der Familie, was zum Teil auch eher deviantes Verhalten begünstigt. Des Weiteren wurde untersucht, dass Kinder mit vielen Geschwistern zu einem höheren Prozentsatz kriminell werden als die der Vergleichsgruppe. Dies hat zum einen wirtschaftliche Ursachen, da Kinder einen hohen Kostenfaktor darstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Notwendigkeit der pädagogischen Arbeit in Bezug auf Abweichung und stellt das Forschungsinteresse an den wissenschaftlichen Hintergründen sowie den historischen Diskursen dar.
2. Normalität und Abweichung: Dieses Kapitel definiert die Begriffe Normalität und Abweichung als soziale Konstruktionen und untersucht deren Funktion als gesellschaftliches Regulativ.
3. Darstellung der Devianztheorien: Hier erfolgt eine systematische Übersicht biologischer, psychologischer und soziologischer Theorien zur Erklärung kriminellen Verhaltens.
4. Historischer Umgang der Pädagogik mit Abweichung: Der Abschnitt bietet einen Überblick über die Geschichte der Pädagogik bis zum 19. Jahrhundert und beleuchtet die Anfänge der Fürsorgepädagogik unter Johann Hinrich Wichern.
5. Heutiger Umgang der Pädagogik mit Abweichung zwischen Hilfe und Strafe: Hier wird der Wandel von der punitiven zur kurativen Pädagogik untersucht, wobei der Fokus auf dem aktuellen Spannungsfeld zwischen Resozialisierung und Kontrolle liegt.
6. Analyse: Die Analyse führt die vorangegangenen Theorien und historischen Aspekte zusammen, um die pädagogischen Reaktionen auf Abweichung in verschiedenen Epochen kritisch zu hinterfragen.
7. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und reflektiert die aktuelle Situation der Pädagogik zwischen staatlicher Kontrolle und der Forderung nach individueller Freiheit.
Schlüsselwörter
Pädagogik, Abweichung, Devianz, Normalität, Sozialisation, Strafe, Hilfe, Delinquenz, Fürsorgepädagogik, Johann Hinrich Wichern, Resozialisation, Stigmatisierung, Konstruktivismus, Soziale Arbeit, Kontrolle
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Auseinandersetzung der Pädagogik mit verschiedenen Theorien über abweichendes Verhalten (Devianz) und der historischen Entwicklung, wie Erziehungswissenschaften auf Delinquenz reagieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Konstruktion von Normalität, der Darstellung von Devianztheorien, der Geschichte der Fürsorgepädagogik sowie dem aktuellen Spannungsfeld zwischen Hilfe und Strafe in der Sozialen Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Umgang der Pädagogik mit Abweichung in den historischen Kontext einzuordnen und zu analysieren, welche gesellschaftlichen Anforderungen und Machtstrukturen das Handeln der Pädagogen maßgeblich beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine systematische Literaturanalyse und eine historische Herleitung pädagogischer Konzepte, ergänzt durch eine kritische Analyse der aktuellen kriminologischen Diskurse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung (Devianztheorien), einen historischen Rückblick auf den pädagogischen Umgang mit Abweichung (mit Fokus auf das 19. Jh. und J.H. Wichern) sowie eine Analyse heutiger Trends in der Kriminal- und Sozialpolitik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Pädagogik, Devianz, Normalität, Resozialisation, Stigmatisierung und Sozialisation.
Welche Bedeutung hat Johann Hinrich Wichern für die Arbeit?
Wichern nimmt eine zentrale Rolle ein, da er als einer der Vorreiter der Fürsorgepädagogik das "Rauhe Haus" gründete. Seine Konzepte dienen als Modell für die Untersuchung, wie pädagogisches Handeln mit christlichen Werten und gesellschaftlichen Kontrollvorstellungen verknüpft wurde.
Wie bewertet die Arbeit die heutige Tendenz zur Eigenverantwortlichkeit?
Die Arbeit betrachtet den Trend zur Responsibilisierung (Eigenverantwortung) skeptisch, da dadurch die Gefahr besteht, dass der Staat seine soziale Verantwortung zugunsten marktwirtschaftlicher Logik reduziert und Betroffene bei Problemen stigmatisiert.
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- Sandra Krauß (Author), 2006, Pädagogik und Abweichung - Eine kritische Auseinandersetzung mit einschlägigen Devianztheorien, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/64935