Im Juli 2007 fand der so genannte Integrationsgipfel statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel lud mehr als 80 Vertreter von Bund, Ländern, Kommunen, Kirchen und Zuwanderern ins Kanzleramt ein, um einen nationalen Integrationsplan zu erarbeiten. Auf die politische Agenda gelangte das Thema Integration zuvor im März dieses Jahres durch Medienberichte über die Rütli- Schule im Berliner Stadtteil Neukölln. Deren Lehrer übten über die Öffentlichkeit Druck auf die Berliner Schulbehörde aus, um auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen, die sie durch einen besonders hohen Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund bei gleichzeitigem Personalmangel verursacht sahen. Der Stadtteil Neukölln weist im Vergleich zur Stadt Berlin mit 20,3% einen überdurchschnittlich hohen statistischen Ausländeranteil an der Wohnbevölkerung auf. Schon weit vor diesem Ereignis wurde das Thema Integration im Rahmen eines anderen Politikfeldes dazu benutzt Aufgeregtheit zu erzeugen. Nämlich im öffentlichen Diskurs um die Gefährdung der inneren Sicherheit durch eingewanderten islamisch inspirierten Terrorismus, der unter anderem durch die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh im November 2004 ausgelöst wurde. Der Begriff Parallelgesellschaften wurde zum Schlagwort. Zurück geht dieser auf Heitmeyer, der bereits 1996 auf das Problem hinwies, das drohe, wenn sich „ökonomische Ausgrenzungen mit kulturellen Abschottungen und religiös-politischer Propaganda verbindet“. Dann nämlich bestehe die Gefahr einer „schwer durchschaubare(n) Parallelgesellschaft am Rande der Mehrheitsgesellschaft“, so Heitmeyer. Im öffentlichen Diskurs wurde der Begriff allerdings seiner Komplexität beraubt. So wurden bereits segregierte Stadtquartiere mit einem hohen Anteil an Muslimen als eine Gefahr betrachtet (vgl. Gestring 2005: 3) . Die geschilderten Ereignisse lösten eine politische und mediale Debatte um das Thema Integration aus. In beiden Fällen wurde der räumlichen Konzentration ethnisch-kultureller Gruppen Einfluss auf die Integration ihrer Mitglieder in die Aufnahmegesellschaft unterstellt. Ob diese Annahme berechtigt ist, untersuche ich im Rahmen dieser Hausarbeit anhand verschiedener Integrationsansätze.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Begriff der Segregation
2.1 Quantifizierbarkeit
2.2 Ursachen
2.3 Formen und Entwicklung
2.4 Quartierseffekte
2.5 Zusammenfassung
3. Zum Begriff der Integration
3.1 Die Stadt als Ort der Integration
3.2 Integrationsmodelle
3.2.1 Parks race-relations-cycle
3.2.2 Gordons Assimilationsmodell
3.2.3 Integration bei Esser
3.3 Zusammenfassung
4. Segregationseffekte
4.1 Vorteile für die Integration von MigrantInnen
4.2 Nachteile für die Integration von MigrantInnen
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der sozialräumlichen Segregation auf die Integration von MigrantInnen in der Aufnahmegesellschaft und prüft die Ausgangsthese, dass eine solche räumliche Konzentration tatsächlich Auswirkungen auf den Integrationsprozess hat.
- Analyse des Begriffs der Segregation und seiner Ursachen in städtischen Räumen.
- Untersuchung von Integrationsmodellen (Chicagoer Schule, Gordon, Esser) im städtischen Kontext.
- Erörterung der positiven und negativen Quartierseffekte auf die Bewohner.
- Diskussion der Wechselwirkungen zwischen sozialer und ethnisch-kultureller Segregation.
Auszug aus dem Buch
2. Zum Begriff der Segregation
Allgemein bezeichnet Segregation einen Prozess der Entmischung von Elementen innerhalb eines Raumes. In der Soziologie bezieht sich diese Entmischung auf die Wohnstandorte der Bevölkerung innerhalb eines Stadtgebietes. Dieser Prozess ist das zentrale Element in den Theorien zur Stadtentwicklung der Chicagoer Schule der Soziologie. Robert E. Park, Ernest W. Burgess und andere untersuchten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Auswirkungen der Einwanderung auf die Entwicklung amerikanischer Großstädte am Beispiel Chicagos. Park und Burgess (1974: 55) entwickelten dabei ein Modell der Stadtstruktur. Es besteht aus einem innerstädtischen Geschäftszentrum, dem loop und konzentrisch angeordneten Ringen (ebd.).
Die dabei entstehenden Zonen werden als natural areas bezeichnet und werden von jeweils einer Nutzungsart und Bevölkerungsgruppe dominiert (vgl. Friedrichs 1995: 38). Der erste Ring bildet die zone in transition (ebd.). In die dortigen Wohnviertel siedeln sich die neuankommenden Migranten an. An diese Slumgebiete schließt sich die zone of working men`s homes an (ebd.). In diesem Ring mit Arbeiterquartieren wohnen überwiegend Angehörige der zweiten Migrantengeneration (vgl. Park/ Burgess 1974:56). Die vierte und fünfte Zone, also die residential and commuters zone bestehen aus mittelständischen Appartement- und gehobenen Eigenheimsiedlungen (ebd.). Durch Einwanderung beginnt ein Prozess der Invasion und Sukzession entlang der konzentrischen Kreise. Bevölkerung und Nutzung werden dabei in den jeweils nächsten angrenzenden Ring verdrängt (vgl. Friedrichs 1995: 39). Dieses Modell der Stadtexpansion bzw. Stadtstruktur ist nicht nur in Bezug auf den Prozess der Segregation, sondern auch im Rahmen integrationstheoretischer Überlegungen von Bedeutung, was sich in Kapitel 3.2.1 zeigen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die aktuelle politische und mediale Debatte um Integration ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage der Arbeit hinsichtlich des Einflusses sozialräumlicher Segregation.
2. Zum Begriff der Segregation: Dieses Kapitel definiert Segregation als Prozess der räumlichen Entmischung, analysiert dessen Messbarkeit, Ursachen sowie die historische Entwicklung und Effekte von Quartieren auf ihre Bewohner.
3. Zum Begriff der Integration: Hier werden unterschiedliche theoretische Integrationsmodelle, insbesondere der Chicagoer Schule sowie von Gordon und Esser, diskutiert und die Rolle der Stadt als Integrationsmotor beleuchtet.
4. Segregationseffekte: Dieses Kapitel bewertet die Auswirkungen der räumlichen Konzentration von MigrantInnen und analysiert sowohl unterstützende Faktoren für die Integration als auch potenziell hemmende Nachteile.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die untersuchte Segregation ambivalent wirkt und Handlungsbedarf besteht, um Ausgrenzung zu verhindern.
Schlüsselwörter
Segregation, Integration, MigrantInnen, Sozialräumliche Segregation, Quartierseffekte, Stadtentwicklung, Chicagoer Schule, Assimilation, ethnische Kolonien, soziale Ungleichheit, Wohnungsmarkt, Diskriminierung, soziale Netzwerke, ethnische Ökonomie, Stadtgesellschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Wechselwirkung zwischen der räumlichen Verteilung von Menschen in einer Stadt (Segregation) und ihrem Integrationsprozess in die Aufnahmegesellschaft.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Segregationsprozesse in Großstädten, verschiedene soziologische Modelle der Integration und die Frage, wie sich die Wohnumgebung auf die Chancen und Möglichkeiten von MigrantInnen auswirkt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu prüfen, ob die sozialräumliche Segregation von MigrantInnen einen messbaren Einfluss auf deren Integration hat und ob diese Konzentration eher als förderliches Schutz- oder hemmendes Ausgrenzungsmerkmal fungiert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die auf der Analyse bestehender soziologischer Fachliteratur und empirischer Studien zur Stadtsoziologie und Migrationsforschung basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Segregationsbegriffs, die Vorstellung verschiedener Integrationsmodelle und eine kritische Diskussion der Vor- und Nachteile von Segregationseffekten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Segregation, Integration, MigrantInnen, Quartierseffekte, Assimilation und soziale Ungleichheit.
Welche Bedeutung hat das Modell der Chicagoer Schule für diese Arbeit?
Das Modell ist grundlegend, da es den Zusammenhang zwischen sozialräumlicher Mobilität und einem stufenweisen Eingliederungsprozess von Einwanderern in konzentrischen Zonen der Stadt beschreibt.
Wie bewertet der Autor den Einfluss von ethnischen Kolonien?
Der Autor sieht ethnische Kolonien ambivalent: Sie können kurzfristig als Schutzräume und Sprungbretter dienen, bei extremer Abschottung jedoch auch langfristig die soziale und strukturelle Integration behindern.
Was schlussfolgert der Autor im Fazit?
Der Autor stellt fest, dass Segregation und soziale Ungleichheit eng miteinander verwoben sind, und plädiert dafür, bei Bildungs- und Ungleichheitsproblemen anzusetzen, um eine dauerhafte Ausgrenzung zu vermeiden.
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- Fabian Mesecke (Author), 2006, Migration - Segregation - Integration. Der Einfluss sozialräumlicher Segregation auf die Integration von MigrantInnen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/64379