Im Bereich der Behindertenhilfe und –politik dürfte das Persönliche Budget die in Deutschland zur Zeit am meisten diskutierte Innovation darstellen. Beim Persönlichen Budget handelt es sich um eine Geldleistung, die ein Mensch mit Behinderung vom Sozialleistungsträger statt der durch einen anerkannten Träger der Wohlfahrtspflege erbrachten Sachleistung erhält. Mit diesem Geld kann er sich direkt eine Hilfeleistung auf dem sozialen Dienstleistungsmarkt einkaufen oder auf andere Weise selbst organisieren. Das Persönliche Budget, so die in der fachlichen und sozialpolitischen Diskussion überwiegend zum Ausdruck gebrachte Auffassung, stelle zumindest von seiner Grundkonstruktion her ein geeignetes Instrument zur Erweiterung der Selbstbestimmungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung dar und sei damit Inbegriff eines behinderungspolitischen Paradigmenwechsels von „fremdbestimmter Fürsorge“ zu „Selbstbestimmung“. Anhand der Individualisierungstheorie nach U. Beck und des Wohlfahrtspluralismusansatzes nach A. Evers/T. Olk beschreibt der Autor zunächst den grundlegenden gesellschaftlichen und institutionellen Kontext des Persönlichen Budgets. Am Beispiel des Modellprojekts in Bielefeld wird dann diskutiert, inwiefern das Persönliche Budget die Erwartung erweiterter Selbstbestimmungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung tatsächlich erfüllen kann. Zum einen kommt der Autor dabei zu dem Ergebnis, dass die Erweiterung von Entscheidungs- und Gestaltungsspielräumen durch das Persönliche Budget aufgrund dessen sozialrechtlicher Konstruktion im spezifischen Kontext des deutschen Wohlfahrtssystems deutlichen Einschränkungen unterliegt. Zum anderen arbeitet er heraus, dass eine Ausweitung des Persönliche Budgets möglicherweise auf Dauer erhebliche strukturelle Risiken für die Lebenslage behinderter Menschen produziert. Neben dem Risiko der Entstehung neuer Abhängigkeitsstrukturen durch eine sich auf den Sozialraum und die Lebenswelt behinderter Menschen ausweitende soziale Kontrolle durch den jeweiligen Kostenträger und dem Risiko einer Verstärkung von Abhängigkeitsstrukturen innerhalb von Familien- und Nachbarschaftskontexten durch eine „Kommerzialisierung“ des informellen Sektors der Wohlfahrtsproduktion, dürfte die dem Persönlichen Budget inhärente Ausweitung der Handlungslogik des Marktes mittel- bis langfristig das größte Risiko für die Lebenslage behinderter Menschen und deren Selbstbestimmungsmöglichkeiten darstellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Erklärungsansätze
2.1 Individualisierungstheorie nach Beck
2.1.1 Die Grundzüge der Individualisierungstheorie
2.1.2 Niveauverschiebungen
2.1.2.1 Einkommen
2.1.2.2 Sozialstaatliche Sicherungs- und Steuerungssysteme
2.1.2.3 Bildung
2.1.2.4 Sonstige Niveauverschiebungen
2.2 Wohlfahrtspluralismus nach Evers/Olk
2.2.1 Die vier Sektoren der Wohlfahrtsproduktion
2.2.1.1 Markt-Sektor
2.2.1.2 Staats-Sektor
2.2.1.3 Informeller Sektor
2.2.1.4 Nonprofit-Sektor/Intermediärer Bereich
3. Das Persönliche Budget
3.1 Kurze Einführung in das Persönliche Budget
3.2 Entstehungskontext des Persönlichen Budgets
3.2.1 Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik
3.2.2 Erklärungsansätze zum Paradigmenwechsel und Persönlichen Budget
4. Das Bielefelder Bundesmodellprojekt
4.1 Rechtliche Grundlagen des Bundesmodellprojekts
4.2 Potentiell budgetfähige Leistungen
4.3 Umsetzung des Bielefelder Modellprojekts
4.4 Potenzielle Fallbeispiele
5. Erweiterte Selbstbestimmungsmöglichkeiten?
5.1 Vom klassischen Leistungsdreieck zum Persönlichen Budget
5.1.1 Die Stellung des Leistungsberechtigten beim Sachleistungsbezug
5.1.2 Die Stellung des Leistungsberechtigten beim Persönlichen Budget
5.2 Neue Spielräume gegenüber den Leistungserbringern
5.2.1 Die Verpflichtung zum zweckentsprechenden Budgetmitteleinsatz
5.2.2 Direkte Teilhabeleistungen
5.2.3 Die Ausweitung der Handlungslogik des Marktes
5.2.4 Beauftragung von Leistungserbringern ohne Anerkennung
5.2.5 Der Leistungsberechtigte als Kunde
5.2.5.1 Kundenorientierung
5.2.5.2 Handlungseffizienz versus Kundenorientierung
5.2.6 Informeller Sektor und Persönliches Budget
5.3 Das neue Verhältnis zum Leistungsträger
5.3.1 Durchsetzung von Leistungsansprüchen
5.3.2 Neue Formen der sozialen Kontrolle durch den Leistungsträger
5.4 Anforderungen an den Budgetnehmer
5.4.1 Erforderliche Kompetenzen
5.4.2 Budgetberatung und -unterstützung
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob das Persönliche Budget die Erwartungen an erweiterte Selbstbestimmungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung tatsächlich erfüllen kann, oder ob damit neue Zwänge und Einschränkungen einhergehen. Dabei analysiert der Autor die theoretischen Grundlagen der Individualisierung und des Wohlfahrtspluralismus sowie die praktische Umsetzung am Beispiel des Bundesmodellprojekts in Bielefeld.
- Analyse des Paradigmenwechsels in der Behindertenpolitik von "Fürsorge" zu "Selbstbestimmung".
- Theoretische Einordnung durch die Individualisierungstheorie nach Ulrich Beck.
- Untersuchung der strukturellen Auswirkungen des Persönlichen Budgets auf das Verhältnis zum Leistungsträger und Leistungserbringer.
- Kritische Beleuchtung der neuen Anforderungen und Kontrollmechanismen für Budgetnehmer.
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Die Grundzüge der Individualisierungstheorie
Beck konzentriert sich auf die zunehmende gesellschaftliche Individualisierung in der Bundesrepublik Deutschland seit Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Seit dieser Zeit hat sich der Individualisierungsprozess in der Bundesrepublik nach Beck radikalisiert und universalisiert. Anders als „die ´(früh)bürgerliche` Individualisierung, die im wesentlichen auf Kapitalbesitz und -vermehrung beruhte und ihre soziale und politische Identität im Kampf gegen die feudale Herrschafts- und Rechtsordnung entwickelte“ handelt es sich bei diesem Individualisierungsprozess um „´Arbeitsmarkt Individualisierung`, die die Bedingungen staatlich regulierter [Hervorhebung durch den Verfasser] Lohnarbeit voraussetzt und sich im Kreislauf von Erwerb, Anbietung und Anwendung von Arbeitskompetenzen entfaltet“ (Beck 1983: S. 45). Das, was früher nur wenigen Menschen zugemutet wurde, nämlich ein eigenes Leben zu führen, wird „nun mehr und mehr Menschen, im Grenzfall allen abverlangt“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 21). Die Grundbedingungen der Gesellschaft wie Arbeitsmarkt, Mobilitäts- und Ausbildungsanforderungen, Arbeits- und Sozialrecht, Rentenrecht etc. begünstigen bzw. erzwingen Individualisierung und führen zu einer zunehmenden Demokratisierung von Individualisierungsprozessen (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 21).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema Persönliches Budget als Instrument der Behindertenhilfe und Definition der Fragestellung bezüglich der Selbstbestimmungsmöglichkeiten.
2. Theoretische Erklärungsansätze: Vorstellung der Individualisierungstheorie nach Beck und des Wohlfahrtspluralismus nach Evers/Olk als theoretischer Rahmen.
3. Das Persönliche Budget: Kurze Einführung in das Instrument und dessen Einbettung in den Paradigmenwechsel der Behindertenpolitik.
4. Das Bielefelder Bundesmodellprojekt: Detailbeschreibung der rechtlichen Grundlagen, Zielsetzungen und praktischen Umsetzung des Modellprojekts in Bielefeld.
5. Erweiterte Selbstbestimmungsmöglichkeiten?: Kritische Diskussion der Auswirkungen des Persönlichen Budgets auf Entscheidungsspielräume gegenüber Leistungserbringern und Trägern sowie die Anforderungen an Budgetnehmer.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Chancen und Risiken des Persönlichen Budgets für die Lebenslage behinderter Menschen.
Schlüsselwörter
Persönliches Budget, Behindertenhilfe, Selbstbestimmung, Behindertenpolitik, SGB IX, Individualisierung, Wohlfahrtspluralismus, Bielefelder Modellprojekt, Leistungsdreieck, Teilhabeleistungen, Kundenorientierung, Sozialstaat, Eigenverantwortung, Budgetnehmer, Assistenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Persönliche Budget als neues Instrument in der Behindertenhilfe und prüft, inwieweit es die Selbstbestimmungsmöglichkeiten behinderter Menschen erweitert oder durch neue Anforderungen einschränkt.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen den Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik, die Individualisierungstheorie, das Wohlfahrtspluralismus-Modell, die praktische Umsetzung von Modellprojekten sowie die Auswirkungen auf das Verhältnis zu Leistungsträgern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob das Persönliche Budget die Erwartung erweiterter Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume für Menschen mit Behinderung tatsächlich einlösen kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine theoretische und konzeptionelle Arbeit, die soziologische Theorien (Beck, Evers/Olk) auf das Instrument des Persönlichen Budgets anwendet und das Bielefelder Modellprojekt exemplarisch analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Hintergründe, beschreibt detailliert die rechtliche und praktische Umsetzung des Bielefelder Modellprojekts und diskutiert kritisch die Veränderungen im Leistungsdreieck sowie die neuen Anforderungen an Budgetnehmer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Persönliches Budget, Selbstbestimmung, SGB IX, Behindertenhilfe, Individualisierung und Kundenorientierung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich das Persönliche Budget vom klassischen Sachleistungsprinzip?
Beim Persönlichen Budget erhält der Leistungsberechtigte eine Geldleistung anstelle einer Sachleistung, wodurch er vom passiven Hilfeempfänger zum aktiven Kunden oder Arbeitgeber wird, der seine Unterstützungsleistungen selbst organisieren kann.
Welche kritische Schlussfolgerung zieht der Autor zum Modell?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das Persönliche Budget zwar neue Spielräume eröffnet, diese aber durch die enge Bindung an das Sachleistungsrecht und durch bürokratische Kontrollen ("Zielvereinbarungen") sowie die ökonomische Logik des Marktes (Effizienzforderungen) stark relativiert werden.
- Arbeit zitieren
- Joachim Schmidt (Autor:in), 2006, Das Persönliche Budget. Ein Instrument zur Erweiterung der Selbstbestimmungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/62358