Zur Darstellung der Thesen Roman Jakobsons aus dem Aufsatz „Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie“ musste ich einen entsprechenden Text von Bertolt Brecht auswählen, was sich recht schwierig gestaltete, da Brecht eine Vielzahl an Gedichten geschrieben hat, in denen die grammatischen Strukturen im Sinne Jakobsons vorkommen. Allein das Zitat Brechts „Ego, poeta Germanus, super grammaticos“1 (Ich, der deutsche Dichter, stehe über der Grammatik), lässt bereits vermuten, dass ihm die grammatischen Strukturen nicht fremd waren und er sie folglich in seinen Gedichten bewusst und auch reichlich einsetzt. Zur Textauswahl kam noch erschwerend hinzu, dass Jakobson eine klare Begrenzung hinsichtlich der zu untersuchenden Textgröße anführt. Demnach können die Strukturgesetze nur an relativ kurzen Gedichten angewendet werden, da längere poetische Texte von einer anderen strukturalen Organisation beherrscht werden.2 Aus dieser Fülle – und im Rahmen dieser Einschränkung – nun ein einziges Gedicht herauszusuchen, das meinen Vorstellungen entsprach, das heißt, durch das Jakobsons Thesen untermauert werden können und seine Einstellung zu poetischen Gedichten und Grammatik dargestellt werden kann, war nicht ganz einfach. Warum meine Wahl letztlich auf das Gedicht „Die Jungfraunballade“ fiel, versuche ich dann am Anfang des dritten Punktes meiner Arbeit zu verdeutlichen. Nach der Auswahl konnte ich mich dann der Untersuchung des Gedichts auf seine grammatischen Strukturen hin widmen, was somit den größten Teil meiner Arbeit ausmacht. Unter 3.2 wird jeweils eine knappe Zusammenfassung des Aufsatzes „Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie“ vorangestellt, danach werden die Thesen, unter Berücksichtigung der systematischen Untersuchung nach Jakobson, dargelegt. Im Laufe meiner Untersuchung komme ich insofern vom Allgemeinen auf das speziell Jakobson Betreffende. Fremdsprachige Ausdrücke und Zitate aus den jeweiligen Gedichten habe ich in meiner Arbeit kursiv geschrieben, um sie besser hervorzuheben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Autor
3. Arbeit am Gedicht
3.1 Zur Auswahl des Gedichtes
3.2 Darstellung der Thesen anhand der „Jungfraunballade“
3.2.1 Grammatischer Parallelismus
3.2.2 Bilderlose Poesie
3.2.4 Grammatische Eigenart
4. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die strukturalistischen Thesen Roman Jakobsons aus seinem Aufsatz „Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie“ anhand einer detaillierten grammatischen Analyse von Bertolt Brechts „Jungfraunballade“ zu veranschaulichen und deren poetische Wirkung zu untersuchen.
- Analyse der grammatischen Struktur von Brechts „Jungfraunballade“
- Anwendung des Konzepts des „grammatischen Parallelismus“ nach Jakobson
- Untersuchung der Bedeutung der „bilderlosen Poesie“ und ihrer Wirkung
- Vergleichende Analyse mit dem Gedicht „Wenn’s einer Hur gefällt“
- Diskussion der poetischen Rhetorik und des Einsatzes grammatischer Kategorien
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Grammatischer Parallelismus
Unter ‚grammatischem Parallelismus’ versteht Jakobson ein „Set von rhetorischen Phänomenen, die den syntaktischen wie den semantischen Parallelismus, aber auch den syllabischen und phonologischen Parallelismus umfassen.“ Nach Jakobson ist der grammatische Parallelismus das wichtigste Element der Dichtkunst schlechthin. Bereits vor Jakobson stellt schon Gerald Hopkins die Behauptung auf, dass die ‚grammatische Figur’ in der Poetik dieselbe Bedeutung besitzt wie die Lautfigur. Wenn wir uns nun auf die Suche nach einem grammatischen Parallelismus im Gedicht Brechts „Die Jungfraunballade“ machen, müssen wir zuerst wissen, wonach wir überhaupt suchen sollen. Jakobson definiert daher genauer, was unter einer ‚grammatischen Kategorie’ verstanden wird, damit wir diese mit einer anderen ‚grammatischen Kategorie’ parallelisieren können. Per definitionem fallen unter ‚grammatische Kategorien’ alle flektierten und unflektierten Redeteile, Numeri, Genera, Kasus, Tempora, Genera verbi, Negationen, Klassen der abstrakten und konkreten Wörter, Artikel, Pronomen, Partikel etc. Aber auch alle finiten und infiniten Verbformen sowie alle syntaktischen Einheiten und Konstruktionen gehören in diese Kategorie. Also alles, was in irgendeiner Form als ‚grammatisch’ bezeichnet werden kann. Wichtig für die Analyse ist hierbei, ob, wie weit und worin sich die grammatischen Kategorien gleichen und welche der Kategorien innerhalb eines gegebenen Musters als äquivalent gelten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Auswahl des Gedichts „Die Jungfraunballade“ von Bertolt Brecht unter Berücksichtigung von Roman Jakobsons strukturalen Vorgaben für die Analyse poetischer Texte.
2. Zum Autor: Dieses Kapitel gibt einen biografischen Abriss über Roman Jakobson und beleuchtet seine Entwicklung vom Russischen Formalismus hin zum weltweiten Pionier des Strukturalismus.
3. Arbeit am Gedicht: Im Hauptteil wird Jakobsons Theorie auf das Brecht-Gedicht angewandt, wobei Aspekte wie der grammatische Parallelismus, die bilderlose Poesie und die individuelle grammatische Eigenart des Werkes detailliert seziert werden.
4. Schluss: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und stellt fest, dass Brechts präzise Verwendung grammatischer Figuren ihn als meisterhaften Rhetoriker im Sinne Jakobsons ausweist.
Schlüsselwörter
Roman Jakobson, Bertolt Brecht, Strukturalismus, Grammatischer Parallelismus, Poetische Grammatik, Jungfraunballade, Sprachanalyse, Bilderlose Poesie, Linguistik, Grammatische Kategorien, Literaturwissenschaft, Syntaktische Struktur, Morphologie, Verslehre, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Ansätze des Sprachwissenschaftlers Roman Jakobson im Hinblick auf die „Poesie der Grammatik“ und wendet diese methodisch auf ein konkretes lyrisches Beispiel an.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die grammatischen Strukturen, die in poetischen Texten als Stilmittel eingesetzt werden, insbesondere die Themenbereiche Parallelismus, Bilderlosigkeit und die spezifische Auswahl grammatischer Kategorien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Jakobsons komplexe Thesen durch die praktische Anwendung auf Brechts „Jungfraunballade“ verständlich zu machen und zu belegen, wie Grammatik die poetische Aussage eines Gedichts konstituiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine strukturalistische Gedichtanalyse angewandt, die auf Jakobsons Modell der systematischen Untersuchung grammatischer Kategorien (wie Kasus, Wortarten und Satzbau) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von grammatischen Parallelismen, das Konzept der bilderlosen Poesie und eine vergleichende Analyse von Brechts Gedichten hinsichtlich ihrer individuellen „grammatischen Eigenart“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Strukturalismus, grammatischer Parallelismus, Poetik, Brechts Lyrik sowie das Verhältnis von Sprachform und ästhetischem Gehalt.
Warum spielt das Personalpronomen „es“ eine so besondere Rolle in der Analyse der „Jungfraunballade“?
Die Autorin untersucht das Unterdrücken des „es“ in der zehnten Verszeile nicht nur als sprachliches Phänomen, sondern zieht Parallelen zu Freuds Triebtheorie, um eine psychoanalytische Deutungsebene des Gedichtes zu eröffnen.
Welche Rolle spielt der Vergleich mit dem Gedicht „Wenn’s einer Hur gefällt“?
Der Vergleich dient dazu, das „Kontrastprinzip“ zu verdeutlichen: Trotz ähnlicher Entstehungsgeschichte und thematischer Nähe zeigen die Gedichte konträre grammatische Strukturen, was die Einzigartigkeit jedes poetischen Werkes unterstreicht.
- Arbeit zitieren
- Mag.phil. Karoline Ehrlich, MIB (Autor:in), 2006, Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie von Roman Jakobson - Am Beispiel des Gedichtes "Die Jungfraunballade" von Bertolt Brecht, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/60817