Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der Partnervermittlung auf Basis von genetischen Informationen. Seit Anfang der Tausender Jahre erhält die Gentechnik Einzug in weitere Lebensbereiche. Was die Partnervermittlung betrifft ist das Phänomen recht neu. Umso wichtiger, dass es in einem passenden soziologischen Kontext analysiert wird. Mit Michel Foucaults Theorie der "Biopolitik" nähert sich der Autor dem Partnerschaftsverständnis-Verständnis der Nutzer und deren allgemeinen Wirklichkeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Partnervermittlung anhand genetischer Informationen
2.1. Gesunde Partnerschaft auf allen Ebenen
2.2. Vom genetisch determinierten Schicksal der gelungen Partnerschaft
3. Biomacht und Biosozialität als epistemologische Instrumente
3.1. Von der Macht des Todes und der Politik der Restriktion zur Macht über das Leben und der Politik für das Leben
3.2. Zu den Begriffen Biomacht und Biopolitik
3.3. Die Machttechnologien und deren Bezugspunkte
3.4. Biosozialität: Zwischen Natur und Kultur
4. Die biomächtige und biosoziale Wirklichkeit der Partnerschaftssuche
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht aus einer soziologischen Perspektive, wie sich das Aufkommen von Partnervermittlungsdiensten erklären lässt, die auf genetischen Informationen basieren, und analysiert dies anhand der Konzepte von Biomacht und Biosozialität.
- Unternehmerische Konzepte der genetischen Partnervermittlung
- Die theoretische Rahmung durch Foucaults Biomacht und Biopolitik
- Die Transformation des Verhältnisses von Natur und Kultur (Biosozialität)
- Die Rolle genetischer Normen und Selbstdisziplinierung in der Partnerwahl
Auszug aus dem Buch
3.1. Von der Macht des Todes und der Politik der Restriktion zur Macht über das Leben und der Politik für das Leben
Foucault verfolgt in seinen Gouvernementalitätsvorlesungen von 1978 Indizien, die die Herausbildung des modernen Staates begründen und charakterisieren. Dabei stellt sich vor allem die Entstehung neuer Machttechnologien als zentraler Aspekt heraus (vgl. Hajek (2019): 187). Diese entdeckt er erstmals Mitte der 70er Jahre bei seinen genealogischen Untersuchungen von Macht in der abendländischen Gesellschaft. Mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert, hin zum 18. Jahrhundert spiele sich eine Transformation der vorherrschenden Macht ab (vgl. Bühl (2009): 84). Foucaults Erkenntnisinteresse gilt hierbei stets der Einflussnahme von Macht auf Individuen und Bevölkerungen.
Vor dem angedeuteten Wechsel habe die Macht des Souveräns dominiert. Sie zeichnet sich laut Foucault dadurch aus, dass sie über das Recht von Leben und Tod, der ihr unterliegenden Individuen verfügt. „Daß der Souverän das Recht über Leben und Tod innehat, bedeutet im Grunde, daß er sterben machen und leben lassen kann [...]“ (Foucault (2001): 283). Zum Tod greife der Souverän zumeist nur in letzter Konsequenz, wobei das Wissen, bzw. die Angst diesbezüglich ausreiche, um „diese Rechtsform auf einen historischen Gesellschaftstyp zu beziehen, in dem sich die Macht wesentlich als Abschöpfungsinstanz, als Ausbeutungsmechanismus, als Recht auf Aneignung von Reichtum, als eine den Untertanen aufgezwungene Entziehung von Produkten, Gütern, Diensten, Arbeit und Blut vollzog.“ (Foucault (1983): 132) Losgelöst von der abstrakten Betitelung des Souveräns, obliege die Macht in der genannten Zeit Fürsten und Staaten (vgl. ebd.). In letzter Konsequenz könne die Macht sich des Lebens bemächtigen und es auslöschen. Deswegen sei das Recht über Leben und Tod nur aufgrund des Rechts zu töten, ein Recht über das Leben (vgl. Foucault (2001): 283).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der genetischen Partnervermittlung ein und definiert die Forschungsfrage, welche diese Phänomene durch die Begriffe Biomacht und Biosozialität soziologisch analysieren möchte.
2. Partnervermittlung anhand genetischer Informationen: In diesem Kapitel werden Geschäftsmodelle von Unternehmen vorgestellt, die genetische Daten nutzen, um entweder Partner mit gesundheitlichen Kompatibilitäten abzugleichen oder genetisch optimale Paarungen zu versprechen.
3. Biomacht und Biosozialität als epistemologische Instrumente: Dieses Kapitel liefert den theoretischen Rahmen, indem Foucaults Machtbegriff, Biomacht, Biopolitik und schließlich Rabinows Konzept der Biosozialität als Instrumente für die Analyse detailliert hergeleitet werden.
4. Die biomächtige und biosoziale Wirklichkeit der Partnerschaftssuche: Hier findet die eigentliche Analyse statt, in der die zuvor erläuterten Theorien auf die untersuchten Dienstleister angewendet werden, um deren unternehmerische Logik und die Wirkung auf die NutzerInnen zu verstehen.
5. Fazit: Das Fazit beantwortet die Forschungsfrage und resümiert, dass die Nachfrage nach genetisch gestütztem Dating auf einem wachsenden biologischen Selbstverständnis beruht und als Frühform einer durch neue Wissenspraktiken entstehenden gesellschaftlichen Transformation zu deuten ist.
Schlüsselwörter
Biomacht, Biopolitik, Biosozialität, Partnervermittlung, Gentechnologie, Michel Foucault, Paul Rabinow, Genetik, Selbstdisziplinierung, Lebenswissenschaften, Normalitätskonzepte, Assemblages, Reproduktion, Individuum, Bevölkerung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert soziologisch, wie Unternehmen genetische Informationen für die Partnervermittlung nutzen und welche Machtstrukturen und gesellschaftlichen Wandlungsprozesse diesem Trend zugrunde liegen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Genetik als Grundlage für Dating-Dienstleistungen, die Foucaultsche Machttheorie und die Frage, wie sich Individuen zunehmend durch biologische und genetische Merkmale definieren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, das Bedürfnis nach genetisch fundierten Partnervermittlungen und die entsprechenden Unternehmenskonzepte mit Hilfe der Konzepte von Biomacht und Biosozialität theoretisch zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Diskursanalyse, bei der soziologische Machtkonzepte auf aktuelle Entwicklungen in der Gentechnologie und im Dating-Markt angewendet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der empirischen Beispiele (Dating-Plattformen), die theoretische Aufarbeitung von Biomacht und Biosozialität sowie die Synthese aus Theorie und Empirie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Begriffe wie Biomacht, Biopolitik, Biosozialität, genetische Optimierung und Subjektivierung bilden das theoretische Rückgrat der Analyse.
Wie unterscheidet sich die genetische Partnervermittlung von klassischen Ansätzen?
Im Gegensatz zu Persönlichkeitstests versprechen diese Anbieter, auf naturwissenschaftlicher Basis genetische Kompatibilität (z.B. MHC-Gene oder Ausschluss von Erbkrankheiten) zu garantieren, wobei der Fokus stark auf die Gesundheit zukünftiger Kinder gerichtet ist.
Welche Bedeutung kommt dem Begriff "Assemblages" im Fazit zu?
Der Begriff beschreibt nach Paul Rabinow Ereignisse, in denen sich neue soziale Praxen und Macht-Wissen-Komplexe bereits bilden, bevor diese gesamtgesellschaftlich vollständig etabliert oder verfestigt sind.
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- Nelson Jung (Author), 2020, Genetik als Partnervermittler. Liegt das Schicksal der Liebe in den Genen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/590533