Der Regierungschef Mexikos Andrés Manuel López Obrador (AMLO) betont immer wieder, dass „die Politik über der Wirtschaft stehen muss.“ (Blomeier, Beck, Téllez 2019). Was mit der Aussage genau gemeint ist, bleibt zwar unklar, gibt aber eine Idee darüber, wie die mexikanische Politik gegenüber der Wirtschaft eingestellt sein könnte. Politische Ökonomie geht davon aus, dass Politik und Ökonomie sich gegenseitig bedingen und nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Obrador sieht die Ursache für soziale Ungleichheit in der Privatwirtschaft, weshalb er eine anti-neoliberalistische Haltung vertritt.
Er mag so ziemlich das Gegenteil vom rechtskonservativen Miguel Juan Sebastián Piñera Echenique sein. Der chilenische Staatschef folgt konsequent der neoliberalen Kultur, durch die das Land seit der Diktatur Augusto Pinochets (1973-1990) geprägt ist. Die sogenannten Chicago Boys, die die Militärdiktatur damals berieten, brachten einen marktradikalen Neoliberalismus nach Chile und verringerten mit weitreichenden Privatisierungen den Einfluss des Staates. Neben sozialer Ungleichheit hatten die Maßnahmen vor allem ein erhöhtes Wirtschaftswachstum zur Folge. Piñera war, bevor er 2010 zum ersten Mal zum Präsidenten von Chile gewählt wurde, vor allem erfolgreicher Unternehmer. Anfang der 1990er Jahre tritt er der rechtskonservativen Renovación Nacional bei, die mit dem Diktator Pinochet sympathisiert. „Piñera selbst hat dessen Menschenrechtsverbrechen verurteilt, die Wirtschaftspolitik aber gelobt.“ (Caspari 2017).
Aus wirtschaftlicher Perspektive gilt Chile heute als das Musterland Lateinamerikas (vgl. Caspari 2017). Mexiko hingegen als Problemkind. Das sind Label, die nicht erst 2018 mit den Amtseintritten von Piñera und Obrador vergeben wurden, sondern sie sind das Ergebnis eines sich über Jahrhunderte entwickelnden Prozesses. Dabei haben beide Staaten ähnliche Kontextbedingungen und zeigten jahrelang eine ähnlich verlaufende wirtschaftliche Entwicklungskurve. Bis Anfang des 21. Jahrhunderts, als die Wachstumskurve Chiles die Mexikos schneidet und übersteigt. Anliegen der vorliegenden Ausarbeitung ist es zu erklären, welche Faktoren dazu führen, dass Wachstum in einem Land ansteigt und welche Faktoren dieses verhindern.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Politikwissenschaftliche Relevanz
1.2 Fragestellung
2 Literaturdiskussion
3 Die Institutionentheorie
4 Empirie
4.1 Analytisches Verfahren
4.2 Das koloniale Erbe Lateinamerikas
4.3 Die wirtschaftliche Entwicklung vor 2004: Wachstum unter extraktiven Institutionen
4.4 Die wirtschaftliche Entwicklung nach 2004: Wachstum unter inklusiven Institutionen
4.4.1 Mexiko
4.4.2 Chile
4.5 Interpretation und eigene Positionierung
4.6 Grenzen der Ergebnisse und Hypothesenentwicklung
5 Fazit
6 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht mittels eines institutionenökonomischen Vergleichs die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung der beiden lateinamerikanischen Demokratien Mexiko und Chile. Ziel ist es, zu erklären, warum sich das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf in beiden Ländern trotz historisch ähnlicher Ausgangsbedingungen so unterschiedlich entwickelt hat.
- Analyse des Einflusses politischer Institutionen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
- Differenzierung zwischen inklusiven und extraktiven Wirtschafts- und Politiksystemen.
- Untersuchung historischer Pfadabhängigkeiten seit der Kolonialzeit.
- Vergleichende Betrachtung der Wachstumsdynamiken vor und nach 2004.
- Kritische Evaluation der aktuellen wirtschaftspolitischen Herausforderungen beider Staaten.
Auszug aus dem Buch
3 Die Institutionentheorie
Die Institutionentheorie geht davon aus, dass die wirtschaftlichen Institutionen eines Staates über seinen Erfolg entscheiden. Daron Acemoglu und James A. Robinson unterscheiden zwischen den sogenannten inklusiven und den extraktiven Wirtschaftsinstitutionen. Während inklusive Wirtschaftsinstitutionen für die große Mehrheit der Bevölkerung Anreize schaffen, sich produktiv am Wirtschaftsleben zu beteiligen (vgl. Acemoglu, Robinson 2012: 14), werden extraktive Institutionen vor allem gebildet, weil bestimmte Personen oder Gruppen von ihnen mehr profitieren als von inklusiven (vgl. Acemoglu, Robinson 2012: 111). Inklusive Wirtschaftsinstitutionen sichern das private Eigentum, bieten ein neutrales Rechtssystem und öffentliche Dienstleistungen. „Sie müssen ferner die Gründung neuer Unternehmen erlauben und ihren Bürgern gestatten, selbst über die eigene berufliche Laufbahn zu bestimmen.“ (Acemoglu, Robinson 2012: 105). Inklusive Wirtschaftsinstitutionen gehen mit inklusiven Märkten einher, die faire Wettbewerbsbedingungen schaffen und so der Bevölkerung ermöglichen, ihre Begabungen optimal einzusetzen (vgl. ebd.: 108). Zwischen politischen und wirtschaftlichen Institutionen herrscht eine starke Synergie (vgl. ebd. 113).
„Die Politik ist der Prozess, in dem eine Gesellschaft Regeln für ihre Lenkung bestimmt.“ (ebd.: 111). Wie zuvor erwähnt, sind diese Spielregeln die politischen Institutionen, mit denen sich die Vergleichende Politikwissenschaft beschäftigt (vgl. Grotz 2013: 237). Weist ein Land extraktive politische Institutionen auf, werden die Machthaber die Wirtschaftsinstitutionen so gestalten, dass sie am meisten davon profitieren, die Bevölkerung unterdrückt und ihre Macht nicht gefährdet wird (vgl. ebd. 113f.). Sind die politischen Institutionen hingegen ausreichend zentralisiert – das bedeutet, es existiert ein zentrales Machtmonopol – und zudem pluralistisch – die Macht wird auf breiter Ebene kontrolliert –, können sie als inklusiv bezeichnet werden (vgl. ebd.). Inklusive Wirtschaftsinstitutionen gehen mit inklusiven politischen Institutionen einher, extraktive Wirtschaftsinstitutionen entstehen auf Basis extraktiver politischer Institutionen (vgl. Acemoglu, Robinson 2012: 113ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, warum sich das Wirtschaftswachstum in Mexiko und Chile trotz Ähnlichkeiten so stark unterscheidet, und begründet die politikwissenschaftliche Relevanz.
2 Literaturdiskussion: Hier werden zentrale Forschungsbeiträge zur Wechselwirkung von politischer Stabilität, Wirtschaftswachstum und Reformfähigkeit in Lateinamerika dargelegt.
3 Die Institutionentheorie: Dieses Kapitel erläutert den theoretischen Rahmen von Acemoglu und Robinson, insbesondere die Konzepte der inklusiven und extraktiven Institutionen als Determinanten wirtschaftlichen Erfolgs.
4 Empirie: Dieser Hauptteil vergleicht die historische Entwicklung und aktuelle Wirtschaftsdaten beider Länder unter Anwendung der Differenzmethode des most similar cases design.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Art der politischen Institutionen maßgeblich für die divergierende wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich ist.
6 Ausblick: Der Ausblick diskutiert aktuelle politische Herausforderungen wie soziale Unruhen in Chile und die Drogenkriminalität in Mexiko und bewertet mögliche Zukunftsperspektiven.
Schlüsselwörter
Institutionentheorie, Wirtschaftswachstum, Inklusive Institutionen, Extraktive Institutionen, Mexiko, Chile, BIP pro Kopf, Lateinamerika, Politikwissenschaft, Reformfähigkeit, Drogenkriminalität, Exportdiversifizierung, Spielregeln, Politische Institutionen, Strukturelle Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung der Schwellenländer Mexiko und Chile und untersucht, inwiefern die Gestaltung politischer Institutionen diesen Prozess beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Wirtschaftswachstum, die Institutionentheorie, die politische Stabilität in Lateinamerika sowie der Vergleich zwischen marktorientierten und extraktiven Systemen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, warum die Wirtschaft in Chile boomen konnte, während Mexiko mit nachlassendem Wachstum und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt das most similar cases design (MSCD), um zwei Länder mit ähnlichen Rahmenbedingungen, aber unterschiedlichen ökonomischen Ergebnissen zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine empirische Analyse der Kolonialgeschichte, die Entwicklung vor und nach 2004 sowie eine detaillierte Interpretation der Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Institutionentheorie, Inklusion, Extraktion, Wirtschaftswachstum, Mexiko, Chile und Pfadabhängigkeit.
Welche Rolle spielt die Kolonialgeschichte in der Analyse?
Die Kolonialgeschichte wird als grundlegend für die Entstehung extraktiver Institutionen betrachtet, die langfristig das wirtschaftliche Potenzial beider Länder durch Unterdrückung und Machtkonzentration eingeschränkt haben.
Warum wird Chile in der Arbeit als "Musterland" bezeichnet?
Chile wird als Musterland hervorgehoben, da es durch eine exportorientierte Wirtschaft und eine relativ stabile demokratische Institutionenlandschaft eine erfolgreiche Entkopplung von der negativen Dynamik der frühen Post-Diktatur-Jahre erreichen konnte.
Welches Hauptproblem identifiziert die Autorin für die mexikanische Wirtschaft?
Neben der Abhängigkeit vom US-Markt wird die anhaltende Drogenkriminalität als zentrales Hindernis identifiziert, das Investitionen schreckt und die institutionelle Integrität untergräbt.
- Arbeit zitieren
- Rebecca Sievers (Autor:in), 2020, Die Entwicklungen des BIP (Bruttoinlandsprodukt) in Chile und Mexiko. Wirtschaftswachstum und Institutionen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/585090