Das Doppelgängermotiv ist ein weitverbreitetes Motiv in der Literatur und der Bildenden Kunst; insbesondere in der späten Romantik erfreute es sich besonderer Beliebtheit. Sowohl E. T. A. Hoffmann als auch Edgar Allan Poe, der in vielerlei Hinsicht von dem deutschen Vorbild beeinflusst wurde, verwendeten den Doppelgänger in verschiedensten Varianten. Anhand der ausgewählten Beispiele "Die Elixiere des Teufels" und "William Wilson" soll im Folgenden dargelegt werden, wie das Motiv praktisch angewandt wurde.
Das Motiv des Doppelgängers ist eins der bereits sehr früh verwendeten und vielschichtigen Motive in der Literatur. Seine Komplexität verdankt es vor allem der Tatsache, dass es grundsätzlich kein rein literarisches Motiv ist, sondern vielmehr psychologische, philosophische, ethische und religiöse Komponenten besitzt. Unter einem Doppelgänger verstehen wir zunächst eine Person, die einer anderen äußerlich stark ähnelt, so dass sie verwechselbar, jedoch im Wesen verschieden sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Doppelgängermotiv
3. E. T. A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels
4. Edgar Allan Poes William Wilson
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Doppelgängermotiv in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“ und Edgar Allan Poes „William Wilson“, um die literarische Anwendung, die Funktion der Identitätsspaltung und etwaige intertextuelle Zusammenhänge zwischen den beiden Werken zu analysieren.
- Entwicklung und Funktionen des Doppelgängermotivs in der Literatur
- Die psychologische Dimension der Ich-Spaltung bei Hoffmann und Poe
- Vergleich der Darstellung von „Gut“ und „Böse“ im Doppelgänger-Kontext
- Analyse der existentiellen Bedrohung und des Identitätsverlusts
- Intertextuelle Bezüge und der Einfluss Hoffmanns auf Poes Werk
Auszug aus dem Buch
3. E. T. A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels
E. T. A. Hoffmann gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der phantastischen Literatur. Vor dem Hintergrund des wachsenden Interesses an Okkultem und Psychologisierendem wurde das bis dahin in der Romantik bereits verwendete Motiv des Doppelgängers strukturbestimmend – wie zum Beispiel bei Jean Pauls Siebenkäs; Hoffmann war ein großer Bewunderer Jean Pauls und dürfte bei ihm zum ersten Mal mit dem Motiv des Doppelgängers bekannt gemacht worden sein. Nicht nur setzte er es in einer Vielzahl seiner Werke ein, er variierte es gekonnt. Hoffmann litt selbst unter Angstzuständen, seine Tagebucheinträge lassen eine Furcht davor vermuten, selbst dem Wahnsinn zu verfallen. Weiterhin plagten ihn Angstvisionen vor einem Doppelgänger, beziehungsweise die Vorstellung einer Ich-Spaltung. So schreibt er in einem Eintrag vom 6. November 1809: „Ich denke mir mein Ich durch ein Vervielfältigungsglas – alle Gestalten die sich um mich bewegen sind Ichs.“ So also, durch eine „persönliche Disposition“, ist bei Hoffmann ein besonderes Interesse seinerseits an Geisteszerrüttungen festzustellen, das ausschlaggebend für viele seiner Werke werden sollte.
Obwohl das Doppelgängermotiv innerhalb der Romantik auf etwa das Jahr 1790 zurückgeht, erhielt es durch E. T. A. Hoffmann, also bereits relativ am Ende der Epoche, seine „reichste und künstlerisch eindrucksvollste Gestaltung“. Nach Wilhelmine Krauss‘ wichtiger Studie zur Doppelgängermotivik war Hoffmann sowohl durch eine phantastische Veranlagung als auch sein dualistisches Lebensgefühl dazu prädestiniert, das Motiv zu neuer Bedeutung zu führen. Das Motiv wurde bei ihm zur Verkörperung der „Zweipoligkeit des gesamten Lebens“, der Antithese Phantasie und Wirklichkeit; den vorherrschenden subjektiven Dualismus steigerte er zum objektiven Dualismus, es entstand daraus der Gegensatz zweier objektiver Welten, „die Welt der Sehnsucht nach dem Irrationalen und die Welt des leibhaftigen Rationalen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Bedeutung und die literarische Funktion des Doppelgängermotivs ein und erläutert die Auswahl der beiden untersuchten Werke.
2. Das Doppelgängermotiv: In diesem Kapitel wird die komplexe Herkunft des Motivs beleuchtet, die von der antiken Zwillingskomödie bis zur psychologischen Identitätsspaltung der Romantik reicht.
3. E. T. A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels: Das Kapitel analysiert die autobiographisch geprägte Doppelgängergeschichte von Medardus und untersucht die Rolle des Erbfluchs sowie die Unfähigkeit zur Identitätsfindung.
4. Edgar Allan Poes William Wilson: Hier steht die Kurzgeschichte im Fokus, wobei insbesondere die moralische Allegorie des Doppelgängers als Gewissensinstanz und deren fatale Folgen für den Protagonisten erörtert werden.
5. Schlusswort: Die Arbeit schließt mit einem vergleichenden Resümee, das Hoffmanns phantastische Ansätze mit Poes psychologischer Stringenz kontrastiert und die gemeinsame fatalistische Endung herausstellt.
Schlüsselwörter
Doppelgängermotiv, E. T. A. Hoffmann, Edgar Allan Poe, Romantik, Identitätsspaltung, Schauerroman, Psychologie, Wahnsinn, Ich-Spaltung, Intertextualität, Medardus, William Wilson, Gewissen, Phantastik, Dualismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Doppelgängermotiv als literarisches Mittel zur Darstellung innerer Zerrissenheit und Identitätsverlust bei E. T. A. Hoffmann und Edgar Allan Poe.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die psychologische Analyse von Ich-Spaltungen, die Funktion des Doppelgängers als Gewissensinstanz oder Bedrohung sowie die literarische Gestaltung des Phantastischen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es darzulegen, wie das Doppelgängermotiv in den ausgewählten Werken angewandt wurde und welche intertextuellen Parallelen zwischen Hoffmanns und Poes literarischem Schaffen bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die motivgeschichtliche Aspekte mit psychologischen Deutungsansätzen der Romantik und der Schauerliteratur verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen des Motivs erarbeitet, gefolgt von einer detaillierten Analyse von Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“ und Poes „William Wilson“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Doppelgängermotiv, Identitätsspaltung, Romantik, Wahnsinn, Psychologie und das Verhältnis von Gut und Böse innerhalb der Charaktere.
Wie unterscheidet sich die Funktion des Doppelgängers bei Hoffmann und Poe?
Während Viktorin bei Hoffmann eher eine komplexe, teils dämonische Verkörperung der sündigen Seite darstellt, fungiert Wilson II bei Poe stringenter als moralische Instanz und personifiziertes Gewissen.
Kann Medardus seine Identität am Ende zurückgewinnen?
Nein, die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass für Medardus keine Auflösung der Dissonanzen möglich ist und er bis zuletzt unter der Macht seines Doppelgängers steht.
Was bedeutet der Mord am Doppelgänger in „William Wilson“?
Der Mord stellt eine metaphorische Selbstzerstörung dar, da der Protagonist damit sein eigenes moralisches Korrektiv auslöscht und seinen endgültigen moralischen Untergang besiegelt.
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- Sophie Charlotte Radecker (Author), 2019, Das Ich und das Andere. Zum Doppelgängermotiv in E. T. A. Hoffmanns "Die Elixiere des Teufels" und Edgar Allan Poes "William Wilson", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/584638