Die moderne Gesellschaft wandelt sich. Sie wird komplexer, Entscheidungen auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene undurchsichtiger. Der Fortschritt der westlichen Welt bringt nicht nur Erleichterungen mit sich, sondern auch Risiken. Die möglichen Gefahren gerade technischer Entwicklungen sind in den letzten Jahrzehnten stark ins öffentliche Interesse gerückt und ein vorrangiges Thema gesellschaftlicher Kommunikation geworden. Menschen in entwickelten Industrienationen wird stärker bewusst, dass sie in einer Welt leben, die nicht nur von Sicherheit, Wohlstand und Überfluss geprägt ist, sondern zunehmend von Risiken und Gefahren. Die Gesellschaft entwickelt ein Bewusstsein dafür, „dass die Zukunft von Entscheidungen abhängt, die in der Gegenwart getroffen werden müssen, deren Folgen man aber weder im Guten noch im Schlechten überblicken, geschweige denn steuern kann“ (Bechmann 1993: 7). Jedes System unserer Gesellschaft basiert darauf, Entscheidungen zu treffen. Jede Entscheidung beinhaltet ein Risiko. Und auch eine Nicht-Entscheidung ist eine Entscheidung. In der Risikokommunikation gibt es verschiedene Ansätze, wie Risiko kommuniziert werden sollte und mit welchen Medien. Dabei ist es der Risikoforschung bislang noch nicht gelungen, einen einheitlichen Risikobegriff oder eine zusammenhängende Risikotheorie zu entwickeln. Jede Risikotheorie hat ihren Ausgangspunkt in einer Reihe von Ansätzen und Versuchen unsere Gesellschaft zu beschreiben. Wir leben je nach Beobachterperspektive in einer Risikogesellschaft (Beck 1986), einer Katastrophengesellschaft (Sloterdijk 1989), einer Informationsgesellschaft (Tauss/ Kollbeck/Mönikes 1996), einer Erlebnisgesellschaft (Schulze 1992), einer Möglichkeitsgesellschaft (Beck 1994), einer Sinngesellschaft (Bolz 1997) und mit zunehmender Entwicklung und Verbreitung neuer Medien auch in einer virtuellen Gesellschaft (Bühl 1996). Alle Gesellschaften verbindet bei genauerer Betrachtung die Gemeinsamkeit, Risiken zu bergen; jedes Modell beinhaltet eine Konstante: Risiko. Die Risikogesellschaft beansprucht die Nachfolge der Industriegesellschaft, da sie in „erster Linie nicht durch technologische und industrielle Innovation, sondern durch die Produktion von technologischen Risiken irreversibel geprägt ist“ (Görke, 1994: 16). [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: die Risikogesellschaft
2. These
3. Methode
4. Risiko
4.1 Leitdifferenz von Risiko
4.2 Riskanter Konflikt: Entscheider vs. Betroffener
4.3 Risiko: ein paradoxes Instrument
4.4 Sicherheit: die sichere Illusion
4.5 Entscheidungsdruck und Sicherheit
4.6 Selbstreferenz des Risikos
5. Ansätze in der Risikoforschung: R= W x S ?
5.1 Formal-normativer Ansatz
5.2 Psychologisch-kognitiver Ansatz
5.3 Kulturell-soziologischer Ansatz
5.4 Risiko als soziales Konstrukt
6. Risikojournalismus als System
6.1 Grundlagen der Systemtheorie
6.1.1 Exkurs: Beck vs. Luhmann
6.1.2 Autopoietische Systeme
6.1.3 Umwelt und Sinngrenzen
6.1.4 Kommunikation
6.1.5 Strukturelle Kopplung
6.1.6 Interdependenzen, Irritationen, Interpenetrationen
6.2 Funktionen von Journalismus und Risikojournalismus
6.2.1 Binärer Code
6.2.2 Primärfunktion und Leistungen
6.2.3 Kritik an den Funktionen
6.3 Struktur von (Risiko)-Journalismus
6.3.1 Organisationen
6.3.2 Programme
6.3.3 Rollen
6.4 Zwischenresümee
7. Risiko und Moral
8. Risiko und Angst
9. Risiko und Politik
10. Risiko und Protestbewegungen
11. Neue soziale Bewegungen
12. Risiko und Wissenschaft
13. Risiko und Wirtschaft
13.1 Risikotransformator Bank
13.2 Informationen sind Geld
13.3 Riskante Abhängigkeit: Journalismus und Wirtschaft
13.4 Marktchancen von Risikojournalismus
14. Individualisierung in der Risikogesellschaft
14.1 Folgen von Individualisierung
14.2 Inklusion
14.3 Chancen von Individualisierung
15. Individualisierung, Lebensplanung, Arbeit
15.1 Riskante Freiheiten
15.2 Risikojournalismus: neue Aufgaben
16. Familie in der Risikogesellschaft
16.1 Funktionen und Leistungen
16.2 Riskante Rollen: Kampf der Geschlechter
17. Zwischenresümee
18. Gewalt in der Risikogesellschaft
18.1 Formen von Gewalt
18.1.1 Reflexive Gewalt
18.1.2 Expressive Gewalt
18.1.3 Instrumentelle und regressive Gewalt
18.2 Risikojournalismus und Gewalt
19. Zersplitterte Gesellschaft? Risiko und Virtualisierung
20. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen dem System Journalismus und der modernen Risikogesellschaft. Das primäre Ziel ist es, ein systemtheoretisches Modell des "Risikojournalismus" zu entwickeln, das sich als notwendiges Subsystem ausdifferenziert, um die spezifischen Anforderungen der Risikokommunikation in einer komplexen Welt zu erfüllen.
- Systemtheoretische Fundierung von Risiko und Risikogesellschaft.
- Analyse des Risikojournalismus als spezialisiertes Subsystem mit spezifischen Funktionen.
- Untersuchung der Interdependenzen zwischen Journalismus und gesellschaftlichen Teilsystemen (Politik, Wirtschaft, Familie).
- Betrachtung von Individualisierung, Gewalt und Virtualisierung als soziale Risikofaktoren.
Auszug aus dem Buch
13.1 Leitdifferenz von Risiko
Risiko wird fälschlicherweise oft mit Gefahr gleichgesetzt. Dabei ist gerade die Unterscheidung von Risiko und Gefahr eine maßgebliche Leitdifferenz in der Risikoforschung. Diese Unterscheidung ist beobachterabhängig. Je nach Perspektive wird ein Vorgang oder eine Entscheidung zu einem Risiko oder einer Gefahr.
„Entweder wird der etwaige Schaden als Folge der Entscheidung gesehen, also auf die Entscheidung zugerechnet. Dann sprechen wir von Risiko, und zwar vom Risiko der Entscheidung. Oder der etwaige Schaden wird als extern veranlasst gesehen, also auf die Umwelt zugerechnet. Dann sprechen wir von Gefahr“ (Luhmann 1991: 30 ff.). Aus dieser Leitdifferenz ergibt sich ein hohes soziales Konfliktpotenzial, da je nach Perspektive eine Entscheidung gleichzeitig als Risiko und als Gefahr wahrgenommen wird. Das bedeutet, dass Risiko nicht mehr nur eine Eigenschaft der Technik ist, sondern sich an alle gesellschaftlichen Bereiche und deren Handlungspotenziale koppelt. Nicht mehr das Risiko einer technisch-bedingten Katastrophe, eines vorauszusetzenden Umweltereignisses, die stetige Ablösung alter durch neuer Risiken in der technischen Entwicklung stellen das Gefahrenpotenzial einer Zivilisation dar, sondern Risiken werden „dem Handeln des Menschen zugeschrieben und müssen verantwortet werden“ (Bechmann 1993: 20).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: die Risikogesellschaft: Beschreibt den Wandel der modernen Gesellschaft hin zu einer Risikogesellschaft, in der Entscheidungen zunehmend komplexer und deren Folgen unkalkulierbarer werden.
4. Risiko: Analysiert die theoretische Leitdifferenz zwischen Risiko und Gefahr sowie die soziologische Bedeutung des Risikobegriffs als soziales Konstrukt.
6. Risikojournalismus als System: Entwirft den Risikojournalismus als ein autopoietisches Subsystem, das sich zur Bewältigung spezieller Risikokommunikationsanforderungen vom klassischen Journalismus abgrenzt.
13. Risiko und Wirtschaft: Beleuchtet die Interdependenzen zwischen dem Wirtschaftssystem und dem Journalismus, insbesondere die Problematik ökonomischer Abhängigkeiten und die Rolle der Banken.
14. Individualisierung in der Risikogesellschaft: Erläutert die Folgen des Individualisierungsschubs und wie dieser die traditionellen Lebensformen und Identitätsbildungen verändert.
18. Gewalt in der Risikogesellschaft: Untersucht Gewalt als soziales Risiko und Resultat von Desintegrationsprozessen sowie die Rolle des Risikojournalismus bei deren Thematisierung.
20. Fazit: Fasst die theoretischen Ergebnisse zusammen und diskutiert die Herausforderungen für die künftige journalistische Praxis im Umgang mit Risikoinformationen.
Schlüsselwörter
Risikogesellschaft, Risikojournalismus, Systemtheorie, soziale Risiken, Kommunikation, Individualisierung, Gewalt, Entscheidungsdruck, Interdependenz, Modernisierung, Risikokommunikation, Journalismusforschung, gesellschaftliche Konstruktion, Risiko und Gefahr.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht, wie der Journalismus als System auf die wachsenden, komplexen Risiken der modernen Gesellschaft reagiert und wie sich ein eigenständiger Risikojournalismus als Teilsystem ausdifferenzieren kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die systemtheoretische Analyse von Risiken, die Kommunikation von Risikothemen, der Einfluss von Individualisierungsprozessen sowie die Interdependenzen zwischen Medien, Politik, Wirtschaft und sozialen Strukturen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist die theoretische Modellierung des "Risikojournalismus" als ein autopoietisches Subsystem, das spezifische Funktionen (Warnung, Prognose, Orientierung) zur gesellschaftlichen Verarbeitung von Risiken erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die funktional-strukturelle Systemtheorie, insbesondere aufbauend auf Niklas Luhmann und Talcott Parsons, um komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge und die Rolle des Journalismus zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Grundlagen des Risikobegriffs, vergleicht Ansätze der Risikoforschung, definiert das System Risikojournalismus und untersucht dessen Verhältnis zu Bereichen wie Wirtschaft, Politik, Familie und Gewalt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Risikogesellschaft, systemtheoretische Differenzierung, Risikokommunikation, soziale Konstruktion von Risiken und die Interdependenz zwischen journalistischen Programmen und gesellschaftlichen Problemlagen.
Wie unterscheidet sich der Risikojournalismus vom klassischen Journalismus?
Während der klassische Journalismus primär nach dem Code Information/Nicht-Information und dem Aktualitätskriterium arbeitet, fokussiert der Risikojournalismus auf zukünftige Entwicklungen, Risikowahrscheinlichkeiten und eine antizipatorische Beobachtung von Systemgefährdungen.
Welche Rolle spielt die "Leitdifferenz" in dieser Arbeit?
Die Unterscheidung zwischen "Risiko" (Schaden wird dem eigenen Handeln zugerechnet) und "Gefahr" (Schaden wird externen Faktoren zugerechnet) dient als zentrale theoretische Grundlage, um journalistisches Handeln in der Risikogesellschaft zu begründen.
- Arbeit zitieren
- Tim Cappelmann (Autor:in), 2005, Risikogesellschaft und Journalismus - Leistungen, Funktionen, Interdependenzen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/58278