Der Terminus Tragik wird häufig ohne exakte Definition im wissenschaftlichen Diskurs verwendet. So nimmt es nicht wunder, dass sich in der Geschichte diverse Definitionen dieses Begriffes finden. Diese Arbeit stellt sich die Aufgabe verschiedene Begriffsdefinitionen darzustellen und auf deren Basis einen neuen Tragikbegriff zu erarbeiten, nämlich einen, der sich auf aktuelles Theater und Performance - in dem die Kategorie der Handlung defekt ist - bezieht.
Inhaltsverzeichnis
1. Über die Notwendigkeit von Tragik – Einführung
2.1.1. Tragik als Paradigma ästhetischer Theorien
2.1.2. Aristoteles: Die Antike
2.1.3. Tragik in Klassik und Aufklärung
2.1.4. Tragik in Hegels Dialektik
2.1.5. Entweder – Oder: Kierkegaard zu Tragik
2.1.6. Das apollinische und das dionysische Prinzip: Nietzsche
2.1.7. Moderne und Postmoderne
2.2.1 Das Erhabene als tragischer Wirkungsmechanismus
2.2.2. Klassische Ästhetik des deutschen Idealismus
2.2.3. Paradigmenwechsel in Moderne und Postmoderne
2.3.1. Subjekttheorien und Tragik
2.3.2. Der Körper und das Subjekt
2.4. Gibt es Tragik im Ereignis? – Versuch der Herleitung eines neuen Tragikbegriffes
3. Tragische Wendungen. Schluss und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, einen neuen Tragikbegriff für das postdramatische Theater herzuleiten, indem sie Tragik nicht mehr als an eine kausallogische Handlung gebunden definiert, sondern als ein im Ereignis entstehendes, subjektkritisches Phänomen versteht.
- Überprüfung traditioneller Tragiktheorien auf ihre Anwendbarkeit im aktuellen Theater.
- Untersuchung des Verhältnisses zwischen Körper, Subjekt und tragischer Wirkung.
- Analyse des "Erhabenen" als integraler Bestandteil tragischer Mechanismen.
- Herausarbeitung der Krise des Subjekts durch ereignishafte Theaterformen.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Autonomie im Kontext der Tragik.
Auszug aus dem Buch
2.4. Gibt es Tragik im Ereignis? – Versuch der Herleitung eines neuen Tragikbegriffes
Kann ein bloßes Ereignis tragisch sein? Ja, doch dazu Bedarf es einer Explikation dieses neuen Tragikbegriffes. Begreift man Tragik als durch Affekte; also von außen, in dem Fall der Inszenierung selbst – wie durch häufig zitierte aristotelische Jammern und Schaudern – im Zuschauer geweckte Gefühl, so führt dieses Gefühl dazu, dass der Rezipient nicht mehr als völlig festes und autonomes Subjekt sich begreifen kann. Es ist das nach Kierkegaard unmittelbar der Tragik zugehörige Gefühl der Angst vor dem Nichts und auch Nietzsches undefinierbaren Urgrund des Dionysischen, dem der Rezipient gewahr wird.
Er durchlebt selbst eine Krise, die von außen angestoßen wird. Diese setzt keine Identifikation voraus, da im reinen Ereignis kein autonomes Subjekt sich konstituieren kann, sondern dazu Reflexionsfähigkeit nötig ist. Hier widerspreche ich also der Tragikkonzeption Lessings und Schillers, das Theater ist keine funktionierende Sittenschule, die das Publikum moralisch in einem intendierten Sinne bessern kann, sondern es kann nur mit den ureigenen Ängsten den Zuschauer konfrontieren. Da das Unbewusste jedoch hier nicht mehr als Theater, sondern als Rhizom – wucherndes und verflochtenes Netz von Partialobjekten – verstanden wird, verschließt sich der Aufbau einer klaren Ordnung und nur die Krise bleibt übrig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Über die Notwendigkeit von Tragik – Einführung: Die Einleitung begründet die Relevanz des Tragikbegriffs für das zeitgenössische Theater und stellt die These auf, dass Tragik primär im ereignishaften Moment zwischen Bühne und Zuschauer verortet werden kann.
2.1.1. Tragik als Paradigma ästhetischer Theorien: Dieses Kapitel erläutert die Schwierigkeit einer einheitlichen Definition von Tragik aufgrund der historischen Vielfalt ästhetischer Typologien.
2.1.2. Aristoteles: Die Antike: Der Abschnitt analysiert den aristotelischen Tragödiensatz und die Funktion von Handlung, Mimesis und Katharsis als klassisches normatives Paradigma.
2.1.3. Tragik in Klassik und Aufklärung: Hier werden die dramatentheoretischen Positionen der französischen Klassik, Gottscheds und Lessings hinsichtlich der Tragik und der Rezeption von Aristoteles gegenübergestellt.
2.1.4. Tragik in Hegels Dialektik: Das Kapitel untersucht Hegels Deutung der Antigone als Kollision gleichberechtigter Interessen und deren Relevanz für den Tragikbegriff.
2.1.5. Entweder – Oder: Kierkegaard zu Tragik: Der Text beleuchtet Kierkegaards Differenzierung zwischen antikem und modernem Tragischen und die Rolle von Schuld, Unschuld und Angst.
2.1.6. Das apollinische und das dionysische Prinzip: Nietzsche: Hier wird Nietzsches philosophische Grundlegung der Tragödie aus dem Geist der Musik und der Spannung zwischen apollinischen und dionysischen Prinzipien analysiert.
2.1.7. Moderne und Postmoderne: Dieser Teil betrachtet die Abkehr von der notwendigen Katastrophe hin zum "hämischen Zufall" bei Walter Benjamin und weiteren modernen Theoretikern.
2.2.1 Das Erhabene als tragischer Wirkungsmechanismus: Das Kapitel führt das Erhabene als ästhetisches Phänomen ein, das intensiv und bedeutungsoffen wirkt.
2.2.2. Klassische Ästhetik des deutschen Idealismus: Die Positionen von Kant, Schiller und Hegel zum Erhabenen als Erfahrung von Freiheit und Grenzüberschreitung werden dargelegt.
2.2.3. Paradigmenwechsel in Moderne und Postmoderne: Hier werden Konzepte wie Benjamins Aura, Adornos "Apparition" und Lyotards Sicht auf das Erhabene in Bezug zur aktuellen Theaterästhetik gesetzt.
2.3.1. Subjekttheorien und Tragik: Dieser Abschnitt erörtert die Rolle des autonomen Subjekts im tragischen Diskurs und hinterfragt die Konstitution des Subjekts durch den Blick oder die Katastrophe.
2.3.2. Der Körper und das Subjekt: Das Kapitel untersucht den Körper als kulturelles und politisches Konstrukt und seine Funktion als integrales Moment tragischer Diskurse.
2.4. Gibt es Tragik im Ereignis? – Versuch der Herleitung eines neuen Tragikbegriffes: Hier findet die Zusammenführung der theoretischen Vorüberlegungen zu einem neuen, ereignisorientierten Tragikbegriff statt, der auf die Krise des Rezipienten abzielt.
3. Tragische Wendungen. Schluss und Ausblick: Das Fazit reflektiert den gewonnenen Tragikbegriff und dessen Potential für die Analyse kollektiver Krisenerfahrungen im modernen Theater.
Schlüsselwörter
Tragik, postdramatisches Theater, Ereignis, Subjekt, Erhabenes, Katharsis, Krise, Ästhetik, Körper, Mimesis, Handlung, Aufführungsanalyse, Identifikation, Dekonstruktion, Performative Ästhetik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Neudefinition des Tragikbegriffs im Kontext des postdramatischen Theaters, das weniger auf kausalen Handlungen als auf ereignishaften Momenten basiert.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung des Tragikbegriffs (von Aristoteles bis zur Postmoderne), die Rolle des Erhabenen, Subjekttheorien sowie das Zusammenspiel von Körperlichkeit und Theaterinszenierung.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist die theoretische Herleitung eines neuen Tragikbegriffes, der Tragik als ein Phänomen definiert, das sich ereignishaft zwischen Bühne und Zuschauer abspielt und das feste, autonome Subjekt in eine Krise versetzt.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zur Anwendung?
Es wird eine theoretische Auseinandersetzung mit ästhetischen, philosophischen und theaterwissenschaftlichen Schriften (u.a. von Aristoteles, Hegel, Nietzsche, Benjamin, Adorno, Butler) durchgeführt, um diese auf aktuelle Inszenierungen anzuwenden.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden exemplarische Theorien zum Tragischen und zum Erhabenen analysiert, die Beziehung zwischen Subjekt und Körper reflektiert und schließlich die These aufgestellt, dass Tragik im Ereignis möglich ist.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit maßgeblich?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie "Tragik im Ereignis", "Krise des Subjekts", "Performative Ästhetik", "Erhabenes" und die Kritik an der "Autonomie" geprägt.
Wie unterscheidet sich der neue Tragikbegriff von der klassischen Definition?
Während klassische Definitionen (wie bei Aristoteles) Tragik an eine logische Handlungskette und die Identifikation mit der Bühnenfigur binden, definiert der Autor Tragik als ein unmittelbares, affektgeladenes Ereignis, das beim Zuschauer eine Krise auslöst.
Welche Rolle spielt der Körper in der Argumentation des Autors?
Der Autor begreift den Körper nicht als naturgegebenes Element, sondern als politische Kategorie und Konstrukt. Die Präsentation des Körpers im Theater wird als Mittel genutzt, um bisherige diskursive Praktiken zu subvertieren und Momente des Erhabenen zu erzeugen.
- Arbeit zitieren
- Adrian Breul (Autor:in), 2006, Krise und Chance - Herleitung eines neuen Tragikbegriffs, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/58075