Die Wissenschaften zeichnen sich durch ihr spezifisch methodisches Vorgehen aus, das ein wissenschaftliches Handeln von einem nicht wissenschaftlichen Handeln deutlich unterscheidet. Dementsprechend entwickelten sich in der sozialwissenschaftlichen Praxis Methoden, die gesellschaftliches Geschehen in seinem Ablauf erklären und verstehen sollten. Aber eine Forschungswissenschaft als ein einheitliches und unbestrittenes System der Erkenntnis gibt es zur Zeit nicht. Vielmehr existieren höchst unterschiedliche Richtungen wie analytischnomologische, hermeneutisch-dialektische oder dialektisch-materialistische Schulen. Dazu ist eine Aussage von T.W.Adorno ganz passend formuliert:
"Die unter dem Namen Soziologie als akademische Disziplin zusammengefaßten Verfahrungsweisen sind mit einander verbunden nur in einem höchst abstrakten Sinn: dadurch, daß sie allesamt in irgendeiner Weise Gesellschaftliches behandeln. Weder aber ist ihr Gegenstand einheitlich noch ihre Methode. Manche gelten der gesellschaftlichen Totalität und ihren Bewegungsgesetzen, andere, in pointiertem Gegensatz dazu, einzelnen sozialen Phänomenen, welche auf einen Begriff der Gesellschaft zu beziehen als spekulativ verfemt wird".
Weitgehend haben sich in der sozialwissenschaftlichen Praxis zwei Richtungen der Sozialforschung entwickelt: die quantitative Forschung, die man üblicherweise mit analytisch-nomologischer Wissenschaft gleichsetzt, und die qualitative Forschung von interpretativem Wissenschaftsparadigma. Die quantitativ-empiriche Forschung bemüht sich im wesentlichen durch eine Fragestellung ein komplexes System von Hypothesen auszuarbeiten, die bei der Überprüfung widerlegt oder bestätigt werden sollen. Die Merkmale dieser Untersuchung sollen möglich quantitativ (numerisch) aufgefaßt und dann statistisch ausgewertet werden. Bei der qualitativ-empirischen Forschung geht es nicht um die Ermittlung von kausalen Zusammenhängen oder des Mittelwertes, sondern eher um die Beschreibung von Weltsicht und Erfahrungen der Handelnden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen der qualitativen und quantitativen Sozialforschung
2.1 Theoretische Grundlagen der qualitativen Methoden
2.2 Theoretische Grundlagen der quantitativen Methoden
2.3 Qualitative versus quantitative Sozialforschung?
3 Das Interview
3.1 Interview als soziale Situation
3.1.1 Besonderheiten der Kommunikation in einer Interviewsituation
3.1.2 Rollenbeziehungen in einer Interviewsituation
3.1.3 Fehlerquellen des Interviewers
3.2 Formen der Interviewführung
3.2.1 Besonderheiten des qualitativen Interviews
3.2.2 Besonderheiten des quantitativen Interviews
4 Auswertung und Vergleichbarkeit der Daten
5 Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Hausarbeit untersucht die methodischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen qualitativen und quantitativen Interviewformen in der Sozialforschung, um deren jeweilige Eignung für verschiedene Forschungsfragen und Kontextbedingungen zu beleuchten.
- Gegenüberstellung von qualitativer und quantitativer Forschungstheorie
- Die Interviewsituation als soziale Interaktion und Kommunikationsprozess
- Rollenkonstellationen und Fehlerquellen bei der Datenerhebung
- Methodische Besonderheiten der Interviewführung
- Vergleichbarkeit, Auswertung und Validität der erhobenen Daten
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Rollenbeziehungen in Interviewsituation
Neben den Problemen der Kommunikation kommt noch Aspekt der Rollenbeziehungen hinzu. Das heißt, die Antwortmöglichkeiten hängen nicht nur vom Vorverständnis der Frage ab, sondern auch davon welche Rollen und damit Erwartungen die Beteiligten gegenseitig haben:
"Das Verhalten jedes dieser beiden wird zu einem beträchtlichen Ausmaß durch ihre jeweilige Vorstellung von anderen bestimmt: ihre Vorstellung von Ansehen und Machtlage des anderen, von dessen wahrscheinlichen Ansichten und von dessen Ähnlichkeit mit Leuten, mit denen er selbst verkehrt oder gern verkehren möchte". 16
Der Befragte kann mit der Rolle oder Person des Interviewers z.B. die Gewichtigkeit der Studie, die Institution, welche die Befragung durchführt, und nicht zuletzt das Untersuchungsthema selbst verbinden. Demzufolge muss der Interviewer "eine Rolle innehaben [...], ob er will oder nicht".17 Nur sollte er versuchen für sich die Rolle herzustellen, die eine positive Auswirkung für seinen Zwecke hätte, obwohl es ist immer schwer vorauszusehen, welche Auswirkung die oder eine andere Rolle auf den Befragten haben kann. In allgemein gilt es, daß der Interviewer über das Untersuchungsthema schon gewisse Vorkenntnisse haben sollte, damit der Befragte das Gefühl haben kann, verstanden zu sein. Anderseits sollte der Interviewer keinen Eindruck erwecken, daß er schon von vorne an alles weiß. Er soll als ein Experte erscheinen, "der zusätzliche Aufklärung von einer Informierten Person sucht, die detaillierte Kenntnisse oder Meinungen beitragen kann".18 Der Interviewer muss dem Befragten das Gefühl vermitteln, daß er das Interview ernst nimmt. Seine eigenen Einstellungen zum untersuchenden Thema sollte er aber verbergen.
Ein anderer wesentlicher Bestandteil der Rolle des Interviewers besteht darin, daß es gewisse Distanz zwischen den beiden Parteien beibehalten muß. Das heißt: der Interviewer sollte außerhalb der Machthierarchie stehen und keine negativen oder positiven Sanktionen auslösen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die methodische Vielfalt der Sozialforschung ein und skizziert den Kontrast zwischen analytisch-nomologischer und interpretativer Forschung.
2 Theoretische Grundlagen der qualitativen und quantitativen Sozialforschung: Hier werden die wissenschaftstheoretischen Fundamente und Erkenntnisziele der beiden Forschungsansätze systematisch dargelegt.
3 Das Interview: Dieses Kapitel behandelt das Interview als zentrales Instrument, wobei die soziale Dimension der Interviewsituation sowie spezifische Interviewformen im Fokus stehen.
4 Auswertung und Vergleichbarkeit der Daten: Es wird erörtert, wie Daten durch Standardisierung oder Kategorisierung für wissenschaftliche Analysen nutzbar und vergleichbar gemacht werden.
5 Schlussfolgerung: Die Schlussfolgerung reflektiert die Stärken und Grenzen beider Methoden und plädiert für eine fallabhängige oder kombinierte Anwendung der Interviewtechniken.
Schlüsselwörter
Sozialforschung, Qualitative Methode, Quantitative Methode, Interview, Interviewsituation, Kommunikation, Rollenbeziehung, Fehlerquellen, Datenanalyse, Standardisierung, Leitfaden, Validität, Reliabilität, Empirische Sozialforschung, Datenerhebung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die theoretischen und praktischen Unterschiede zwischen qualitativen und quantitativen Interviewmethoden innerhalb der Sozialforschung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die wissenschaftstheoretische Einordnung der Forschungsmethoden, die Dynamik der Interviewsituation und die methodischen Anforderungen an die Durchführung von Befragungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Besonderheiten beider Ansätze zu schaffen, um Forschenden eine fundierte Entscheidungsgrundlage für ihre methodische Wahl zu bieten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die zentrale Konzepte qualitativer Ansätze (z.B. Symbolischer Interaktionismus) und quantitativer Ansätze (z.B. Kritischer Rationalismus) einander gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die detaillierte Analyse der Interviewsituation, die spezifischen Interviewtechniken sowie die Fragen der Datenauswertung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sozialforschung, Interview, Standardisierung, Validität, Reliabilität und die Unterscheidung zwischen quantitativen und qualitativen Erhebungsmethoden.
Warum ist die "soziale Situation" beim Interview so bedeutsam?
Da das Interview kein neutraler Prozess ist, sondern eine asymmetrische soziale Beziehung, können Situationseinflüsse und Rollenerwartungen die Validität und Reliabilität der Ergebnisse maßgeblich beeinflussen.
Was unterscheidet das qualitative vom quantitativen Interview hinsichtlich der Offenheit?
Während das quantitative Interview auf strikter Standardisierung und geschlossenen Fragen zur Sicherung der Vergleichbarkeit basiert, setzt das qualitative Interview auf Elastizität und offene Fragen, um subjektive Weltsichten der Befragten zu erfassen.
Wie lässt sich das Problem der Repräsentativität bei qualitativen Studien adressieren?
Die Arbeit schlägt eine Verbindung beider Methoden vor, um die Stärken qualitativer Exploration für die Verbesserung standardisierter Instrumente zu nutzen.
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- Maritana Larbi (Author), 2005, Qualitatives und quantitatives Interview in der Sozialforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/53814