Warum sich Protestanten und Katholiken in Nordirland in derart antagonistischer Beziehung entwickelten und sich bewaffnete Gruppen gewaltsam bekämpften, ist nur schwer zu begreifen, wenn nicht die besondere Bedeutung ihrer gemeinsamen Geschichte betrachtet wird. Einerseits prägten die politischen und sozialen Folgen bereits Jahrhunderte zurückliegender Ereignisse und Vorgänge die Bedingungen, die 1969 zur Eskalation der Gewalt führten. Andererseits nimmt die Geschichte in der
Identität der nordirischen Bevölkerung eine zentrale Rolle ein.
Ziel dieser Arbeit wird sein, die historischen Ursachen der strukturellen Bedingungen des Konflikts zu untersuchen. Dabei soll vor allem folgende Frage beantwortet werden: „Inwiefern hatten historische Entwicklungen Einfluss auf die strukturellen Bedingungen, die zur Spaltung der nordirischen Gesellschaft führten?“
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Der koloniale Eingriff Englands
III. Die konfessionelle Spaltung
3.1 Englands Bruch mit Rom
3.2 Die Errichtung der protestantischen Hegemonie
IV. Die politische Spaltung
4.1 Der Kampf um Selbstbestimmung
4.2 Die Errichtung zweier Staaten
V. Geschichte als Ideologie
VI. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, die historischen Ursachen der strukturellen Bedingungen zu analysieren, die zur Spaltung der nordirischen Gesellschaft geführt haben. Die Forschungsfrage untersucht, inwiefern historische Entwicklungen die strukturellen Rahmenbedingungen dieses Konflikts maßgeblich beeinflusst haben.
- Historische Expansion Englands nach Irland
- Konfessionelle Spaltung durch Reformation und Siedlungspolitik
- Politische Kontroversen und der Prozess der Staatsbildung
- Instrumentalisierung von Geschichte als ideologische Ressource
- Sozio-ökonomische Auswirkungen der historischen Entrechtung
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Errichtung der protestantischen Hegemonie
Im Norden um die Region Ulster wurden ab 1608 mit der sogenannten ‚Plantation of Ulster‘ protestantische, der englischen Krone loyale, Schotten und Engländer angesiedelt. Um die englische Autorität zu stärken sollte so eine protestantische Mehrheit in den „strategisch wichtigen und wirtschaftlich interessanten“ Grafschaften Ulsters geschaffen werden. Das Konzept der Plantation sah eine „strikte Trennung von Einheimischen und Kolonisten“ und der „Säuberung ganzer Landstriche“ zu Gunsten der protestantischen Siedler vor. Auch wenn das Konzept nicht vollständig erfüllt werden konnte, war die ‚Plantation‘, wie Breuer formuliert, die „Basis“ für die bis heute in Nordirland im Vergleich zum Rest der Insel „andersartige Bevölkerungsstruktur“.
Als Karl II. 1685 verstarb und sein Bruder Jakob II., welcher sich offen zum Katholizismus bekannte, König von England wurde, versuchte er die protestantische Hegemonie in Irland abzubauen. Auf Bitten der Protestanten intervenierte Wilhelm von Oranien und übernahm nach der ‚Glorious Revolution‘ den englischen Thron. Mit der Unterstützung Frankreichs versuchte Jakob II. vergebens auf den englischen Thron zurückzukehren. Er verlor 1690 die bedeutende ‚Schlacht am Boyne‘ und setzte sich kurz darauf nach Frankreich ab. Um jegliches Aufbegehren seitens der katholischen Bevölkerung zu verhindern wurden sie mit den 1695 erlassenen ‚Penal Laws‘ weitreichend ihrer Rechte beraubt. Katholiken durften fortan weder wählen gehen noch gewählt werden, keine öffentlichen Ämter belegen und keine Waffen tragen. Was sich am schwerwiegendsten und langfristigsten auswirkte, war die Einschränkung Land zu kaufen und zu vererben. Dies hatte zur Folge, dass sich bis 1776 nur noch 5% des irischen Grund und Bodens in katholischer Hand befand, während 95% im Besitz von ca. 5000 protestantischer Grundbesitzer war. Seit der ‚Plantation of Ulster’ und der gesellschaftlichen Umstrukturierung durch die ‚Penal Laws‘ erhält der Konflikt seine sozio-ökonomische Komponente. Bis heute prägt die Entrechtung und Enteignung der katholischen Bevölkerung wesentlich die Sozialstruktur der nordirischen Gesellschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Tiefe des Nordirlandkonflikts und stellt die Forschungsfrage nach den historischen Ursachen der gesellschaftlichen Spaltung.
II. Der koloniale Eingriff Englands: Dieses Kapitel behandelt die Anfänge der englischen Einflussnahme auf Irland ab dem 12. Jahrhundert und die daraus resultierende koloniale Abhängigkeit.
III. Die konfessionelle Spaltung: Hier wird der Bruch mit Rom und die gezielte Ansiedlung protestantischer Siedler zur Etablierung einer hegemonialen Machtstruktur analysiert.
IV. Die politische Spaltung: Das Kapitel widmet sich dem Kampf um Selbstbestimmung, der Home-Rule-Bewegung und der schließlich vollzogenen Teilung der Insel in zwei Staaten.
V. Geschichte als Ideologie: Es wird untersucht, wie die Konfliktparteien historische Ereignisse als ideologische Ressourcen zur Legitimation ihrer politischen Ansprüche nutzen.
VI. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und betont die enge Verflechtung von historischer Segregation und aktueller gesellschaftlicher Konfrontation.
Schlüsselwörter
Nordirlandkonflikt, Irische Geschichte, Plantation of Ulster, Penal Laws, konfessionelle Spaltung, Home Rule Bewegung, Unionisten, Republikaner, Identität, Kolonialismus, politische Diskriminierung, irische Unabhängigkeit, Geschichtsbild, soziale Segregation, Nordirland
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historischen Wurzeln und die Entwicklung der strukturellen Bedingungen, die den Nordirlandkonflikt maßgeblich geprägt haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der kolonialen Geschichte, den konfessionellen Gegensätzen, der politischen Teilung der Insel sowie der ideologischen Nutzung von Geschichte durch die beteiligten Gruppen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu analysieren, inwiefern historische Entwicklungen die strukturellen Bedingungen beeinflusst haben, die zur tiefgreifenden Spaltung der nordirischen Gesellschaft führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer Auswertung fachwissenschaftlicher Literatur basiert, um die kausalen Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch und thematisch: Er beleuchtet den kolonialen Eingriff, die Reformation, die Siedlungspolitik, politische Unabhängigkeitsbewegungen und die Instrumentalisierung historischer Mythen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Nordirlandkonflikt, konfessionelle Spaltung, koloniale Abhängigkeit, Identitätsbildung und politische Diskriminierung.
Welche Rolle spielten die sogenannten 'Penal Laws' bei der Konfliktentstehung?
Die 'Penal Laws' waren entscheidend, da sie die katholische Bevölkerung rechtlich und ökonomisch entrechteten, was eine bis heute nachwirkende sozio-ökonomische Spaltung zementierte.
Warum dient Geschichte in Nordirland als ideologische Ressource?
In den jeweiligen Geschichtsbildern legitimieren sowohl Republikaner als auch Unionisten ihre Ansprüche und ihren Widerstand gegen die jeweils andere Seite.
- Arbeit zitieren
- Fabian Grams (Autor:in), 2019, Die historische Bedingtheit des Nordirlandkonflikts, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/537659