In dieser Arbeit werden die Hinkelstein- und die darauffolgende Großgartacher-Kultur vor allem anhand des bikulturellen Gräberfeldes von Trebur behandelt, welches erstmals gestattet, fundierte Hypothesen über die Sozialstruktur des Mittelneolithikums zu entwickeln. Des Weiteren werden Fragen ihrer Entstehung, der Entwicklung der Keramik und ihrer Verzierung, eventuell damit zu verbindender Glaubensvorstellungen sowie der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Kulturen beantwortet.
Mit dem Ende der Bandkeramik nach ca. 5100 v. Chr. entwickelten sich mehrere lokale Keramikstile, zu denen auch die Hinkelstein-Gruppe gehört, die sich um 5150 BC, also dem Beginn des Mittelneolithikums herausbildete. Der Begriff Hinkelstein-Gruppe wurde 1898 von Karl Koehl geprägt. Diese Bezeichnung geht auf das 1866 von Ludwig Lindenschmit entdeckte und 1867 publizierte Gräberfeld in Monsheim (Kreis Alzey-Worms) zurück, auf dem ein zwei Meter hoher Menhir stand, der im rheinhessischen Volksmund als „Hinkelstein“ betitelt wurde. Dieser Name ist die rheinhessische Sinnentstellung von „[…] Hünenstein über Hühnerstein zu Hinkelstein“. Die Großgartacher Kultur verdankt ihren Namen Alfred Schliz, der diese 1900 nach seiner wichtigsten Siedlungsgrabung in Großgartach benannte.
Die Quellensituation zur Hinkelstein-Kultur ist − abgesehen von Trebur, Gräberfeldern bei Worms (Rheindürkheim und „Rheingewann“) sowie den kleinen Grabgruppen bei Monsheim und Alzey – äußerst schlecht. Nicht besser steht es um die Großgartacher-Kultur, bei der der Dokumentationsstand der Fundstellen unzufriedenstellend ist. Auch gibt es aus dem Zeitabschnitt der Hinkelstein-Kultur bisher (2009) nur wenige evidente Siedlungsfunde, allerdings Gruben und okkasionell auch Funde aus spät- und spätestbandkeramischem Kontext. Der Hausgrundriss der Hinkelstein-Kultur ist nicht sicher bekannt, derjenige der Großgartacher-Kultur ist schiffsförmig.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Verbreitungsgebiet der Hinkelstein- und Großgartacher-Kultur
3 Das Gräberfeld von Trebur
3.1 Die Keramik Chronologie der Gefäßformen nach der Seriation HST-GG
3.2 Die Entwicklung der Keramikverzierung
3.3 Der Belegungsgang
3.4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der HST- und GG-Kultur
3.5 Die anthropomorphe Symbolik (Grab 127)
3.6 Versuch einer sozialen Interpretation der in Trebur bestatteten Bevölkerung
4 Die Bedeutung der Hinkelstein-Kultur
5 Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das bikulturelle Gräberfeld von Trebur, um fundierte Hypothesen zur Sozialstruktur des Mittelneolithikums zu entwickeln. Dabei stehen die Entstehung der Hinkelstein- und der darauffolgenden Großgartacher-Kultur, die Entwicklung ihrer Keramikstile und die Analyse damit verbundener Glaubensvorstellungen im Zentrum der Untersuchung.
- Chronologische Analyse und Keramikentwicklung der Hinkelstein- und Großgartacher-Kultur
- Untersuchung des Belegungsgangs des Gräberfeldes von Trebur
- Vergleichende Analyse der Bestattungssitten und Beigabenausstattungen
- Deutung der anthropomorphen Symbolik und religiöser Aspekte
- Versuch einer sozialen Interpretation der bestatteten Bevölkerung
Auszug aus dem Buch
3.6 Versuch einer sozialen Interpretation der in Trebur bestatteten Bevölkerung
Anhand der Gräber ist eventuell auf eine Veränderung in der Struktur der Gesellschaft zu schließen; das Totenrbauchtum muss jedoch nicht unbedingt die wirklichen sozialen und ökonomischen Sachverhalte wiedergeben. Die Einteilung des HST-Friedhofes in gesonderte Areale für beide Geschlechter, die Verschiedenheiten der Körperhaltungen bei Männern und Frauen sowie die Ausstattung alleinig der ersteren mit Schweinefleisch, spricht für eine deutliche Gliederung der Gesellschaft in einen männlichen und einen weiblichen Teil, zumindest im Totenritual. Ob das Schweinefleisch in den Gräbern der Männer bloß einen geschlechtsspezifischen Totenbrach reflektiert oder ob dessen Verzehr bereits im Alltag nur den Männern erlaubt war ist für uns nicht mehr zu erschließen. Der Befund in Trebur lässt an die Rolle des Schweins bei Papua-Stämmen Neuguineas denken: Dort leben die Schweine zusammen mit den Frauen und Kindern, von denen sie gefüttert und verwöhnt werden; wenn jedoch ein Schwein geschlachtet wird, erhalten die Männer die besten Stücke, indes die Frauen mit den Resten vorliebnehmen müssen. Die in ihrer Qualität ungleichen Beigabeninventare spiegeln vielleicht die Arbeits- und Aufgabenteilung zwischen Männern und Frauen wieder. Aufgrund der reicher ausgestatteten Gräber der Männer, die auch stärker eingetieft wurden, ist vielleicht zu konkludieren, dass diese einen höheren Status besessen haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die historische Einordnung der Hinkelstein- und Großgartacher-Kultur ein und umreißt die quellenkritische Situation sowie die Zielsetzung der Untersuchung.
2 Das Verbreitungsgebiet der Hinkelstein- und Großgartacher-Kultur: Hier werden die geografische Ausdehnung der Kulturen und die archäologisch nachweisbaren Zentren sowie deren Beziehung zur vorangehenden Linienbandkeramik beschrieben.
3 Das Gräberfeld von Trebur: Dieses umfangreiche Kapitel widmet sich der detaillierten archäologischen Analyse des Fundplatzes, von der Keramikchronologie über Bestattungsrituale bis hin zu soziologischen Deutungsansätzen.
4 Die Bedeutung der Hinkelstein-Kultur: Dieses Kapitel diskutiert die wissenschaftlichen Theorien zur Genese der Hinkelstein-Kultur im Kontext der Stichbandkeramik und deren weitreichende Bedeutung für das europäische Neolithikum.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Kontinuität und die kulturellen Traditionsbrüche zwischen den untersuchten Gruppen zusammen und bestätigt die beobachtete Kultursequenz.
Schlüsselwörter
Hinkelstein-Kultur, Großgartacher-Kultur, Trebur, Gräberfeld, Mittelneolithikum, Keramikchronologie, Bestattungsrituale, soziale Interpretation, Sozialstruktur, Beigaben, anthropomorphe Symbolik, Adorantendarstellung, Totenritual, Bandkeramik, Stichbandkeramik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse des neolithischen Gräberfeldes von Trebur und den dort bestatteten Kulturen, der Hinkelstein- und der Großgartacher-Kultur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die kulturelle Entwicklung, die Keramikstile, die Analyse der Beigaben sowie die soziologische Interpretation der Bestattungsgemeinschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, auf Basis des Fundmaterials aus Trebur fundierte Hypothesen zur Sozialstruktur des Mittelneolithikums im westlichen Mitteleuropa zu erarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine archäologische Analyse von Grabinventaren, Keramikseriation und die Einbeziehung anthropologischer sowie isotopenanalytischer Daten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die geografische Einordnung, die chronologische Aufarbeitung des Grabmaterials und die Deutung der Bestattungssitten und sozialen Stratigraphie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Hinkelstein-Kultur, Großgartacher-Kultur, Gräberfeld Trebur, Keramikchronologie und soziale Interpretation.
Was deutet im Grab 127 auf eine besondere soziale Stellung hin?
Der Verstorbene wurde in einer abweichenden Hockerposition bestattet, in einer tieferen Grube als üblich, und erhielt als einziger eine Gefäßbeigabe mit einer Adorantendarstellung.
Warum spielt die Fleischbeigabe eine wichtige Rolle bei der sozialen Interpretation?
Die ungleiche Verteilung von Fleischbeigaben, insbesondere Schweinefleisch bei Männern, deutet auf eine geschlechtsspezifische Gliederung der Gesellschaft oder eine spezifische Aufgabenverteilung hin.
- Quote paper
- Daniel Richardt (Author), 2014, Das Gräberfeld von Trebur. Bestattungsplatz der Hinkelstein- und der Großgartacher-Kultur, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/536694