Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Ukrainern und Polen, die im Laufe des Krieges ihren Höhepunkt fanden und weiter bis 1947 andauerten bezeichnet man in der Literatur für gewöhnlich als den ukrainisch-polnischen Konflikt. Jedoch gingen die Ereignisse, die sich im Jahre 1943 im mehrheitlich ukrainischen Wolhynien abspielten weit über die Bedeutung eines „Konflikts“ aus. Der antipolnische Massenmord, ausgeübt von ukrainischen Nationalisten kostete Tausende Polen und auch Ukrainer das Leben.
Der Wunsch nach legitimer Herrschaft und einer unabhängigen, ethnisch reinen Ukraine führte zu einer Mordorgie, die bis heute ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen hat. Neben dem Holocaust und den direkten Opfer des Zweiten Weltkrieges, wurden aufgrund des ukrainisch-polnischen Konflikts in den Jahren 1943 und 1947 zwischen 50.000 und 100.000 Polen und Ukrainer in Wolhynien und Ostgalizien ermordet und 1,5 Millionen Menschen mussten ihre Heimatdörfer verlassen. Wolhynien, sowie das restliche östliche Gebiet des Zwischenkriegpolens erlebten zwischen 1939 und 1944 eine dreifache Besatzung und Säuberungen nach Säuberungen. Die Frage, die sich nun stellt, ist wie es zu diesem Massenmord kommen konnte? Was waren die Ursachen und Gründe, und wie konnte ein solches Verbrechen unter einer ethnisch gemischten Bevölkerung eines gleichen Gebiets passieren?
Die Auseinandersetzung mit diesem Thema fing eigentlich erst nach dem Zerfall der Sowjetunion an, da die sowjetische Zensur es davor nicht erlaubte. Rossolinski-Liebe, der sich in seiner neuesten Monographie „Der polnisch-ukrainische Konflikt im Historiendiskurs“ von 2017 mit diesem Thema gründlich auseinandersetzte, erkennt das Problem der Geschichtsschreibung und die stark vorhandene Nicht-Objektivität in der Forschungsliteratur, wenn es um die antipolnische Massengewalt von 1943/44 in Wolhynien und Ostgalizien geht. Dieses Problem der Nicht-Objektivität führte zu völlig verschiedenen Interpretationen. Polnische Historiker reduzierten den Konflikt nur auf das Massaker und die ukrainischen Anschläge gegen polnische Zivilisten, während andere Aspekt des Konflikts, wie die polnischen Gegenangriffe auf ukrainische Zivilisten Ignoriert wurde. Die ukrainischen Historiker dagegen, reduzierten ihre Version der Geschichte auf die ukrainischen Opfer des polnischen Terrors.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Kontext
3. Die politischen und militärischen Organisationen
3.1. Die politische „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN)
3.2. Die militärischen Organisationen UPA und AK
4. Die ethnische Säuberung in Wolhynien
4.1. Verlauf des Massakers
4.2. Methoden und Opferzahlen
4.3. Gründe
4.4. Racheakte
5. Kollaboration mit den Nationalsozialisten
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Massaker von Wolhynien während des Zweiten Weltkriegs, um die Ursachen und Hintergründe dieser ethnischen Gewalt zu ergründen. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, wie es zu diesem Völkermord in einem ethnisch gemischten Gebiet kommen konnte und welche Rolle der Krieg sowie ideologische Faktoren dabei spielten.
- Historischer Kontext der Region Wolhynien
- Strukturen und Rollen der politischen und militärischen Organisationen (OUN, UPA, AK)
- Verlauf, Methoden und Ausmaß der ethnischen Säuberung
- Zusammenhang zwischen Kriegsumständen, Ideologie und Massengewalt
- Phänomen der Kollaboration während der nationalsozialistischen Besatzung
Auszug aus dem Buch
4. 1. Verlauf des Massakers
„By 1943 something like one-quarter of the Volhynian population had experienced national violence in one form or another, as victim, accomplice, or both.“
Ab Februar 1943 erklärte die OUN „a deliberate policy of murdering Polish civilians to help resolve the Polish question in Ukraine.“ Bereits Ende des Jahres 1942 ermordeten ukrainische Nationalsozialisten in Wolhynien erstmals die polnischen Einwohner eines gemischt besiedelten Dorfes, bald darauf gingen die Attacken auf die restlichen Dörfer über. Im Februar und März 1943 begann die UPA schließlich mit den Vernichtungsaktionen. Die massenhaft durchgeführten Morde deuten auf eine organisierte und geplante Aktion. Besonders die Nacht vom 11. bis zum 12. Juli prägte die Geschichte des Massakers; innerhalb von zwei Tage wurden 146 Dörfer angegriffen, und 4330 Menschen ermordet. Im ganzen Juli zählte man 520 attackierte Dörfer und zwischen 10 000 und 11 000 Tote der polnischen Bevölkerung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas, Einordnung in den ukrainisch-polnischen Konflikt und Darstellung der methodischen Vorgehensweise sowie der verwendeten Literatur.
2. Historischer Kontext: Erläuterung der wechselvollen Besatzungsgeschichte Wolhyniens zwischen 1921 und 1944 und deren Auswirkungen auf die Bevölkerung.
3. Die politischen und militärischen Organisationen: Analyse der OUN, ihrer Fraktionen sowie der Entstehung der UPA und der Heimatsarmee (AK) im Kriegskontext.
4. Die ethnische Säuberung in Wolhynien: Detaillierte Untersuchung des Verlaufs der Massaker, der angewandten Methoden, Opferzahlen sowie der zugrunde liegenden Ursachen und Racheakte.
5. Kollaboration mit den Nationalsozialisten: Kurze Darstellung der Kollaborationsphänomene beider Seiten und der gegenseitigen gegensätzlichen Wahrnehmung.
6. Fazit: Zusammenfassende Antwort auf die Fragestellung unter Berücksichtigung des Zusammenspiels von Ideologie, Kriegsumständen und dem streitigen Anspruch auf territoriale Herrschaft.
Schlüsselwörter
Wolhynien, Massaker, OUN, UPA, AK, Zweiter Weltkrieg, ethnische Säuberung, ukrainisch-polnischer Konflikt, Nationalsozialismus, Kollaboration, Völkermord, Ostgalizien, Ideologie, Zivilbevölkerung, Partisanenkrieg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die blutigen Auseinandersetzungen und das Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung durch ukrainische Nationalisten in Wolhynien während der Jahre 1943 und 1944.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der historische Kontext der Region, die Rolle der Organisationen wie OUN und UPA, der Verlauf und die Methoden der ethnischen Säuberung sowie das komplexe Thema der Kollaboration im Zweiten Weltkrieg.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Ursachen des Massakers zu analysieren und zu verstehen, wie und warum ein solches Verbrechen innerhalb einer ethnisch gemischten Bevölkerung unter den Bedingungen des Zweiten Weltkriegs realisiert werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Hausarbeit, die auf einer umfassenden Auswertung von Fachliteratur, Monographien sowie Dokumentensammlungen und Berichten von Zeitzeugen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der politischen und militärischen Organisationen, eine detaillierte Betrachtung des Verlaufs, der Methoden und Opferzahlen des Massakers, die Untersuchung der ideologischen und politischen Gründe sowie die Rolle der Kollaboration.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Wolhynien, ethnische Säuberung, OUN/UPA, polnischer-ukrainischer Konflikt und Kollaboration charakterisieren.
Wie unterscheidet sich die OUN-B von der OUN-M laut Text?
Die OUN-B unter Bandera basierte auf jungen, radikalen Kräften und wurde der stärkere Flügel, während die OUN-M unter Mel'nyk eher aus einer älteren Generation und Emigranten bestand.
Welche Rolle spielte das "negative Beispiel des Holocaust" für die Täter?
Der Holocaust diente den ukrainischen Nationalisten laut der Argumentation in der Arbeit als "Lehrstück", das zeigte, wie eine ethnische Säuberung technisch durchzuführen ist.
Wie wird die Rolle der Heimatsarmee (AK) in Wolhynien beschrieben?
Die AK versuchte die polnische Bevölkerung gegen die UPA-Angriffe zu schützen und installierte dafür Verteidigungsbasen, was den Konflikt zwischen den beiden Untergrundarmeen weiter verschärfte.
- Arbeit zitieren
- Adelisa Osmanovic (Autor:in), 2018, Das Massaker von Wolhynien. Der ukrainische-polnische Konflikt, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/534850