Menschen, die unter einer Demenz leiden, werden heute oft als schwerstbeeinträchtigte, leidende und hilfsbedürftige Personen angesehen, die beschützt werden müssen.
Betroffene Familien sehen darin "das große Unglück", die Gesellschaft ein finanzielles Fiasko.
Nur selten unterscheidet jemand zwischen den einzelnen Demenzformen oder zwischen den vielfältigen, sehr unterschiedlichen Schwankungsbreiten dieser Erkrankung. "Wer dement ist, kann nichts mehr", ist ein übliches pauschaliertes Vorurteil.
Die Demenz wird heutzutage immer noch als rein organische Störung angesehen, "bei der man nichts mehr machen kann". Dabei wirken sich vielfältige Dienstleistungsmöglichkeiten positiv auf die Lebensqualität von Menschen mit Demenz aus. Untersuchungen des Kuratoriums deutsche Altershilfe belegen, dass der Verlauf einer Demenzerkrankung nicht nur von organischen, sondern auch von psychischen und sozialen Faktoren abhängig ist.
Doch in Wirklichkeit versucht die Umgebung von Demenzkranken nicht den Verlauf zu begünstigen, sondern tut, einfach gesagt, "alles, damit der Kranke noch kränker wird und seine Behinderungen möglichst rasch fortschreiten".
Das Umfeld wird immer starrer, reizloser und unüberschaubarer und es bleibt nicht aus, dass Menschen, die mit ihrer Orientierung und ihrem Selbstbild vermehrte Schwierigkeiten haben, noch einsamer, abhängiger und hilfloser werden, als dies wirklich aufgrund des Beschwerdebildes notwendig wäre.
Es bedarf also noch größerer Anstrengungen, damit ein alter Mensch mit einer Demenzerkrankung als Mensch wahrgenommen wird und nicht als Schwerkranker ohne eigenen Willen. Es ist wichtig, den Demenzkranken als Individuum wahrzunehmen und seine Ressourcen zu fördern. Man muss lernen, neue Wege zu gehen.
Einen solchen "neuen Weg" soll die folgende Arbeit darstellen, die sich mit speziellen konzeptionellen Rahmenbedingungen für die Betreuung von Demenzkranken beschäftigen soll.
Inhaltsverzeichnis
VORWORT
EINLEITUNG
1. DIAGNOSE: DEMENZ
1.1 Begriffsklärung: Demenz
1.2 Verschiedene Formen von Demenz
1.3 Entstehung einer Demenz
1.4 Der Verlauf
1.4.1 Das Anfangsstadium
1.4.2 Die mittlere Phase
1.4.3 Das dritte Stadium
1.5 Vorstellung von Testverfahren zur Einordnung einer Demenz
1.5.1 Der Mehrfachwahl- Wortschatztest (MWT-B)
1.5.2 Die Mini- Mental- State- Examination (MMSE)
1.5.3 Der Uhrentest
2. DIE EPIDEMIOLOGIE DER DEMENZ
2.1 Prävalenz
2.2 Inzidenz
2.3 Geschlechtsunterschiede
2.4 Demographische Entwicklung
3. DER ALLTAG VON DEMENZKRANKEN
3.1 Einblick in das täglich Leben eines Demenzkranken
3.2 Spezifische Verhaltensweisen von Demenzkranken
3.2.1 Aggressivität
3.2.2 Angst
3.2.3 Antriebslosigkeit
3.2.4 Probleme mit der Verständigung
3.2.5 Bewegungsdrang
3.3 Grundregeln für die Betreuung von Demenzkranken
3.3.1 Die Tatsachen akzeptieren
3.3.2 Auf Unerwartetes einstellen
3.3.3 Gewohnheiten erhalten
3.3.4 Kommunikation
3.4 Finanzielle Hilfen für den Betreuungsalltag
3.4.1 Finanzielle Leistungen, die unabhängig vom Einkommen sind
3.4.1.1 Hilfen bei anerkannter Behinderung nach dem Schwerbehindertengesetz
3.4.2 Finanzielle Hilfen, die nur bei niedrigem Einkommen gewährt werden
3.4.2.1 Befreiung von Zuzahlungen
3.4.2.2 Leistungen nach dem Bundessozialhilfegesetz
4. SOZIALPÄDAGOGISCHE HANDLUNGSFELDER UND THERAPEUTISCHE BETREUUNGSMÖGLICHKEITEN BEI DER ARBEIT MIT DEMENZKRANKEN
4.1 Lerntheoretische Handlungsansätze
4.1.1 Das Realitäts- Orientierungs- Training (ROT)
4.1.2 Selbst- Erhaltungs- Therapie (SET)
4.1.3 Die Erinnerungstherapie
4.2 Der verstehende Umgang zum dementiell Erkrankten
4.2.1 Validation
4.2.2 Biographiearbeit
4.2.3 Angehörigenarbeit
4.2.4 Begleitende Angebote in der Betreuung Demenzkranker
4.2.4.1 Basale Stimulation
4.2.4.2 Kunst- und Musiktherapie
5. STRUKTURELLE ANFORDERUNGEN AN DEN INSTITUTIONELLEN WOHN- UND LEBENSRAUM VON DEMENZKRANKEN – MILIEUGESTALTUNG
5.1 Betreuungsmodelle
5.2 Anforderungen an das architektonische Milieu
5.3 Entwurfsprinzipien für die Gestaltung der Umgebung für Verwirrte
SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht konzeptionelle Rahmenbedingungen für die Schaffung eines Pflegezentrums für Demenzkranke, mit dem primären Ziel, demenzkranke Menschen als Individuen mit eigenen Bedürfnissen wahrzunehmen und Ressourcen durch spezifische sozialpädagogische und therapeutische Ansätze sowie eine angemessene Milieugestaltung zu fördern.
- Grundlagen und Diagnose von Demenzformen
- Epidemiologische Aspekte und demographische Entwicklung
- Alltagsgestaltung und spezifische Betreuungsregeln
- Sozialpädagogische Handlungsfelder und therapeutische Ansätze wie Validation und Basale Stimulation
- Strukturelle und architektonische Anforderungen an Wohn- und Lebensräume
Auszug aus dem Buch
3.1 Einblick in das täglich Leben eines Demenzkranken
Um zunächst erst mal einen Einblick zu bekommen was es heißt mit einem Demenzkranken zu leben und ihn zu betreuen, auch im Hinblick auf die Betreuung in einem Pflegezentrum, habe ich mir die Beschreibung eines Morgens im Leben des Ehepaars Mayer ausgewählt. Dieses Fallbeispiel verdeutlicht vor allem eine optimale Reaktion von Betreuenden auf die spezifischen Verhaltensweisen von Demenzkranken und natürlich auch die allgemeinen Anforderungen an den Alltag von Menschen mit Demenz.
„Es ist 7.00 Uhr am Morgen. Für Frau Mayer – sie ist 79 Jahre alt – geht eine unruhige Nacht zu Ende. Erholsamen Schlaf konnte sie kaum finden. Zweimal musste sie ihren gleichaltrigen Mann, der an der Alzheimer Krankheit leidet, im Laufe der Nacht wieder in sein Bett zurückbringen. Er war aufgewacht, aufgestanden und fand sich in seiner eigenen Wohnung, in der er nun schon seit 40 Jahren lebt, nicht mehr zurecht, bekam Angst und fing an lautstark nach seiner „Mami“ zu rufen. Frau Mayer musste ihn beruhigen, nutzte die Unterbrechung zugleich , um ihren Mann zur Toilette zu schicken, und brachte ihn schließlich wieder ins Bett. Gott sei Dank hatte ihr Mann sie in dieser Nacht gleich erkannt, und sie musste nicht lange erklären, wer sie denn nun eigentlich sei. Nach diesen „Aktionen“ konnte Frau Mayer wie gewöhnlich nur noch schlecht einschlafen, und so steht sie jetzt ziemlich gerädert auf, um sich an ihre tägliche Arbeit zu machen.
Herr Mayer ist zwar ebenfalls schon aufgewacht, liegt aber wie selbstvergessen in seinem Bett und scheint vor sich hin zu träumen. Während Frau Mayer sich selber im Badezimmer schnell richtet, muss sie ihren Mann immer wieder daran erinnern, dass es jetzt Zeit zum Aufstehen und Waschen ist. Sie macht dies sehr behutsam, möglichst nicht ungeduldig, denn sonst kann es passieren, dass ihr Mann aggressiv wird, sie anbrüllt und in extremen Fällen anfängt, Gegenstände in ihre Richtung zu werfen. Nach der 5. bis 6. Wiederholung steht Herr Mayer dann in der Regel auf und zieht und zieht den immer am selben Platz für ihn vorbereiteten Morgenmantel an und erscheint schließlich im Bad. Es ist jetzt 7.20 Uhr.
Zusammenfassung der Kapitel
1. DIAGNOSE: DEMENZ: Dieses Kapitel erläutert die medizinischen Grundlagen, verschiedene Demenzformen, den schleichenden Krankheitsverlauf sowie gebräuchliche Testverfahren zur Einordnung.
2. DIE EPIDEMIOLOGIE DER DEMENZ: Hier werden statistische Daten zu Prävalenz und Inzidenz dargelegt und die Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf die zukünftige Versorgungslage analysiert.
3. DER ALLTAG VON DEMENZKRANKEN: Anhand von Fallbeispielen wird der herausfordernde Alltag beschrieben und es werden Grundregeln für die Betreuung sowie finanzielle Unterstützungsoptionen aufgezeigt.
4. SOZIALPÄDAGOGISCHE HANDLUNGSFELDER UND THERAPEUTISCHE BETREUUNGSMÖGLICHKEITEN BEI DER ARBEIT MIT DEMENZKRANKEN: Das Kapitel widmet sich konkreten lerntheoretischen Ansätzen und verstehenden Umgangsformen wie Validation, Biographiearbeit und therapeutischen Begleitangeboten.
5. STRUKTURELLE ANFORDERUNGEN AN DEN INSTITUTIONELLEN WOHN- UND LEBENSRAUM VON DEMENZKRANKEN – MILIEUGESTALTUNG: Hier werden Anforderungen an die Architektur und Betreuungsmodelle definiert, um eine beschützende und fördernde Umgebung zu schaffen.
Schlüsselwörter
Demenz, Alzheimer-Krankheit, Sozialpädagogik, Altenpflege, Validation, Biographiearbeit, Basale Stimulation, Milieugestaltung, Betreuungsmodelle, Pflegeversicherung, kognitive Beeinträchtigung, Alltagsbewältigung, Angehörigenarbeit, Demographie, Pflegestufe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der sozialpädagogischen Betreuung von demenzkranken Menschen und entwickelt konzeptionelle Rahmenüberlegungen für die Gestaltung eines spezialisierten Pflegezentrums.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit deckt die medizinischen Grundlagen, epidemiologische Daten, die Gestaltung des Alltags, pflegerische Grundregeln, therapeutische Ansätze und die architektonische Milieugestaltung ab.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, ein Konzept zu erarbeiten, das Demenzkranke als Individuen mit eigenen Biographien wahrnimmt und ihre verbliebenen Ressourcen durch eine adäquate Umgebung sowie wertschätzende Interaktionsformen fördert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden zur Analyse verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine fundierte Literaturrecherche, die Einbeziehung epidemiologischer Statistiken sowie die fachliche Auseinandersetzung mit anerkannten therapeutischen Modellen wie dem Realitäts-Orientierungs-Training und der Validation.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Symptome, der Alltag mit Demenzkranken, finanzielle Hilfestellungen für Angehörige sowie konkrete therapeutische Handlungsansätze (z.B. Biographiearbeit, Kunst- und Musiktherapie) detailliert beschrieben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Demenz und Alzheimer auch Validation, Biographiearbeit, Basale Stimulation, Milieugestaltung und die Rolle der Sozialpädagogik in der stationären Altenhilfe.
Warum ist das "24-Stunden Realitäts-Orientierungs-Training" für den stationären Bereich relevant?
Es bietet einen strukturierten Rahmen, um den Betroffenen im Alltag kontinuierlich Orientierungshilfen bezüglich Zeit, Ort und eigener Person zu geben, was durch eine entsprechend gestaltete Umgebung unterstützt wird.
Welche Bedeutung kommt der Biographiearbeit für das Pflegezentrum zu?
Die Biographiearbeit dient als Schlüssel, um individuelle Gewohnheiten und verbliebene Fähigkeiten zu erkennen, was die Beziehungsarbeit und das Verständnis für das Verhalten der Erkrankten maßgeblich verbessert.
Warum wird im Modellentwurf ein segregatives gegenüber einem integrativen Betreuungsmodell bevorzugt?
Die Autorin argumentiert, dass spezialisierte Wohngruppen für Demenzkranke ein beschützendes Milieu ermöglichen, in dem das Personal besser auf die spezifischen Bedürfnisse eingehen kann, während in gemischten Gruppen oft Überforderungen und Konflikte entstehen.
- Arbeit zitieren
- Mandy Beyer (Autor:in), 2002, Sozialarbeit und Demenz. Konzeptionelle Rahmenüberlegungen zur Schaffung eines Pflegezentrums für Demenzkranke, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/5330