Die seit Ende der sechziger Jahre steigende Arbeitslosenquote zeigt, dass Arbeitslosigkeit in Deutschland kein ausschließlich konjunkturelles Phänomen ist.
Durch das System sozialer Sicherung, das Lohnersatzleistungen garantiert, wenn eine Person arbeitslos wird, entstehen große finanzielle Belastungen für die öffentlichen Haushalte. Aus diesem Grund wurde es notwendig über die Ausgestaltung des Systems nachzudenken, vor allem, da anzunehmen ist, dass die Ausgestaltung der Lohnersatzleistungen selbst einen Teil zur Arbeitslosenproblematik beigetragen hat.
Lohnersatzleistungen bei Arbeitslosigkeit sind als temporäre Unterstützung gedacht, bis der Betroffene wieder einer regulären Beschäftigung nachgeht. Hiermit stellen Lohnersatzleistungen eine Art Versicherung gegen Arbeitslosigkeit dar. Das Bestehen solch einer Versicherung zieht Verhaltensänderungen der betroffenen Personen nach sich, beruhend auf dem vermeintlichen Wegfall des Risikos. Dies bedeutet, dass sich versicherte Personen – handele es sich nun um Arbeitslosenversicherung oder eine andere Versicherungsart - in versicherten Situationen nicht so verhalten, wie sie es in der gleichen Lage ohne Versicherung tun würden.
Um diese Problematik abzuschwächen, wurde mit Beginn des Jahres 2005 das bis dahin geltende System zur Grundsicherung erwerbsfähiger Arbeitsloser - bestehend aus Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe - ersetzt durch ein System bestehend aus Arbeitslosengeld I und Arbeitslosengeld II. Nach dem Grundsatz "Fördern und Fordern" soll der Hilfeempfänger bei der Arbeitssuche stärker unterstützt, zugleich zu verstärkten eigenen Bemühungen gezwungen aber auch angeregt werden.
In der vorliegenden Arbeit soll auf Problematiken, die die Zahlung einer Lohnersatzleistung verursacht eingegangen werden. Hierbei liegt das Hauptaugenmerk auf der Arbeitsanreizproblematik mit ihren Auswirkungen. Unter diesem Gesichtspunkt soll analysiert werden, ob durch die Einführung des neuen Sozialgesetzbuchs 2 Verbesserungen mit Wirkung auf die Arbeitsanreize eingetreten sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entscheidung zwischen Arbeit und Freizeit
2.1. Entscheidung zwischen Arbeit und Freizeit ohne Lohnersatzleistung
2.2. Entscheidung zwischen Arbeit und Freizeit bei bestehender Lohnersatzleistung
2.3. Gestaltungsmerkmale einer Lohnersatzleistung und ihre Auswirkungen auf die Arbeitsentscheidung
2.3.1. Leistungshöhe
2.3.2. Anrechnung von Erwerbseinkommen
2.3.3. Bezugsdauer
2.3.4. Zumutbarkeitskriterien, Mitwirkungspflichten und Sanktionierung
2.4. Auswirkungen schlechter Ausgestaltung einer Lohnersatzleistung
2.4.1. Finanzielle Belastung des Sozialsystems
2.4.2. Schattenwirtschaft
2.4.3. Entwertung des Humankapitals
3. Lohnersatzleistungen bis 1.1.2005
3.1. Sozialhilfe
3.1.1. Leistungshöhe
3.1.2. Anrechnung von Erwerbseinkommen
3.1.3. Anrechnung von Vermögen und Partnereinkommen
3.2. Arbeitslosenhilfe
3.2.1. Leistungshöhe
3.2.2. Anrechnung von Erwerbseinkommen
3.2.3. Anrechnung von Vermögen und Partnereinkommen
3.3. Arbeitslosengeld
3.3.1. Leistungshöhe
3.3.2. Anrechnung von Erwerbseinkommen
3.3.3. Anrechnung von Vermögen und Partnereinkommen
4. Lohnersatzleistungen ab dem 1.1.2005 – Arbeitslosengeld II
4.1. Zuordnung der Personen zu den Lohnersatzleistungen
4.2. Leistungshöhe
4.2.1. Regelsätze
4.2.2. Lohnabstand
4.2.3. Einmalleistungen
4.3. Anrechnung von Erwerbseinkommen
4.3.1. Regelungen vom 1.1.2005 bis 1.10.2005
4.3.2. Regelungen ab dem 1.10.2005
4.3.3. Vergleich der Arbeitslosengeld II-Regelungen mit denen der Sozial- und Arbeitslosenhilfe
4.4. Anrechnung von Vermögen und Partnereinkommen
4.5. Fördern und Fordern
4.5.1. Mitwirkungspflichten
4.5.2. Zumutbarkeit
4.5.3. Qualifizierungsmaßnahmen
4.5.4. Beschäftigungsmaßnahmen
4.5.5. Sonderregelungen für Arbeitslose bis 25 Jahre
4.5.6. Sanktionierung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Diplomarbeit analysiert die Problematik von Lohnersatzleistungen bei Arbeitslosigkeit im Kontext der Arbeitsanreize. Das primäre Ziel der Arbeit ist es zu untersuchen, ob die Einführung des neuen Sozialgesetzbuchs 2 (SGB II) die Arbeitsanreize für erwerbsfähige Arbeitslose verbessert hat, indem die negativen Effekte einer schlechten Ausgestaltung bisheriger Lohnersatzleistungen (Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe, Arbeitslosengeld) adressiert wurden.
- Analyse der Entscheidung zwischen Arbeit und Freizeit unter dem Einfluss von Transferzahlungen.
- Untersuchung der Ausgestaltungsmerkmale von Lohnersatzleistungen (Leistungshöhe, Anrechnung, Bezugsdauer).
- Vergleichende Betrachtung der alten (vor 2005) und neuen (ab 2005) Systeme der Lohnersatzleistungen.
- Bewertung des Grundsatzes „Fördern und Fordern“ im Hinblick auf Arbeitsanreize und Arbeitsmarkteffekte.
- Untersuchung der finanziellen und gesellschaftlichen Folgen wie Schattenwirtschaft und Humankapitalentwertung.
Auszug aus dem Buch
2.3.1. Leistungshöhe
Die Höhe der Lohnersatzleistung bei Arbeitslosigkeit ist ein entscheidender Faktor im individuellen Prozess der Entscheidung über das Arbeitsangebot. Sie wirkt als entscheidende Größe auf den individuellen Prozess zur Arbeitsentscheidung.
Aus theoretischer Sicht ist zu erwarten, dass Lohnersatzleistungen bei Arbeitslosigkeit die Arbeitslosigkeit erhöhen. Jede Art der Arbeitslosenunterstützung stellt eine Subvention von Nicht-Arbeit dar. Dadurch senken sie die Opportunitätskosten der Arbeitssuche bzw. der Freizeit. Dieses kann dazu führen, dass die Arbeitnehmer freiwillig kündigen oder wenig unternehmen, um eine drohende Kündigung zu vermeiden.
Zudem kann sich durch geringe Opportunitätskosten die Dauer der Arbeitslosigkeit verlängern. Der Arbeitslose wird seine Suche dort beenden, wo die Grenzkosten gleich ihren Grenzerträgen werden. In manchen Fällen werden die Grenzkosten jedoch als dermaßen hoch angesehen, dass es gar nicht zu einem Suchprozess kommt; das erste Stellenangebot wird somit akzeptiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die steigende Arbeitslosigkeit in Deutschland und die damit einhergehende Problematik der Lohnersatzleistungen, wobei das Ziel der Arbeit, die Analyse der Arbeitsanreize durch das SGB II, definiert wird.
2. Entscheidung zwischen Arbeit und Freizeit: Dieses Kapitel erläutert theoretische Grundlagen der Wahl zwischen Arbeit und Freizeit und wie staatliche Transferzahlungen diese Entscheidung durch verschiedene Gestaltungsmerkmale beeinflussen können.
3. Lohnersatzleistungen bis 1.1.2005: Hier werden die Systeme der Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe und des Arbeitslosengeldes vor dem SGB II hinsichtlich ihrer Leistungshöhe, Anrechnungsmodalitäten und Vermögensregelungen detailliert beschrieben und kritisch bewertet.
4. Lohnersatzleistungen ab dem 1.1.2005 – Arbeitslosengeld II: Dieses Hauptkapitel analysiert das neue System der Grundsicherung, vergleicht es mit den vorherigen Regelungen und bewertet die Auswirkungen auf Arbeitsanreize sowie die Instrumente des "Förderns und Forderns".
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Reformen zwar teilweise Verbesserungen bringen, aber in vielen Bereichen zu kurz greifen oder kontraproduktiv wirken, insbesondere bei der Entlastung der öffentlichen Haushalte.
Schlüsselwörter
Lohnersatzleistungen, Arbeitslosigkeit, Arbeitsanreize, Sozialgesetzbuch 2, SGB II, Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe, Lohnabstand, Transferentzugsrate, Arbeitsangebot, Humankapital, Fördern und Fordern, Suchtheorie, Langzeitarbeitslosigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die wirtschaftliche Problematik von Lohnersatzleistungen bei Arbeitslosigkeit und deren Einfluss auf die Entscheidung des Einzelnen, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen oder fortzuführen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Arbeitsanreizproblematik, die theoretische Wahl zwischen Arbeit und Freizeit, die Ausgestaltung verschiedener Sozialsysteme und die Auswirkungen staatlicher Transferzahlungen auf das Suchverhalten von Arbeitslosen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Analyse, ob die Einführung des Sozialgesetzbuchs 2 (SGB II) zu spürbaren Verbesserungen bei den Arbeitsanreizen geführt hat, verglichen mit dem alten System aus Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine theoretische Analyse auf Basis von ökonomischen Modellen (wie dem Einkommens-Freizeit-Diagramm) verwendet, ergänzt durch eine Auswertung empirischer Befunde sowie eine detaillierte Analyse der rechtlichen Regelungen der jeweiligen Sozialgesetzgebungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Strukturen der Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe und des Arbeitslosengeldes vor 2005 sowie das Arbeitslosengeld II nach 2005, inklusive der Berechnungslogiken für Freibeträge und die Auswirkungen von Sanktionen und Qualifizierungsmaßnahmen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Lohnabstand, Transferentzugsrate, Humankapitalentwertung, "Fördern und Fordern" sowie das Spannungsfeld zwischen staatlicher Sicherung und Arbeitsanreizen.
Welche Rolle spielen die Berechnungen im Anhang?
Die Berechnungen im Anhang dienen dazu, die theoretischen Ausführungen zu Lohnersatzleistungen am Beispiel von Modell-Haushalten zu quantifizieren und zu veranschaulichen, wie sich der Zuverdienst bei verschiedenen Systemen auf das verfügbare Einkommen auswirkt.
Wie bewertet die Autorin die Wirkung von Sanktionen im SGB II?
Die Autorin betrachtet Sanktionen als theoretisches Druckmittel, hinterfragt jedoch deren praktische Wirksamkeit, da sie durch ergänzende Sachleistungen teilweise abgeschwächt werden und ihre Beschäftigungseffekte oft gering bleiben.
- Arbeit zitieren
- Kathrin Scheibel (Autor:in), 2006, Problematik von Lohnersatzleistungen bei Arbeitslosigkeit - Verbesserungen durch das neue Sozialgesetzbuch 2?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/52730