„Seit seiner Wiederentdeckung kurz nach der Jahrhundertwende wurde verschiedentlich versucht, seine Kunst, die innerhalb der Münchner Schule eine Sonderstellung einnimmt, zu definieren. Heute [...] ist Wilhelm von Kobell in einem großen Kreis von Museen, Sammlern und Kunstliebhabern hoch geschätzt. So gilt es, die Frage nach dem Wesen und der Bedeutung seiner Malerei, die den Bogen von der Kunst des ausgehenden 18. Jahrhunderts über den Klassizismus unmittelbar in das deutsche Biedermeier spannt, neu zu stellen.“
Diese Aussage Wichmanns, welche die folgende Abhandlung einleitet, bezeugt eine offensichtliche Unsicherheit der Rezipienten bei der Beschäftigung mit dem Werk Wilhelm von Kobells. Dessen eigenwillige Kunstauffassung wird zwar stets betont, doch in der wissenschaftlichen Literatur nur selten intensiv abgehandelt. In vielen Ausstellungskatalogen findet das Kobellsche Schaffen lediglich peripher Erwähnung und im Mangel an Farbbildmaterial setzt sich diese Tendenz fort. Inhaltliche Ausnahmen bilden Waldemar Lessing mit dem ersten monographischen Beitrag, Siegfried Wichmann mit der Erstellung des kritischen Werksverzeichnisses und Sabine Heinens detaillierte Auseinandersetzung mit den späten Kobell – Bildern5. Im Rahmen der vorliegenden Hausarbeit wird versucht, den Duktus des Malers, das Charakteristische seiner Kunst darzulegen. Nach einem kurzgefassten Überblick über relevante Lebensstationen wird sich seinem Werk genähert. Da Kobell zahlreiche Studien von Landschaft und Milieu in seinen Begegnungsbildern vereint, dient als Betrachtungsbeispiel die Darstellung „Reiter am Tegernsee (I)“, welche beschrieben, analysiert und auf naturwissenschaftliche sowie kulturelle Einflüsse aus der Entstehungszeit untersucht werden soll. Daran schließt ein kursorischer Überblick der Kunstepochen, denen Kobell zu recht oder unrecht zugeordnet wird, wie es das Eingangszitat bereits andeutet. Zusammenfassende Bemerkungen beenden diese Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Lebensbild
2.1 Kobell und die Münchner Schule
3. „Der Reiter am Tegernsee“
3.1 Bildbeschreibung
3.2 Bildkomposition
3.3 Lichtregie und Farbe
3.4 Bemerkung zur Arbeitsweise Kobells
3.5 Naturwissenschaftliche und kulturelle Einflüsse
3.5.1 Philosophische und literarische Einflüsse
3.5.2 Guckkasten – Diorama – Panorama
3.5.3 Die Parklandschaft
3.6 Deutungsansätze
3.6.1 Begegnung unterschiedlicher Stände
3.6.2 Die Konzentration auf den Blick
4. Unsicherheit der Epochenzuordnung
5. Fazit
6. Abbildungen
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das künstlerische Werk von Wilhelm von Kobell, mit einem besonderen Fokus auf seine sogenannte Reifezeit und die Gattung der Begegnungsbilder. Ziel ist es, die charakteristischen stilistischen Mittel und die zugrunde liegende Kompositionsweise des Malers zu analysieren und ihn in den komplexen kunsthistorischen Kontext des 19. Jahrhunderts einzuordnen.
- Analyse der malerischen Technik und Bildkomposition am Beispiel „Der Reiter am Tegernsee (I)“
- Untersuchung der Einflüsse naturwissenschaftlicher und kultureller Strömungen
- Erörterung der Bedeutung von Lichtregie, Farbe und der geometrischen Ordnung bei Kobell
- Diskussion zur problematischen Epochenzuordnung zwischen Klassizismus, Romantik und Realismus
Auszug aus dem Buch
3.1 Bildbeschreibung
Zu sehen ist die Begegnung eines Jägers zu Pferd mit zwei ländlich gekleideten jungen Frauen. Auf dem Scheideweg einer hell beleuchteten Feldwegkreuzung, steht der sehr gepflegte und kupierte Schimmel. Der elegant wirkende Mann auf dessen besattelten Rücken hält mit der linken Hand leger die Zügel, die rechte ist locker auf den Oberschenkel gelegt. Der Lauf einer Jagdflinte lagert, vom Schultergurt herabhängend in einem Schutzetui. Auch die Kleidung, ein grünes hochkragiges Jackett und eine beigefarbene Hose, weisen ihn als Jäger aus. Herr und Pferd, räumlich recht distanziert von den Frauen, nehmen die linke Bildhälfte ein. Gemeinsam ragen sie hoch in den kumulusbewölkten Himmel, der mit einer „Zweidrittelmehrheit“ im Bildraum überwiegt.
Etwas weiter vorn im Bild steht ein weiß-rotbrauner, recht großer Hund diszipliniert und Blickkontakt haltend mit einem kleineren neugierigen dunkelfarbigen Hund unbekannter Rasse. Dieser scheint zu den weiblichen Figuren zu gehören, welche auf der rechten Seite der Vordergrundszenerie in Erscheinung treten. Die beiden tragen volkstümliche, doch unterschiedliche Trachten. Eine Frau, mit grünem Hut auf dem Kopf und Halsband schaut mit leicht gedrehter Körperhaltung dem Reiter in die Augen. In der Art, wie sie den rechten Arm grazil an die Hüfte anwinkelt, die linke Hand mit den Quasten ihres Kleides spielt, wirkt sie durchaus emanzipiert. Auch die Haltung ihrer Füße, der linke etwas abgespreizt und zum Betrachterstandpunkt deutend, untermalt diesen Eindruck. In Rückansicht ist die zweite Frau dargestellt. Sie ist ihrer Begleiterin zugewandt und blickt dieser ins Gesicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einleitung in die Problematik der kunsthistorischen Einordnung Wilhelm von Kobells und Begründung der Themenwahl.
2. Lebensbild: Biografischer Abriss zu Leben und künstlerischem Werdegang des Malers sowie die Einbettung in das Umfeld der Münchner Schule.
3. „Der Reiter am Tegernsee“: Detaillierte Analyse des titelgebenden Werks hinsichtlich Bildaufbau, Technik und der Bedeutung für das Gesamtwerk.
4. Unsicherheit der Epochenzuordnung: Kritische Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit, Kobells Schaffen eindeutig einer Stilepoche zuzuordnen.
5. Fazit: Zusammenfassende Würdigung der Untersuchungsergebnisse und der künstlerischen Position Kobells.
6. Abbildungen: Zusammenstellung der Bildbelege und visuellen Analysedaten.
7. Literaturverzeichnis: Verzeichnis der herangezogenen wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Wilhelm von Kobell, Münchner Schule, Begegnungsbilder, Reiter am Tegernsee, Bildkomposition, Landschaftsmalerei, 19. Jahrhundert, Kunstgeschichte, Lichtregie, Klassizismus, Romantik, Realismus, Naturwissenschaft, Bildanalyse, Kulturlandschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit widmet sich dem Werk des Malers Wilhelm von Kobell und analysiert, wie er seine Kunstauffassung durch spezifische gestalterische Mittel und die Kombination von Landschaft und Figur umsetzt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die Bildkomposition seiner sogenannten „Begegnungsbilder“, die Rolle von Licht und Farbe sowie die Einbettung des Malers in den kunsthistorischen Kontext des 19. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Darlegung des künstlerischen Duktus von Kobell und die Analyse der charakteristischen Verbindung von Mensch und Landschaft am Beispiel ausgewählter Werke.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt kunsthistorische Methoden wie Bildbeschreibung, Kompositionsanalyse sowie die Auswertung von Fachliteratur und Quellen zur Einordnung in den zeithistorischen Kontext.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine biografische Einführung, eine vertiefte Analyse des Gemäldes „Reiter am Tegernsee (I)“, die Betrachtung von Einflüssen wie dem Panorama oder der Gartengestaltung sowie die Diskussion zur Epochenzuordnung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie „Begegnungsbilder“, „Münchner Schule“, „Bildkomposition“, „Reiter am Tegernsee“ und „Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts“.
Warum ist die Epochenzuordnung bei Kobell so schwierig?
Da sein Schaffen eine Zeitspanne von 70 Jahren umfasst und Elemente aus Barock, Klassizismus, Romantik und Realismus vereint, entzieht es sich einer eindeutigen stilistischen Kategorisierung.
Welche Rolle spielt das Werk „Der Reiter am Tegernsee (I)“?
Es dient als zentrales Betrachtungsbeispiel, an dem Kobells Methode, Figuren in eine bühnenhaft inszenierte Landschaft zu integrieren, exemplarisch analysiert werden kann.
Was bedeutet das von Nietzsche zitierte „mathematische Substrat“ bei Kobell?
Es bezieht sich auf den strengen, geometrischen Aufbau der Landschaften und die kompositionelle Ordnung, mit der Kobell seine Szenen konstruiert.
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- Thomas Schiller (Author), 2005, Wilhelm von Kobell - "Das mathematische Substrat der Landschaft", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/52104