In den letzten Jahrzehnten hat sich die Medienlandschaft rasant geändert, denn die Digitalisierung hat ihren Einzug in die Filmproduktion gehalten, womit auch der Dokumentarfilm konfrontiert ist. Zudem verzerrt das enorme Aufkommen unterschiedlicher dokumentarischer Fernsehformate das Bild des Dokumentarfilms. In diesem Zusammenhang ist der Begriff Authentizität immer wichtiger geworden, weshalb sich seit einigen Jahren eine Vielzahl unterschiedlicher theoretischer Ansätze zu diesem Thema entwickelt haben.
Diese Arbeit soll daher das Verhältnis von Authentizität und Dokumentarfilm untersuchen und anhand der Filme BLACK BOX BRD von ANDREAS VEIEL und TODESSPIEL von HEINRICH BRELOER und HORST KÖNIGSTEIN aufzeigen, wie Authentizität im Dokumentarfilm entsteht oder entstehen kann. Es soll erörtert werden, wie wichtig es für den Film ist, authentisch zu sein, und welche Strategien in den unterschiedlichen dokumentarischen Formen angewandt werden, um Authentizität zu erzeugen. In diesem Kontext wird auch analysiert werden, ob das jeweilige Medium, mit dem der Film präsentiert wurde, einen Einfluss auf die Authentizität hat.
Beide Filme wurden ausgewählt, da sie einen engen thematischen Bezug zueinander haben, in unterschiedlichen Medien präsentiert wurden und weil es sich augenscheinlich um unterschiedliche dokumentarische Formen handelt, die miteinander verglichen werden. Der thematische Bezug beider Filme besteht in der Darstellung der terroristischen Vereinigung „Rote Armee Fraktion“ (RAF) und deren Mitglieder. Es hat im Laufe der Jahrzehnte, von der Gründung der RAF über deren offizielle Auflösung und darüber hinaus bis zum heutigen Tage, eine Vielzahl von Spiel- und Dokumentarfilmen gegeben, die sich inhaltlich auf den Gegenstand der RAF, deren Organisation, deren Wirken und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft bezogen haben. Die Komplexität des Themas verlangt aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit eine klare Schwerpunktsetzung, so dass nur zwei Filme intensiv analysiert werden können. Dies impliziert jedoch keine Wertung anderer Filme.
Die Filme BLACK BOX BRD und TODESSPIEL wurden zudem ausgewählt, da sie für das jeweilige Medium, in dem sie veröffentlicht wurden, eine hohe Zuschauerzahl und in Bezug auf das Thema auch das größte öffentliche Interesse aufweisen. BLACK BOX BRD ist vier Jahre nach TODESSPIEL uraufgeführt worden und ist somit als nachfolgender Film zu werten...
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Dokumentarfilm
1.1 Zum Gegenstand des Dokumentarfilms
1.2 Geschichte der Dokumentarfilmtheorie
1.2.1 Dokumentarfilmtheorie nach HOHENBERGER
1.3 Die Einordnung von BLACK BOX BRD und TODESSPIEL in die Vielfalt dokumentarischer Formen
2 Dokumentarfilm und Authentizität
2.1 Definition Authentizität
2.2 Inszenierung von Wahrheit und Wirklichkeit im Dokumentarfilm
2.3 Faktoren der Authentizität
2.3.1 Authentisierungsstrategien in dokumentarischen Formen
2.3.2 Authentisierungsstrategien in Spielfilmen
3 Dokumentarfilm in den Mediendispositiven Kino und Fernsehen
3.1 Dokumentarfilm im Dispositiv Fernsehen
3.2 Dokumentarfilm im Dispositiv Kino
4 Filmische Darstellung der RAF
4.1 Filmographie der RAF in deutschen Filmen
4.2 Einordnung der Filmemacher ANDREAS VEIEL, HEINRICH BRELOER und HORST KÖNIGSTEIN
5 Filmanalyse TODESSPIEL
5.1 Authentisierungsstrategien in TODESSPIEL
5.1.1 Das Re-Enactment
5.1.2 Das Zeitzeugen-Interview
5.1.3 Das Archivmaterial
5.1.4 Der Ton
5.1.5 Auswertung
6 Filmanalyse BLACK BOX BRD
6.1 Authentisierungsstrategien in BLACK BOX BRD
6.1.1 Das Re-Enactment
6.1.2 Das Zeitzeugen-Interview
6.1.3 Das Archivmaterial
6.1.4 Der Ton
6.1.5 Auswertung
Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis von Dokumentarfilm und Authentizität anhand der Filme "Black Box BRD" und "Das Todesspiel". Ziel ist es aufzuzeigen, wie Authentizität in diesen filmischen Formen konstruiert wird, welche Strategien dabei zum Einsatz kommen und inwieweit das jeweilige Medium (Kino vs. Fernsehen) sowie die Darstellung der RAF-Thematik diese Wahrnehmung beeinflussen.
- Analyse des Authentizitätsbegriffs im dokumentarischen Kontext
- Vergleich der Authentisierungsstrategien von Doku-Drama und Dokumentarfilm
- Untersuchung der filmischen Wirkung von Mediendispositiven (Kino und Fernsehen)
- Rolle von Re-Enactments, Zeitzeugen-Interviews und Archivmaterial
- Filmische Aufarbeitung der Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF)
Auszug aus dem Buch
1.1 Zum Gegenstand des Dokumentarfilms
An dieser Stelle muss zunächst gesagt werden, dass die Definitionsfindung des Begriffes und des Gegenstandes „Dokumentarfilm“ recht schwierig ist, da im Laufe der Jahre immer wieder Zweifel an der Existenz eines Genres Dokumentarfilm laut geworden sind. Es gibt Überlegungen von Dokumentarfilmtheoretikern, die den Dokumentarfilm als eigenständiges Genre zu widerlegen versuchen. Dies wird auch in den Äußerungen des Medienwissenschaftlers Prof. Dr. HEINZ B. HELLER deutlich:
„Die nachfolgenden Überlegungen stehen im Zeichen des Zweifels, ob es überhaupt gerechtfertigt erscheint, vom Dokumentarfilm als einem Genre zu sprechen. Denn unter einem Genre, insbesondere einem Filmgenre, verstehen wir gemeinhin ein Ensemble von Werken, das in Hinblick auf Sujet, Dramaturgie und Ästhetik von einer relativ konstanten Regelhäufigkeit ist, wobei die ständige Variation des erkennbar Vertrauten für die Lebendigkeit und historische Beständigkeit eines Genremusters sorgt.“
Gleichwohl spricht HELLER dem Dokumentarfilm aber auch Elemente eines Genres zu, besonders in Bezug auf seine Konventionalität.
Zusammenfassung der Kapitel
Dokumentarfilm: Erläutert die theoretischen Grundlagen, die Geschichte und die Schwierigkeiten bei der Definition des Dokumentarfilms.
Dokumentarfilm und Authentizität: Analysiert den komplexen Begriff der Authentizität und wie dieser durch rhetorische und filmische Strategien erzeugt wird.
Dokumentarfilm in den Mediendispositiven Kino und Fernsehen: Untersucht die räumlichen und technischen Rahmenbedingungen von Kino und Fernsehen und deren Einfluss auf die Wirklichkeitswahrnehmung.
Filmische Darstellung der RAF: Setzt die untersuchten Filme in den Kontext der filmischen Aufarbeitung des Terrorismus in Deutschland.
Filmanalyse TODESSPIEL: Führt eine detaillierte Untersuchung der Authentisierungsstrategien im Fernsehfilm "Das Todesspiel" durch.
Filmanalyse BLACK BOX BRD: Analysiert die Strategien der Authentizität im Kinofilm "Black Box BRD" und vergleicht diese mit den Ergebnissen aus dem vorherigen Kapitel.
Schlüsselwörter
Dokumentarfilm, Authentizität, Black Box BRD, Das Todesspiel, RAF, Mediendispositiv, Re-Enactment, Zeitzeugen-Interview, Archivmaterial, Inszenierung, Dokumentarische Filmerzählung, Doku-Drama, Wirklichkeitskonstruktion, Filmtheorie, Deutsche Herbst.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Verhältnis von Dokumentarfilm und Authentizität anhand zweier prominenter Beispiele, die sich inhaltlich mit der Rote Armee Fraktion (RAF) auseinandersetzen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Definition des Dokumentarfilms, die philosophische und rhetorische Herleitung von Authentizität sowie der Einfluss technischer und räumlicher Bedingungen (Mediendispositive) auf den Zuschauer.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Dokumentarfilme durch gezielte Strategien bei den Zuschauern einen Wahrheits- und Authentizitätsanspruch erzeugen, selbst wenn die filmische Darstellung inszeniert ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Es wird eine systematische Filmanalyse angewandt, die auf der Theorie der Realitätsebenen von Eva Hohenberger und dem Konzept der Authentisierungsstrategien von Manfred Hattendorf basiert.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung der Begriffe und Dispositive sowie in die konkrete, exemplarische Filmanalyse von "Todesspiel" und "Black Box BRD".
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über die Begriffe Authentizität, Re-Enactment, Mediendispositiv, Doku-Drama und den Bezug zur historischen Realität des "Deutschen Herbstes" definieren.
Wie unterscheidet sich die Authentizitätsstrategie in "Todesspiel" von der in "Black Box BRD"?
"Todesspiel" nutzt verstärkt ein Doku-Drama-Format mit einem hohen Anteil an Re-Enactments und einer expliziten Faktenvermittlung, während "Black Box BRD" stärker auf Zeitzeugen-Interviews und atmosphärische Montage setzt.
Welche Bedeutung hat das Archivmaterial für den Wahrheitsanspruch?
Archivmaterial fungiert als "Beweis" und Authentisierungssignal. Beide Filme nutzen insbesondere die "Tagesschau" als vertraute Institution, um ihren Darstellungen einen objektiven Anstrich zu verleihen.
- Arbeit zitieren
- Ulrich Schulte (Autor:in), 2006, Das Verhältniss von Dokumentarfilm und Authentizität in dem Kinofilm 'Black Box BRD' und dem Fernsehfilm 'Das Todesspiel', München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/51549