Um Gründe zu finden, weshalb sich Dörfer für Rechtsextreme und deren Propaganda so anbieten wird in der vorliegenden Seminararbeit das Konzept der Sozialraumorientierung verwendet. Um die Verwendung dieser Vorgehensweise zu begründen, wird in den nächsten Sätzen eine theoretische Auseinandersetzung folgen. Dies geschieht nur oberflächlich in der Einleitung, soll aber die Grundlage für eine tiefgründige Auseinandersetzung in der folgenden Arbeit sein. Das Konzept der Sozialraumorientierung befasst sich in erster Linie mit den sozialräumlichen und sozialstrukturellen Gegebenheiten und Ressourcen eines eingegrenzten Bereichs und in dem Bezug die Teilhabemöglichkeit eines Menschen.
In dieser Arbeit wird aber kein einzelnes Dorf beleuchtet, sondern die allgemeinen sozialräumlichen Grundlagen der ländlichen Gegend. Im zweiten Teil dieser Seminararbeit wird darauf weiterführend eingegangen. Bevor der ländliche Sozialraum erläutert wird, ist ein Definitionsversuch von Rechtsextremismus erforderlich, um ein einheitliches Verständnis zu gewährleisten. Rechtsextreme können unverändert an die oftmals unterschätzten oder verharmlosten rechtsextremen Einstellungen der Normalbevölkerung anknüpfen, was scheinbar in ländlichen Gegenden besonders gut funktioniert. Deswegen wird der Hauptteil dieser Arbeit die Schnittstellen von Rechtsextremismus und Dorf beleuchten, um den Grund für die rechtsradikale Ausprägung in Dörfern zu finden.
Mit Hilfe der Raumgewinnungsstrategien wird außerdem eine Antwortmöglichkeit auf die Frage, wieso rechtsextreme Strategien in ländlichen Regionen besonders gut anknüpfen können, gefunden. Wie genau sich die rechtsextremformierten Räume bilden wird im letzten Teil der Arbeit beschrieben. Zusammenfassend wird ein Fazit zur Thematik und Antworten auf die gestellten Fragen formuliert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rechtsextremismus – eine Begriffsannäherung
3. Die ländlichen Räume
3.1. Sozialraum Dorf
3.2 Strukturmerkmale des ländlichen Sozialraums
4. Schnittstellen zwischen Rechtsextremismus und der ländlichen Sozialräume
4.1 Rechtspopulistische Wahlerfolge in ländlichen Räumen
4.2 Was macht ländliche Räume besonders anfällig?
4.3 Mein Nachbar „der Nazi“ (und die rechtsextremen Strategien)
5. Raumgewinne
5.1 Raumgewinne im ländlichen Raum – oder schon verlorene Landstriche
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Gründe für die Attraktivität des ländlichen Sozialraums für rechtsextreme Strategien und analysiert, wie durch soziale Nähe und informelle Netzwerke Akzeptanz für rechtes Gedankengut geschaffen wird.
- Sozialraumorientierung im ländlichen Kontext
- Strukturmerkmale und das "soziale Kapital" des Dorfes
- Anknüpfungspunkte für rechtsextreme Ideologien
- Unterwanderungsstrategien der organisierten rechten Szene
- Dynamik der Raumgewinne und Normalisierung von Rechtsextremismus
Auszug aus dem Buch
4.3 Mein Nachbar „der Nazi“ (und die rechtsextremen Strategien)
Die ausgeprägte soziale Nähe, welche das Dorf als Sozialraum prägt, wird von Rechtsextremen als Strategie genutzt. Die Unterstützung innerhalb eines Ortes stabilisiert die soziale Kontrolle. Nachbarschaftshilfen wie Kinderbetreuung, Versorgung der älteren Menschen oder Aufbau einer („sinnvollen“) Kinder- und Jugendarbeit lassen Kontakte entstehen, welche sich zu einem dichten Netzwerk entwickeln. „Statt eine geschlossene Szene zu bilden, die sich nach außen abschottet, soll es nach dem Vorbild von Bürgerinitiativen und Kinderläden gelingen, sich der Bevölkerung zu öffnen.“ (Bundschuh 2004, S. 13)
Auf diesen Weg entstehen zahlreiche Einflussbereiche, die eine rechtsextreme Prägung und Machtausübung auslösen. Menschen mit rechtsextremen Einstellungen versuchen längst nicht mehr nur durch eine gewalttätige Durchsetzung Personen oder Personengruppe von rechtem Gedankengut zu überzeugen. Sie haben erkannt, dass dies auf Dauer nicht zu einer Stabilisierung dieser Werte führt. Stattdessen arbeiten sie mit einer kulturellen und sozialen Hegemonie (Dominanz), welche die Bewohner*innen der ländlichen Räume ernsthaft einbezieht und in deren Köpfen unbewusst zu einer Akzeptanz dieser rechtsextremen Strukturen führt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Beobachtung zunehmender rechter Wahlwerbung in Dörfern dar und führt das Konzept der Sozialraumorientierung ein, um die Gründe für die Anfälligkeit ländlicher Räume zu untersuchen.
2. Rechtsextremismus – eine Begriffsannäherung: Es erfolgt eine theoretische Einordnung des Rechtsextremismusbegriffs, wobei der Ansatz von Heitmeyer gewählt wird, der die Ideologie der Ungleichwertigkeit betont.
3. Die ländlichen Räume: Das Kapitel definiert den ländlichen Sozialraum und arbeitet dessen besondere Merkmale wie soziale Nähe, familiäre Strukturen und das soziale Kapital heraus.
4. Schnittstellen zwischen Rechtsextremismus und der ländlichen Sozialräume: Hier wird analysiert, warum ländliche Räume anfällig für Fremdenfeindlichkeit sind und wie Rechtsextreme sich als "lokale Kümmerer" in das dörfliche Leben integrieren.
5. Raumgewinne: Das Kapitel erläutert die Eskalationsstufen rechtsextremer Raumgewinne, von der Normalisierung über Provokation bis hin zur Machtübernahme.
6. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass die dörfliche soziale Nähe und die Abwanderung junger Menschen rechtsextremen Strategien den Boden bereiten und fordert positive Zukunftsentwürfe durch politische Akteure.
Schlüsselwörter
Rechtsextremismus, ländlicher Sozialraum, Sozialraumorientierung, soziales Kapital, Dorfgemeinschaft, Unterwanderungsstrategien, Raumgewinne, Normalisierung, Fremdenfeindlichkeit, Rechtspopulismus, Konformitätsdruck, Ideologie der Ungleichwertigkeit, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit?
Die Arbeit analysiert, warum der ländliche Sozialraum eine besonders geeignete Bühne für rechtsextreme Strategien darstellt und wie rechte Akteure dörfliche Strukturen für sich nutzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die soziologische Definition des ländlichen Raums, das Konzept des sozialen Kapitals, die Mechanismen der rechtsextremen Raumeroberung sowie die Wirksamkeit von Unterwanderungsstrategien.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, die Gründe für die Anknüpfungsfähigkeit rechtsextremer Ideologien in Dörfern zu verstehen und zu erklären, warum diese dort oft auf eine hohe Akzeptanz stoßen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit soziologischen Konzepten der Sozialraumorientierung und wertet relevante Fachliteratur sowie Studien zu rechtsextremen Raumgewinnungsstrategien aus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Schnittstellen zwischen dörflichen Strukturen und rechtsextremer Propaganda, die Rolle von "lokalen Kümmerern" und die verschiedenen Eskalationsstufen von Raumgewinnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Rechtsextremismus, ländlicher Sozialraum, soziales Kapital, Raumgewinne, Normalisierung und Unterwanderungsstrategien.
Warum spielt das "soziale Kapital" für Rechtsextreme eine Rolle?
Das soziale Kapital (Vereinswesen, gegenseitiges Vertrauen) wird von Rechtsextremen als Einfallstor genutzt, um sich als hilfsbereite Bürger zu tarnen und gesellschaftliche Akzeptanz zu gewinnen.
Welche Bedeutung hat die Abwanderung für das Dorfklima?
Die Abwanderung junger, häufig toleranterer Menschen verstärkt die Überalterung und das Gefühl von politischer Machtlosigkeit, was wiederum den Nährboden für rechtsextreme Ideologien bereitet.
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- Michéle Wohlrab (Author), 2019, Rechtsextremismus im ländlichen Sozialraum, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/514293