Wie spüren und fühlen Mädchen und junge Frauen in Entfremdungszuständen ihren Körper und wie äußern sie das? Was beendet den Zustand der Körperentfremdung? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Studienarbeit untersucht und beantwortet werden.
Selbstverletzendes Verhalten wird in zwei Hauptgruppen unterteilt. Zum einen in kulturell sanktionierte Selbstverletzung – darunter zählen Piercingformen und Tattoos - und zum anderen in deviantes selbstverletzendes Verhalten bei Menschen mit psychischen Erkrankungen, wobei das Phänomen der Depolarisation und Körperentfremdung wirken kann (vgl. Schoppmann 2003, S. 18). Dieser Arbeit wird sich auf die letzte Kategorie beschränken.
Diese Fragestellungen der Arbeit sollen dazu beitragen, das Phänomen der Körperentfremdung und der Depersonalisation aus der Perspektive der Betroffenen – die als Experten ihres Leidens verstanden werden sollten – mit besonderer Beachtung ihres Empfindens zu verstehen und zu erklären. Dafür wird zu Beginn erläutert, was Selbstverletzung ist und welche Theorien zur Entstehung dieser bestehen. Da selbstverletzendes Verhalten – wie oben erwähnt - einen engen Zusammenhang mit Entfremdungserlebnissen aufweist, wird der Schwerpunkt der Arbeit darauf gelegt und die damit verbundenen Theorien, Auslöser, Stadien und Funktionen beleuchtet, wie auch die Möglichkeiten der Rückkehr aus solchen Empfindungen beschrieben. Um die Bedeutung der Selbstverletzung für die Betroffenen allumfassend verstehen zu können, soll ein Verständnis für die einzelnen Elemente des Verletzungsprozesses entwickelt werden.
Außerdem bezieht sich das Erkenntnisinteresse dieser Studienarbeit auf das persönliche Erleben von Mädchen und jungen Frauen, weshalb aus der Perspektive der hermeneutischen Phänomenologie an das Thema herangegangen werden soll. Dafür werden möglichst viele Zitate von Betroffenen verwendet, welche mit dem hermeneutischen Zirkel vertieft werden und damit ein Verständnis für das Empfinden entwickeln und einen Zugang zu der Perspektive der betroffenen Mädchen und jungen Frauen finden – mit dem Gedanken, dass professionelles Handeln Verstehen voraus setzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Selbstverletzung - Begriffsannäherung und Bedeutung
3. Möglichkeiten zur Entstehung von selbstverletzendem Verhalten bei Mädchen und jungen Frauen
3.1 Neurobiologie des selbstverletzenden Verhaltens
4. Selbstverletzendes Verhalten und Entfremdungserlebnisse
4.1 Körperempfinden in Bezug auf Depersonalisation und Entfremdung
4.2 Auslöser für Entfremdungserleben
4.2.1 Alleinsein
4.2.2 Ausgeliefertsein an vergangene Schrecken
4.2.3 Selbsthass
5. Stadien der Entfremdung
5.1 Das Entfremdungserleben
5.1.1 Entfremdungserleben als Schutz
5.1.2 Entfremdungserleben als Qual
5.1.3 Kälte und Müdigkeit
5.1.4 Sprachlosigkeit
5.1.5 Der Druck
6. Die Rückkehr des Entfremdungserlebens
6.1 Musik
6.2 Körpergrenzen spüren
6.3 Selbstverletzendes Verhalten
7. Verstehen der Elemente von Selbstverletzenden Verhalten
7.1 Blut
7.2 Schmerz
7.3 Narben
7.4 Scham
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, das subjektive Erleben und die Gefühle von Mädchen und jungen Frauen, die sich selbst verletzen, aus der Perspektive der hermeneutischen Phänomenologie zu verstehen. Dabei wird untersucht, wie Betroffene Entfremdungszustände und Körperentfremdung wahrnehmen, äußern und welche Funktionen selbstverletzendes Verhalten in diesen Momenten übernimmt.
- Phänomenologie der Depersonalisation und Entfremdung
- Zusammenhang zwischen traumatischen Erfahrungen und Entfremdung
- Die Rolle von Selbstverletzung als Bewältigungs- und Überlebensstrategie
- Elemente des Verletzungsprozesses: Bedeutung von Blut, Schmerz, Narben und Scham
Auszug aus dem Buch
4.2.2 Ausgeliefertsein an vergangene Schrecken
Der sozialforscher Jan Philipp Reemtsma wurde vor 22 Jahren in Blankenese vor seinem Haus entführt, in einen Keller gesperrt und erlebte dort schwere Gewalt. Nach 33 Tagen, nachdem er durch 30 Millionen D-Mark Lösegeld freigelassen wurde (vgl. "Ich bin sehr für Rache, sie darf nur nicht sein", https://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/03/jan-philipp-reemtsma-gewalt-menschen-grenzen-waffen-krieg), sagte er:
„Ich kann wahrscheinlich niemandem plausibel machen, der nicht Ähnliches erlebt hat, daß das wirklich Furchtbare die absolute Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein ist. […] Wer vollständig ohnmächtig ist, ist bei lebendigem Leibe nicht mehr da.“ (Schoppmann 2003, S. 101)
Neben dem Alleinsein, kann auch das Ausgeliefert-Sein an vergangene Schrecken zu Entfremdungszuständen und damit verbunden zu Selbstverletzung führen. Für betroffene Mädchen und Frauen gibt es kaum eine Möglichkeit, dass „Hineinrutschen“ in einen früher erlebten, traumatisierenden Leidenszustand zu verhindern und damit auch dem erneuten Durchleben der qualvollen Gefühle zu entgehen. In diesem Moment ist die gesamte bedrohende Situation wieder aktiv und die Betroffenen durchleben diese erstickenden Gefühle von Angst, Verletzlichkeit, Schmerz und Ohnmacht von neuem (vgl. Eckhard und Hoffmann 1993, S. 293). Folgendes Zitat einer Patientin beschreibt diese Problematik nochmal konkret:
„Aber wenn man da rein rutscht und quasi in der Vergangenheit mit dem Gefühl dann, dann können Sie das nicht selber kontrollieren, dann sitzt nur noch die Angst da und alles. Die Angst, die Sie damals hatten und nicht ausgelebt haben, …“ (Schoppmann 2003, S. 101)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des selbstverletzenden Verhaltens bei Mädchen und jungen Frauen ein und definiert die Forschungsfrage sowie das hermeneutische Erkenntnisinteresse.
2. Selbstverletzung - Begriffsannäherung und Bedeutung: Das Kapitel bietet eine begriffliche Einordnung von Selbstverletzung und grenzt deviantes selbstverletzendes Verhalten von kulturellen Ritualen ab.
3. Möglichkeiten zur Entstehung von selbstverletzendem Verhalten bei Mädchen und jungen Frauen: Es werden Ursachen für das Verhalten beleuchtet, wobei ein besonderer Fokus auf neurobiologischen Entstehungsansätzen liegt.
4. Selbstverletzendes Verhalten und Entfremdungserlebnisse: Dieses Kapitel untersucht, wie sich Entfremdung und Depersonalisation äußern und identifiziert zentrale Auslöser wie Alleinsein, vergangene Schrecken und Selbsthass.
5. Stadien der Entfremdung: Hier werden die verschiedenen Phasen des Entfremdungserlebens und deren unterschiedliche Funktionen – von Schutz bis hin zu qualvollem Kontrollverlust – beschrieben.
6. Die Rückkehr des Entfremdungserlebens: Es werden Bewältigungsstrategien wie Musik, Sport und Selbstverletzung thematisiert, die Betroffene einsetzen, um aus Entfremdungszuständen in die Realität zurückzukehren.
7. Verstehen der Elemente von Selbstverletzenden Verhalten: Dieses Kapitel analysiert die tiefere symbolische und funktionale Bedeutung der Elemente Blut, Schmerz, Narben und Scham im Kontext der Selbstverletzung.
8. Fazit: Das Fazit fasst die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und reflektiert die Anwendung der hermeneutischen Methode auf die Fragestellungen der Arbeit.
Schlüsselwörter
Selbstverletzendes Verhalten, Depersonalisation, Körperentfremdung, Hermeneutische Phänomenologie, Trauma, Affektregulation, Trance, Alleinsein, Selbsthass, Körperbild, Schmerz, Narben, Scham, Bewältigungsstrategien, Mädchen und junge Frauen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem hermeneutischen Verstehen von selbstverletzendem Verhalten bei Mädchen und jungen Frauen, wobei der Schwerpunkt auf den Phänomenen der Depersonalisation und Körperentfremdung liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen die Entstehung von selbstverletzendem Verhalten, das Erleben von Entfremdung als Schutz oder Qual, sowie die Bedeutung spezifischer Elemente wie Blut, Schmerz, Narben und Scham für die Betroffenen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das subjektive Erleben und die Gefühle von Mädchen und jungen Frauen, die sich selbst verletzen, aus deren Perspektive nachvollziehbar zu machen, um ein besseres Verständnis für professionelles Handeln zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt den Ansatz der hermeneutischen Phänomenologie und arbeitet mit dem hermeneutischen Zirkel, um Zitate von Betroffenen tiefgründig zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Erläuterungen zur Entstehung von Selbstverletzung, eine tiefgehende Analyse von Entfremdungserlebnissen und deren Stadien sowie die Untersuchung der konkreten Bewältigungsmittel und Elemente der Selbstverletzung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Selbstverletzendes Verhalten, Depersonalisation, Körperentfremdung, Trauma und Bewältigungsstrategien charakterisiert.
Warum empfinden Betroffene ihr Verhalten oft als "Fürsorge"?
In einem Entfremdungszustand, in dem sich der Körper als "tot" oder fremd anfühlt, dient die Selbstverletzung als effektives Mittel, um durch physischen Schmerz wieder ein Gefühl des Existierens zu erlangen und in die reale Wirklichkeit zurückzukehren.
Welche Rolle spielen Narben im sozialen Kontext der Betroffenen?
Narben haben eine zweifache Bedeutung: Einerseits werden sie oft aus Scham versteckt, um Ausgrenzung oder Stigmatisierung zu vermeiden; andererseits können sie von Betroffenen als sichtbares "Zeugnis der Vergangenheit" und Symbol für überlebte Kämpfe stolz getragen werden.
- Arbeit zitieren
- Michéle Wohlrab (Autor:in), 2018, Hermeneutisches Verstehen von selbstverletzendem Verhalten bei Mädchen und jungen Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/514292