Nach einem kurzen Überblick über die Geschlechterdarstellungen und Rollenentwicklung in der Literaturwissenschaft, soll in der vorliegenden Arbeit die Frauenrolle in "Die Marquise von O…" mithilfe von erzähltheoretischen Aspekten nach Martínez und Scheffel herausgearbeitet und analysiert werden. Dabei soll sich diese Arbeit vor allem auf die Rolle der Marquise und der Obristin konzentrieren und aufzeigen, ob man in "Die Marquise von O…" von einem einzigen Frauenbild sprechen kann, oder ob sich das Frauenbild innerhalb der Erzählung verändert und entwickelt. Zuletzt soll ein kurz gehaltener Vergleich zwischen dem gängigen Frauenbild um 1800 und dem Frauenbild in "Die Marquise von O…" einen groben Überblick darüber geben, ob Kleists Frauenbild in der Tat als fortschrittlich angesehen werden kann. Ein Fazit wird diese Arbeit abschließen.
In der heutigen Zeit der sozialen Medien ist Selbstdarstellung ein unfassbar großes Thema. Obwohl Thematiken wie Gender, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Frau häufiger und lauter den je angesprochen werden, zeigen mehrere repräsentative Studien zur Geschlechterdarstellung in den sozialen Medien, dass sich vor allem junge Frauen und Mädchen an veraltet scheinenden Rollenbildern orientieren. Die erfolgreichsten weiblichen YouTube-Kanäle präsentieren hierbei vor allem Hobbys wie Kochen, Schminken oder Basteln, wohingegen Männer auf ihren Kanälen eine deutliche Vielfalt an Themen wie Musik, Computerspiele und Unterhaltung bis hin zu Politik ansprechen. Auch in Musikvideos werden Frauen noch immer zu großen Teilen sexualisiert und passiv inszeniert; dass der Anteil an Sängerinnen in den Charts seit Jahren nur bei knapp einem Drittel liegt, wird von Jugendlichen jedoch nicht wahrgenommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschlechterrollen und ihre Entwicklung in der Literatur
2.1. Geschlechtwerdung, Geschlechteridentität und geschlechtliches Handeln
2.2. Wandlung der Geschlechteridentität in der kulturellen Geschichte um 1800
2.3. Produktions- und Rezeptionsbedingungen
3. Die Frauenbilder in „Die Marquise von O…“
3.1. Thematik in „Die Marquise von O…“
3.2. Die Marquise von O… und die Obristin
4. Das Frauenbild um 1800
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Frauenbild in Heinrich von Kleists Novelle „Die Marquise von O…“ vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Rollenbilder um 1800. Ziel ist es, mithilfe erzähltheoretischer Aspekte aufzuzeigen, ob die weiblichen Hauptfiguren ein einheitliches Frauenbild verkörpern oder ob sie eine dynamische Entwicklung durchlaufen, die über konventionelle Rollenerwartungen hinausgeht.
- Konstruktion von Geschlechterrollen und -identitäten um 1800
- Erzähltheoretische Analyse der Frauenfiguren Marquise von O… und Obristin
- Ambivalenz zwischen weiblicher Tugendhaftigkeit und gesellschaftlichem Skandal
- Bruch mit patriarchalischen Strukturen und Ansätze zur Emanzipation
- Vergleich der literarischen Darstellung mit historischen Frauenbildern
Auszug aus dem Buch
Die Marquise von O… und die Obristin
An dieser Stelle werden bereits einige mögliche Frauenbilder dargestellt: Das Bild der Frau wird nicht genau definiert, dem Leser und der Leserin ist es sich selbst überlassen, über die positiven und negativen Charaktereigenschaften der Marquise von O… zu entscheiden. Auf der einen Seite wird die Marquise von O. wie häufig um 1800 als positiv konnotierte pädagogische Instanz beschrieben, da sie ihre Kinder wohl erzogen zu haben scheint und ihre Eltern pflegt. Diese Verhaltensweisen, die als stereotypisch weiblich angesehen werden können, stechen durch die summarische Erzählung heraus, da sie so wichtig zu sein scheinen, dass sie eine der wenigen Aufgaben und Charakterzüge der Marquise von O… sind, die in der berichtsähnlichen Textstelle genannt werden. Auf der anderen Seite wird sie jedoch als eine Frau beschrieben, die verwitwet ein Kind von einem ihr nicht bekannten Mann erwartet und durch die Zeitungsannonce „einen so sonderbaren, den Spott der Welt reizenden Schritt“ in die Öffentlichkeit wagt.
Durch die Veröffentlichung des Skandals wird des Weiteren auch das Frauenverständnis, die Familie als oberste Priorität anzusehen, negativ markiert. Auch, wenn die Marquise von O… gewillt ist, den Mann zu heiraten („[…] und daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebähren würde, sich melden solle; und daß sie, aus Familien-Rücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.“), so gefährdet sie mit der Zeitungsannonce den Ruf ihrer Familie und verstößt somit gegen die ihr als wichtig erscheinende Familienrücksicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Relevanz von Geschlechterrollen in sozialen Medien und Literatur, um die Forschungsfrage zur Analyse des Frauenbildes in Kleists Novelle abzuleiten.
2. Geschlechterrollen und ihre Entwicklung in der Literatur: Dieses Kapitel erläutert theoretische Ansätze der Gender Studies, insbesondere die Konstruktion von Geschlecht und die gesellschaftlichen Veränderungen um 1800.
3. Die Frauenbilder in „Die Marquise von O…“: Hier erfolgt die literaturwissenschaftliche Analyse der Frauenfiguren in der Novelle unter besonderer Berücksichtigung erzähltheoretischer Aspekte.
4. Das Frauenbild um 1800: Dieses Kapitel stellt das historische Frauenbild der Zeit, geprägt durch den Wandel von der Standesgesellschaft zum Geschlechtscharakter, dem in der Novelle gezeichneten Bild gegenüber.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Novelle kein einheitliches Frauenbild präsentiert, sondern eine ambivalente Entwicklung der Figuren aufzeigt.
Schlüsselwörter
Frauenbild, Heinrich von Kleist, Die Marquise von O…, Geschlechterrollen, Gender Studies, Literatur um 1800, Emanzipation, Erzähltheorie, Ambivalenz, patriarchale Ordnung, Identität, Moralinstanz, Sozialgeschichte, Weiblichkeit, Rollenentwicklung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Frauenbildern in Heinrich von Kleists Novelle „Die Marquise von O…“ und untersucht, inwiefern diese mit den gesellschaftlichen Rollenerwartungen um 1800 korrespondieren oder diese brechen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören die Entwicklung der Geschlechteridentität, der Einfluss von patriarchalen Strukturen auf das weibliche Handeln sowie die literarische Konstruktion von Frauenfiguren in der Zeit um 1800.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass in der Novelle kein statisches, sondern ein sich wandelndes, ambivalentes Frauenbild existiert, welches durch die erzählerische Gestaltung unterstrichen wird.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Die Arbeit nutzt Ansätze aus den Gender Studies sowie erzähltheoretische Methoden nach Martínez und Scheffel, um die Figurenkonstellationen und narrativen Strategien zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Geschlechterrollen und eine detaillierte Analyse der Figuren Marquise von O… und Obristin sowie deren Entwicklung innerhalb der Erzählung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Besonders prägend sind die Begriffe „Geschlechterrollen“, „Ambivalenz“, „Emanzipation“ und die Analyse von Kleists Novelle als Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche um 1800.
Wie verändert sich das Bild der Marquise von O… im Verlauf der Novelle?
Sie wandelt sich von einer zu Beginn hilflosen, ohnmächtigen Frau hin zu einer selbstbewussten Person, die durch ihren Entschluss, trotz gesellschaftlicher Konventionen für ihre Kinder einzustehen, Ansätze von Emanzipation zeigt.
Welche Rolle spielt die Obristin im Kontext der Analyse?
Die Obristin fungiert als ergänzendes Fallbeispiel für eine Entwicklung aus einer bestehenden „Ohnmacht“, da sie sich trotz ihrer Unterordnung gegenüber ihrem Ehemann in entscheidenden Situationen widersetzt, um das Wohl ihrer Tochter zu schützen.
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- Anonym (Autor:in), 2019, Eine Analyse der Frauenbilder in Kleists "Die Marquise von O…", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/512971