Diese Arbeit untersucht das Bildnis eines Mannes mit Pfeilen im Körper von Bernardino Luini unter der Fragestellung, ob es einem eher sakralen oder profanen Zweck dient. Das Spiel zwischen profaner und sakraler Kunst ist in der Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts ein in der italienischen Renaissance verbreitetes Phänomen. Die Künstler des Cinquecento verleihen ihrer Kreativität Ausdruck, indem sie sakrale Bildsujets mit scheinbar profanen, erotisierenden Bildelementen vermischen. Diesem Kuriosum folgt auch ein Schüler Leonardo Da Vincis namens Bernardino Luini, der jenem Spiel mit seinem Gemälde eines Mannes mit Pfeilen im Körper zu Beginn des 16. Jahrhunderts Ausdruck verleiht. In der folgenden Arbeit soll demnach untersucht werden, inwiefern jenes Gemälde einem sakralen oder aber eher profanen Zweck dient. Hierzu ist es notwendig, das Werk, welches zuerst Leonardo Da Vinci zugeschrieben wurde, genauer zu durchleuchten und das Wechselspiel zwischen christlicher Thematik und erotischer Erscheinungsform unter Einbeziehung des zu jener Zeit gängigen Liebesdiskurses darzulegen.
In der Forschung wird Luinis Gemälde eines Mannes mit Pfeilen im Körper als Heiliger Sebastian tituliert. Diese Feststellung gilt es jedoch im Folgenden genauer zu durchleuchten: Der Sage nach war Sebastian ein Offizier in der Leibgarde des Kaisers Diokletian in Mailand. Durch sein Bekenntnis zum Christentum am kaiserlichen Hof ließ ihn der Kaiser an einen Pfahl binden und mit Pfeilen beschießen, bis er tot zu sein schien. Von der Witwe Irene gesund gepflegt, ging Sebastian wiederum zum Kaiser und bekannte sich erneut zum Christentum, woraufhin ihn dieser mit Knüppeln erschlagen ließ.
Inhaltsverzeichnis
1 Luinis Heiliger Sebastian – ein sakrales oder profanes Werk?
2 Das Spiel zwischen Profaner und Sakraler Kunst
2.1 Beschreibung des Bildes
2.2 Der Mann in Luinis Gemälde – der Heilige Sebastian?
2.3 Das Martyrium der Liebe
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gemälde "Bildnis eines Mannes mit Pfeilen im Körper" von Bernardino Luini und analysiert, ob es sich dabei um ein rein sakrales Werk in der Tradition der Heiligen-Ikonographie oder um eine bewusste, profane Darstellung eines "Liebesmartyriums" handelt, die den zeitgenössischen Liebesdiskurs der Renaissance widerspiegelt.
- Ikonographische Analyse der Attribute (Pfeile, Fesseln, Pflanzen)
- Vergleich zwischen christlicher Heiligenlegende und profaner Liebeslyrik
- Untersuchung des Wechselspiels von sakraler und erotischer Bildsprache
- Deutung der inschriftlichen Botschaft als Schlüssel zur profanen Lesart
- Identifikation der dargestellten Person im Kontext zeitgenössischer Porträtkultur
Auszug aus dem Buch
2.1 Beschreibung des Bildes
Ein ausschließlich mit einem Lendenschutz bekleideter älterer, bärtiger Mann, ist an einen Baumstumpf gefesselt. Hinter ihm befindet sich ein dichter Wald, der die helle Haut seines Körpers in den Mittelpunkt des Betrachters lenkt. Seine, von idealer Schönheit geprägte Gestalt, befindet sich im Zentrum des Bildes. Er wurde mit gefiederten Pfeilen beschossen, welche noch in seinem Oberkörper stecken. Ein Pfeil befindet sich mittig in seiner Brustgegend. Ein zweiter steckt seitlich unterhalb seiner linken Brust. Durch einen dritten wurde er dagegen oberhalb seiner rechten Leiste getroffen. Dieser verweist durch seine waagerechte Position auf seine Leistengegend. Aus seinen Wunden rinnen wenige, kaum bemerkbare Blutstropfen. Die Fesseln, mit denen er an den Baumstumpf gebunden ist, umschlingen lediglich seinen rechten und linken Arm, wobei diese die Gestik seiner Arme zu unterstützen scheinen. Mit seiner linken Hand, welche sich etwa in Höhe seines Bauchnabels befindet verweist er durch den Zeigefinger auf den Pfeil, der in seinem Brustbereich steckt. Sein rechter Arm erstreckt sich gebeugt über seinen Kopf, wobei er mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf eine Tafel deutet,
welche, vom Betrachter aus gesehen, oben rechts platziert ist. Diese trägt die Inschrift: „QVAM LIBENS – OB TVI AMOREM – DVLCES IACVLOS – PATIAR MEMENTO“, was so viel bedeutet wie: „Gedenke, wie gerne ich um deiner Liebe willen die süßen Pfeile ertrage“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Luinis Heiliger Sebastian – ein sakrales oder profanes Werk?: Das Kapitel führt in das Phänomen der Verschmelzung sakraler und profaner Bildelemente in der Renaissance ein und formuliert die zentrale Fragestellung der Untersuchung.
2 Das Spiel zwischen Profaner und Sakraler Kunst: Hier erfolgt eine detaillierte ikonographische Bildbeschreibung sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Identität des Dargestellten als Heiliger Sebastian und der Verknüpfung des Werks mit der zeitgenössischen Liebeslyrik.
3 Fazit: Die abschließende Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass Luini bewusst eine profane Bedeutungsebene wählte, wobei das Bild als "Martyrium der Liebe" und nicht als klassisches Heiligenbildnis zu deuten ist.
Schlüsselwörter
Bernardino Luini, Heiliger Sebastian, Renaissance, Ikonographie, Liebesmartyrium, Profane Kunst, Sakrale Kunst, Ambige Darstellungsform, Liebesdiskurs, Cinquecento, Bildanalyse, Alessandro Bentivoglio, Erotisierung, Pfeilmotiv, Catena d’amore
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Gemälde von Bernardino Luini, das traditionell als Heiliger Sebastian bezeichnet wird, hinsichtlich seines tatsächlichen, möglicherweise profanen Sinngehalts.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit verbindet kunsthistorische Bildanalyse mit literaturgeschichtlichen Aspekten, insbesondere dem Liebesdiskurs und der Ikonographie der frühen Neuzeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, dass das Werk trotz seiner Anlehnung an christliche Märtyrer-Attribute als profane Allegorie eines Liebesleidens interpretiert werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine vergleichende ikonographische Methode, bei der das Werk mit anderen zeitgenössischen Darstellungen und Quellen in Bezug gesetzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine visuelle Beschreibung, eine Identifikationsprüfung der dargestellten Person sowie die Interpretation der "Martyrium der Liebe"-Ikonographie unter Einbeziehung von Symbolen wie Zitronen, Akeleien und der Inschrift.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ikonographie, Ambivalenz, Liebesmartyrium, Renaissance-Kunst und erotische Bildwirkung definieren.
Warum wird die Bezeichnung "Heiliger Sebastian" in der Arbeit in Frage gestellt?
Die Autorin weist darauf hin, dass wesentliche christliche Merkmale fehlen und die Darstellung stattdessen durch die Inschrift und spezielle Symbole stark auf eine profane Liebesbotschaft hindeutet.
Welche Rolle spielt die Inschrift auf der Tafel für die Interpretation?
Die Inschrift ("Gedenke, wie gerne ich um deiner Liebe willen die süßen Pfeile ertrage") ist für die Autorin der entscheidende Hinweis, dass es sich um ein bewusst inszeniertes Liebesgeständnis handelt.
- Arbeit zitieren
- Victoria Landmann (Autor:in), 2014, Bernardino Luinis Bildnis eines Mannes mit Pfeilen im Körper. Der Liebende oder der Heilige Sebastian?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/511814