Als Deutschland mit dem Bau der Bagdadbahn begann, drang es in eine Region ein, die von England, Frankreich und Russland bereits in Interessenssphären aufgeteilt worden war. Russland versuchte die beiden Meerengen, den Bosporus und die Dardanellen, in seinen Einflussbereich einzugliedern, um einen Zugang zum Mittelmeer zu erhalten. Gleichzeitig war es an einem Vorstoß zum Persischen Golf interessiert. Frankreich hatte in erster Linie wirtschaftliche Interessen und machte seinen Einfluss u. a. durch zahlreiche Missionsschulen und kleinere Eisenbahnprojekte im heutigen Libanon, Syrien und Palästina geltend. England befürchtete durch den deutschen Vorstoß den kürzesten Weg nach Indien und China, des Weiteren seine wirtschaftliche Position in Ägypten und Persien zu verlieren.
Das deutsche Engagement im Vorderen Orient erlangte allerdings erst in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts eine erwähnungswürdige Gewichtung. Die Außenpolitik Bismarcks sah eine umfangreichere Nahostpolitik nicht vor, was dieser immer wieder betonte, weltberühmt seine Formulierung, dass der Orient nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers wert sei, und das deutsche Wirken beschränkte sich zunächst auf Militärhilfe und geringere Investitionen. Vielmehr setzte Bismarck auf die bestehenden Gegensätze zwischen Frankreich, Russland und Britannien, um sie sich zunutze zu machen. Nach der Ära Bismarck demonstrierte Wilhelm II., „in dessen Person sich sowohl das religiöse, biblisch – archäologische und wissenschaftliche Interesse seiner Zeit am Heiligen Land als auch die Morgenlandsehnsüchte und alldeutsche Nahostträumereien wie in einem Brennspiegel sammelten, während seiner zweiten Orientreise 1898 auf provokante Art und Weise, die Bestrebung der Deutschen, bei dem Ringen der anderen Großmächte Frankreich, Großbritannien und Russland um den „kranken Mann am Bosporus“ kräftig mitzumischen. Die wirtschaftlichen Projekte des Reiches, wie sie Bismarck zunächst eingeschränkt vorsah, bekamen eine deutlich politische Note, was der Kaiser auch bewusst provozierte. War 1888 der Zuschlag für die türkische Bahnstrecke Konstantinopel – Ankara von den ausländischen Rivalen zumindest größtenteils relativ gelassen aufgenommen worden, so stieß das breitbeinige Auftreten Wilhelms auf weniger Gegenliebe.
Inhaltsverzeichnis
1. Enleitung
2. Die Anfänge im Orient
2.1 Der Hilferuf des Sultans
2.2 Bismarck und das deutsche Desinteresse am Orient
2.3 Die Eisenbahnkonzession
2.4 Ein Wandel in Bismarcks Orientpolitik?
3. Die Jahre 1890 – 1898
3.1 Der neue Kurs unter Wilhelm II.
3.2 Die Orientreise Wilhelms II. im Jahre 1898
4. Die Bagdadbahn
4.1 Ein deutsch – russisch – französisches Unternehmen?
4.2 Von der englischen Zustimmung bis zur Gegnerschaft 1898–1903
4.3 Der deutsche „Alleingang“ bis 1911
5. Fazit
6. Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht den außenpolitischen Wandel Deutschlands in der Orientpolitik zwischen 1888 und 1911. Im Fokus steht dabei die Frage, wie sich die deutsche Strategie von der Bismarckschen Zurückhaltung hin zu einer offensiven Weltpolitik unter Wilhelm II. entwickelte und welche Rolle das prestigeträchtige Projekt der Bagdadbahn in der zunehmenden diplomatischen Isolation des Deutschen Reiches spielte.
- Analyse der Orientpolitik unter Bismarck vs. Wilhelm II.
- Bedeutung der Bagdadbahn als wirtschaftliches und politisches Instrument
- Reaktionen der europäischen Großmächte (England, Frankreich, Russland)
- Diplomatische Spannungsfelder und Ursachen der Isolation des Reiches
- Entwicklung hin zur Blockbildung vor dem Ersten Weltkrieg
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Orientreise Wilhelms II. im Jahre 1898.
Vom 13. Oktober bis zum 24. November des Jahres 1898 trat Kaiser Wilhelm II. seine zweite Orientreise an, die ihn via Konstantinopel nach Jerusalem, Damaskus und Beirut bringen sollte. Die Reise hatte mit Sicherheit einen stark wirtschaftlich geprägten Hintergrund und der Kaiser bemühte sich, die Interessen der deutschen Wirtschaft effizient zu vertreten, so dass Wilhelm II. auch scherzhaft als Handlungsreisender bezeichnet wurde.40 Im Mittelpunkt stand sicherlich der Ausbau der Bagdadbahn über Bagdad bis nach Basra an den Persischen Golf und dessen Zuschlag für deutsche Firmen sowie die Aufrüstung der türkischen Armee durch deutsche Rüstungsschmieden. Der Zeitpunkt schien geschickt gewählt. Die Briten richteten zu dieser Zeit ihr Hauptaugenmerk auf Südafrika, wo sie von den Buren heftig bedrängt wurden, und auch auf den Sudan, wo im Faschoda – Konflikt Differenzen mit Frankreich aufgetreten waren. Die Reise wurde zu Beginn nicht mit derselben Aufmerksamkeit verfolgt, wie das wahrscheinlich zu friedlicheren Zeiten der Fall gewesen wäre.
Im Jahre 1898 standen Frankreich und Russland kurz vor einem Krieg mit England, denn auch der russische – englische Streit um Gebiete in Asien hatte sich verstärkt und war nicht weit entfernt von einer Eskalation. Auf Druck Russlands sahen sich die Franzosen gezwungen im Sudan nachzugeben. Bemüht, ein Bündnis gegen England zu schmieden und die Deutschen mit einzubeziehen, setzte man auf Annäherung und Aussöhnung mit Berlin. Die Engländer ihrerseits blieben nicht untätig und waren daran interessiert das Deutsche Reich für ihre Pläne zu gewinnen.41 So war der Kaiser, kaum dass er den Vorderen Orient betreten hatte, in den Mittelpunkt des internationalen Interesses gerückt. Nicht nur die zahlreichen internationalen Pressevertreter bestätigten dies, sondern eben auch das Buhlen der Franzosen und Engländer um die Gunst des deutschen Kaisers.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Enleitung: Die Einleitung skizziert die Ausgangslage im Vorderen Orient, die durch die Interessensphären der Großmächte England, Frankreich und Russland geprägt war, und definiert das Ziel der Arbeit, den Wandel der deutschen Nahostpolitik zu untersuchen.
2. Die Anfänge im Orient: Dieses Kapitel behandelt die Zeit von 1880 bis 1888, in der das deutsche Engagement zunächst durch militärische Unterstützung und erste wirtschaftliche Aktivitäten, aber unter Wahrung einer Bismarckschen Zurückhaltung, eingeleitet wurde.
3. Die Jahre 1890 – 1898: Hier wird der Kurswechsel unter Wilhelm II. beleuchtet, der durch eine offensivere Politik und Provokationen der anderen Mächte die diplomatische Isolation des Reiches vorantrieb.
4. Die Bagdadbahn: Das Kapitel analysiert die Geschichte der Bagdadbahn, die von einem potenziell internationalen Kooperationsprojekt zu einem zentralen Streitpunkt der europäischen Mächte und einem "Alleingang" Deutschlands wurde.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie das Bagdadbahnprojekt und die deutsche Diplomatie maßgeblich zur Entstehung der feindlichen Blockbildung vor dem Ersten Weltkrieg beigetragen haben.
6. Bibliographie: Dieses Kapitel listet sämtliche verwendete Primär- und Sekundärliteratur zur Dokumentation der historischen Forschung auf.
Schlüsselwörter
Orientpolitik, Bagdadbahn, Wilhelm II., Bismarck, Weltpolitik, Osmanisches Reich, Deutsche Bank, Imperialismus, Entente Cordiale, Triple Entente, diplomatische Isolation, Großmächte, Naher Osten, Bündnispolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die deutsche Orientpolitik zwischen 1888 und 1911 mit einem besonderen Fokus auf die wirtschaftliche und politische Bedeutung der Bagdadbahn.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen der außenpolitische Kurswechsel vom "Desinteressement" Bismarcks zur offensiven Weltpolitik unter Wilhelm II. sowie die wechselseitigen Beziehungen und Konflikte mit England, Frankreich und Russland.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das deutsche Engagement im Orient, insbesondere das Bahnprojekt, zur diplomatischen Blockbildung und schließlich zur Isolation des Deutschen Reiches beitrug.
Welche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung primär diplomatischer Akten sowie einer umfangreichen Sekundärliteratur basiert.
Was sind die wesentlichen Inhalte des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Anfänge des Engagements, die Phase unter Wilhelm II., die detaillierte Geschichte der Bagdadbahn-Konzessionen und die Phase des deutschen "Alleingangs" bis 1911.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Orientpolitik, Bagdadbahn, imperiale Weltpolitik, diplomatischer Kurswechsel und Einkreisungspolitik.
Wie wirkte sich die Orientreise von 1898 auf die internationale Diplomatie aus?
Die Reise wurde von den europäischen Mächten als Provokation wahrgenommen; obwohl sie kurzzeitig Bündnisangebote auslöste, führte sie insgesamt zu einer weiteren Verunsicherung Englands und Frankreichs gegenüber der deutschen Politik.
Warum scheiterte die Internationalisierung der Bagdadbahn?
Die Internationalisierung scheiterte primär an der deutschen Weigerung, echte Machtbefugnisse und Mitspracherechte an die Entente-Mächte abzugeben, da Deutschland eine Vorherrschaft über das Projekt anstrebte.
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- Philipp Gaier (Author), 2005, Die Penetration pacifique des Orients. Deutsche Orientpolitik von 1888 - 1911., Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/50714