Wohl kaum ein Konflikt beschäftigt die internationale Staatengemeinschaft derart intensiv wie der Streit um das historische Gebiet Palästinas. Wie konnte es soweit kommen? Was sind die tiefliegenden Gründe dafür, dass die kleine Region im Nahen Osten nicht zur Ruhe kommt? Ist der konkrete Ursprung des mittlerweile so festgefahrenen und komplizierten Konfliktes auszumachen? Diesen Fragen möchte sich die vorliegende Arbeit widmen.
Unter dem Titel "Genese und Entwicklung des Nahostkonfliktes: Das doppelte Spiel Großbritanniens" wird der Zeitraum vom Beginn des ersten Weltkrieges bis zur Übernahme des Völkerbundsmandates für Palästina durch die Briten untersucht. Im Fokus der Betrachtung steht hierbei die besondere Rolle der britischen Nahostpolitik, welche bereits während des Zerfalls des Osmanischen Reiches damit begann, Gebiete neu zu verteilen und im Zuge dessen sowohl Arabern wie Juden Zugeständnisse machte. Dabei wurden jedoch stets primär die eigenen Interessen verfolgt und Versprechen gegenüber Partnern nicht eingehalten.
Die Frage nach einer europäischen Mitverantwortung an diesem Konflikt ist somit durchaus zulässig. Das Ziel dieses Papiers ist es deshalb zu klären, ob gerade dem Vereinigten Königreich, als zentralem Akteur während dieser Zeit, eine Mitschuld an der Genese des Nahostkonfliktes zugeschrieben werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 RELEVANZ DES NAHOSTKONFLIKTES FÜR DIE GEGENWART
1.2 AUFBAU DER ARBEIT
2 DIE AKTEURSLANDSCHAFT IM NAHEN OSTEN AM VORABEND DES ERSTEN WELTKRIEGES
2.1 DER KRANKE MANN AM BOSPORUS – DAS OSMANISCHE REICH
2.2 PALÄSTINA ZU BEGINN DES 20. JAHRHUNDERTS
2.3 DAS BRITISH EMPIRE UND SEINE NAHOSTINTERESSEN
3 DAS BRITISCHE DOPPELSPIEL: ENGLANDS NAHOSTPOLITIK IM ERSTEN WELTKRIEG
3.1 DAS VERSPRECHEN EINES ARABISCHEN NATIONALSTAATES – DIE HUSSEIN-MCMAHON-KORRESPONDENZ
3.2 DIE AUFTEILUNG DES NAHEN OSTENS NACH EUROPÄISCHEN INTERESSEN - DAS SYKES-PICOT-ABKOMMEN
3.3 DIE ERRICHTUNG EINER NATIONALEN HEIMSTÄTTE FÜR DAS JÜDISCHE VOLK - DIE BALFOUR-DEKLARATION
4 DER WEG ZUM VÖLKERBUNDSMANDAT ÜBER PALÄSTINA
5 FAZIT
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Britischen Empires bei der Genese des Nahostkonflikts im Zeitraum zwischen dem Beginn des Ersten Weltkriegs und der Übernahme des Völkerbundsmandats für Palästina. Dabei wird insbesondere analysiert, wie Großbritannien durch widersprüchliche Versprechen an verschiedene Akteure sowie eine opportunistische Interessenpolitik maßgeblich zur Destabilisierung der Region und der künstlichen Grenzziehung nach 1918 beitrug.
- Analyse der geopolitischen Akteurslandschaft am Vorabend des Ersten Weltkriegs.
- Untersuchung der Hussein-McMahon-Korrespondenz und arabischer Hoffnungen auf einen Nationalstaat.
- Bewertung des Sykes-Picot-Abkommens und der europäischen Aufteilung des Nahen Ostens.
- Diskussion der Balfour-Deklaration und der zionistischen Bestrebungen.
- Evaluation der britischen Mitschuld an der Entstehung des Nahostkonflikts.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Versprechen eines arabischen Nationalstaates – Die Hussein-McMahon-Korrespondenz
Kurz nach Beginn des ersten Weltkrieges sah sich Großbritannien im Nahen Osten unerwartet einer Notlage gegenüber. Der „kranke Mann am Bosporus“ war, auch dank deutscher Militärhilfe in Form von Waffen, Ausrüstung und Personal, deutlich wehrhafter als von den Briten zunächst angenommen. So gelang es den osmanischen Truppen über die Sinai-Halbinsel bis an die Ufer des Suezkanals vorzudringen und somit die englische „Lebenslinie“, den Weg zur indischen Kolonie, ernsthaft zu gefährden. Die Engländer suchten daher nach Verbündeten im Kampf gegen die „Hohe Pforte“ – und fanden sie in den arabischen Nationalisten um den Scherifen Hussein ibn Ali.
Als Oberhaupt der Familie der Haschemiten, „die ihre Ahnenreihe bis in die Zeit des Propheten Mohammed“ zurückverfolgte, hatte der „Wächter der Heiligen Stätten“ in Mekka und Medina den Traum eines Großarabischen Reiches. Unter seiner Herrschaft als König sollten alle Araber in einem Staat leben, der nach seiner Auffassung nicht nur die Arabische Halbinsel, sondern auch die heutigen Gebiete des Iraks, Syriens, des Libanons und Palästinas miteinschloss.
Zwar waren die Osmanen ebenso wie die Araber mehrheitlich muslimischen Glaubens, jedoch empfanden viele Araber ihre Präsenz als Fremdherrschaft. Diesen Umstand nutzten die Briten und traten 1915 durch Sir Henry McMahon, den britischen Hochkommissar in Ägypten, in Kontakt zum Scherifen. Mit dem Briefwechsel zwischen Kairo und Mekka verfolgten die Engländer das konkrete Ziel, die Araber zu einem Aufstand gegen die osmanische Herrschaft in den Gebieten des Nahen Ostens zu bewegen. Dazu schrieb McMahon am 24. Oktober 1915 in einem Brief an den Scherifen die berühmt gewordene Passage:
„[…] Abgesehen von den genannten Änderungsvorschlägen ist Großbritannien bereit, die Unabhängigkeit der Araber in allen vom Scherifen von Mekka geforderten Gebieten anzuerkennen und zu unterstützen. Ich bin davon überzeugt, daß [sic.] diese Erklärung Sie zweifellos von der Sympathie überzeugt, die Großbritannien ihren arabischen Freunden entgegenbringt. […]“
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Diese Einleitung führt in die anhaltende Relevanz des Nahostkonflikts ein und definiert die zentrale Forschungsfrage nach der Mitschuld Großbritanniens an dessen Entstehung.
2 DIE AKTEURSLANDSCHAFT IM NAHEN OSTEN AM VORABEND DES ERSTEN WELTKRIEGES: Das Kapitel beschreibt den Niedergang des Osmanischen Reiches, die demografische Entwicklung in Palästina und die strategischen Interessen des Britischen Empires.
3 DAS BRITISCHE DOPPELSPIEL: ENGLANDS NAHOSTPOLITIK IM ERSTEN WELTKRIEG: Hier werden die widersprüchlichen diplomatischen Zusagen Großbritanniens gegenüber Arabern, Franzosen und Zionisten detailliert analysiert.
4 DER WEG ZUM VÖLKERBUNDSMANDAT ÜBER PALÄSTINA: Das Kapitel beleuchtet den Übergang von der militärischen Eroberung zur politischen Mandatsverwaltung und die zunehmenden Spannungen zwischen der arabischen und jüdischen Bevölkerung.
5 FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die britische Realpolitik die Weichen für einen lang anhaltenden Konflikt gestellt hat.
Schlüsselwörter
Nahostkonflikt, Großbritannien, Erster Weltkrieg, Palästina, Hussein-McMahon-Korrespondenz, Sykes-Picot-Abkommen, Balfour-Deklaration, Zionismus, Arabischer Nationalismus, Osmanisches Reich, Mandatsmacht, Geopolitik, Geschichte, Naher Osten, Britische Außenpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die diplomatischen Aktivitäten Großbritanniens im Nahen Osten während des Ersten Weltkriegs und wie diese die Genese des Nahostkonflikts beeinflussten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen die Rolle der europäischen Großmächte beim Zerfall des Osmanischen Reiches, die Ambitionen arabischer Nationalisten sowie die Anfänge des zionistischen Projekts in Palästina.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Das Ziel der Arbeit ist es zu klären, ob und in welchem Maße Großbritannien durch sein diplomatisches "Doppelspiel" eine direkte Mitschuld an der Entstehung des Nahostkonflikts trägt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin oder der Autor nutzt eine historische Analyse, die sich primär auf die Auswertung zentraler Dokumente wie Korrespondenzen, geheime Abkommen und Deklarationen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Situation vor dem Krieg, die Hussein-McMahon-Korrespondenz, das Sykes-Picot-Abkommen, die Balfour-Deklaration sowie den Weg zum Völkerbundsmandat.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Naher Osten, Britisches Empire, Palästina-Konflikt, Hussein-McMahon, Sykes-Picot und Balfour-Deklaration.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von T.E. Lawrence?
Die Arbeit ordnet ihn als Kopf des arabischen Aufstands gegen die Osmanen ein, betont jedoch, dass der militärische Erfolg der Aufständischen im Vergleich zu britischen Truppenoperationen zweitrangig war.
Welche Rolle spielt die Konferenz von San Remo?
Die Konferenz von San Remo wird als entscheidendes Ereignis dargestellt, bei dem der Völkerbund das Mandat über die Region legitimierte und die von Großbritannien und Frankreich getroffene Aufteilung des Nahen Ostens besiegelte.
- Arbeit zitieren
- Yannick Böing (Autor:in), 2017, Genese und Entwicklung des Nahostkonflikts, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/504283