Dieser Essay beschäftigt sich mit dem Phänomen "Social Freezing" und der Frage danach, ob das Einfrieren der eigenen Eizellen gegen eine Entschädigung (beispielsweise durchgeführt bei Facebook) einen Karrierebooster darstellt oder letztlich weitere Probleme verursacht.
Mit Wissenschaftler*innen wie Wetterer oder Boltanski und Chiapello wird soziologisch betrachtet, weshalb dieses Phänomen vorhanden ist und wie sich arbeitssoziologisch wie genderspezifisch die Kryokonservierung zusammenstellt.
Der Text wurde durchgehend gendersensitiv geschrieben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rhetorische Modernisierung und Social Freezing
3. Kapitalismus und die Verwertung von Lebenszeit
4. Fazit und kritische Würdigung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen „Social Freezing“ als betriebliches Steuerungsinstrument im Kontext moderner Arbeitswelten. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob die finanzielle Unterstützung der Kryokonservierung durch Arbeitgeber tatsächlich eine emanzipatorische Wahlfreiheit für Frauen schafft oder primär der betrieblichen Stabilität und Kapitalverwertung dient, indem familienbedingte Ausfallzeiten minimiert werden.
- Analyse von „Social Freezing“ als Instrument der Personalpolitik
- Verbindung von feministischer Kritik und ökonomischer Verwertungslogik
- Die Rolle der „rhetorischen Modernisierung“ in der modernen Arbeitswelt
- Anwendung der Kapitalismuskritik von Boltanski und Chiapello auf moderne Konzernstrategien
- Hinterfragung der Vereinbarkeit von „Work-Life-Balance“ und Konzerninteressen
Auszug aus dem Buch
Kapitalismus und die Verwertung von Lebenszeit
Man kann mit Sicherheit erkennen, dass der Wunsch, der Karriere Vorrang zu gewähren, eine Option für die Mitarbeiterinnen ist- jedoch keinerlei Garantie mit sich bringt. Legt man den Fokus nun auf das Unternehmen, zeigt sich, dass alles gut ist, was Erfolg verspricht. Ein Modell, das der Kapitalismus nach der Wirtschaftswissenschaftlerin Ève Chiapello und dem Soziologen Luc Boltanski schon immer für sich genutzt hat. „Die Kapitalismuskritik ist so alt wie der Kapitalismus“ (Boltanski/ Chiapello, 2001: 464) selbst und habe es schon immer vollbracht, sich den Gegebenheiten anzupassen. Dies zeigt sich in ausschlaggebenden Merkmalen. Boltanski und Chiapello sprechen hier vom Kreislauf des Kapitalismus: Kapital muss investiert werden, um es danach zu vergrößern (vgl. Boltanski/ Chiapello, 2001: 461). Hier gibt sich das Einfrieren der Eizellen als gutes Beispiel. Das Unternehmen ist sich bewusst, dass Kapital nur durch die Lohnarbeit seiner Mitarbeiter*innen erwirtschaftet werden kann. Fiele eine gute Mitarbeiterin aufgrund einer Schwangerschaft für Monate oder gar Jahre aus, während sie in beruflicher Höchstform ist, könnte dies dem Unternehmen schaden und das Kapital verringern. Es wird ein neuer Anreiz geschaffen- die Kryokonservierung. Gegen eine finanzielle Aufmerksamkeit erklären sich Mitarbeiterinnen bereit, die Familienplanung vorerst aus dem Karrierealltag zu streichen. Aus einem unkalkulierbaren Risiko wird eine vorhersehbare Lösung. Zufriedene Mitarbeiter*innen produzieren effektvier und erwirtschaften das Kapital, dass soeben noch für das „Baby Cash“ investiert wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel führt in die Thematik des „Social Freezing“ bei Tech-Giganten wie Apple und Facebook ein und stellt das Dilemma zwischen Karriereambitionen und Kinderwunsch bei Frauen dar.
2. Rhetorische Modernisierung und Social Freezing: Unter Rückgriff auf Angelika Wetterer wird untersucht, wie durch rhetorische Modernisierung traditionelle Geschlechterrollen verschleiert und „Social Freezing“ als vermeintliche Lösung für Vereinbarkeitsprobleme instrumentalisiert wird.
3. Kapitalismus und die Verwertung von Lebenszeit: Dieses Kapitel analysiert das Einfrieren von Eizellen als betriebswirtschaftliche Investition, um durch Risikominimierung der Familienplanung den Kreislauf des Kapitals und die Produktivität der Arbeitnehmerinnen zu sichern.
4. Fazit und kritische Würdigung: Die abschließenden Überlegungen hinterfragen, ob die Maßnahme tatsächlich den Mitarbeiterinnen dient oder ob sie lediglich die Anforderungen an Flexibilität und Selbstoptimierung im Sinne der Unternehmensinteressen weiter verschärft.
Schlüsselwörter
Social Freezing, Kapitalismus, Feministische Kritik, Angelika Wetterer, Luc Boltanski, Ève Chiapello, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Kryokonservierung, Unternehmenskultur, Lohnarbeit, Geschlechterrollen, Karriereplanung, Arbeitswelt, Work-Life-Balance, Kapitalverwertung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Praxis des „Social Freezing“ – das Einfrieren von Eizellen – als betriebliche Strategie großer Unternehmen und hinterfragt die soziologischen und ökonomischen Implikationen für die betroffenen Arbeitnehmerinnen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Konflikt zwischen beruflicher Karriere und privater Familienplanung, die Rolle der feministischen Kritik in der modernen Gesellschaft sowie die Verwertungsmechanismen kapitalistischer Unternehmen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzudecken, ob die finanzielle Unterstützung von „Social Freezing“ durch Arbeitgeber eine echte Entlastung für Frauen darstellt oder ob sie ein Steuerungsinstrument ist, um die produktive Lebenszeit der Mitarbeiterinnen für Unternehmensziele zu maximieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine diskursanalytische Methode, indem sie aktuelle Phänomene der Personalpolitik mit soziologischen Theorien zur Kapitalismuskritik (nach Boltanski/Chiapello) und zur feministischen Krisendiagnose (nach Wetterer) verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Mechanismen der rhetorischen Modernisierung beleuchtet, die Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Gleichberechtigung diskutiert und die betriebswirtschaftliche Logik der Investition in die Kryokonservierung analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Social Freezing, Kapitalismus, Geschlechterrollen, Vereinbarkeit, Arbeitswelt, Konzernstrategie und Selbstoptimierung.
Inwiefern beeinflusst das „Baby Cash“ von Apple und Facebook die Arbeitskultur?
Die Arbeit argumentiert, dass solche Leistungen das Risiko der Familienplanung internalisieren und Mitarbeiterinnen dazu animieren, biologische Entscheidungen an den Erfordernissen der beruflichen Karriere auszurichten, um den „Kreislauf des Kapitals“ nicht zu stören.
Welche Rolle spielt die „Cité par projets“ in der Argumentation?
Dieses Konzept von Boltanski und Chiapello wird genutzt, um zu erklären, wie Flexibilität und Anpassungsfähigkeit im modernen Kapitalismus zu zentralen Werten werden, denen sich auch die Lebensplanung unterzuordnen hat, um als erfolgreich zu gelten.
- Arbeit zitieren
- Constanze Wischnewski (Autor:in), 2016, Ein Ei für den Kapitalismus. "Social Freezing" für die Liebe "Karriere", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/501949