Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie gemischte Charaktere in Lessings bürgerlichem Trauerspiel "Miss Sara Sampson" konzipiert sind und inwiefern sie zu dessen Wirkung beitragen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt somit auf der Charakterisierung und einer wirkungsbezogenen Analyse einzelner gemischter Charaktere aus Lessings Werk. Zuerst wird Lessings Bürgerliches Trauerspiel sowie sein Konzept von gemischten Charakteren vorgestellt, woraufhin dann die Figuren Sir William Sampson, Miss Sara Sampson, Mellefont und Marwood charakterisiert werden, um deren Wirkung auf Lessings Trauerspiel aufzeigen zu können. Der Fokus liegt besonders auf den Tugenden und Lastern der Figuren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lessings gemischte Charaktere und das deutsche bürgerlichen Trauerspiel
3. Konzeption und Wirkung gemischter Charaktere – Tugend oder Laster?
3.1 Miss Sara Sampson und Sir William Sampson
3.2 Mellefont
3.3 Marwood
4. Schlussfolgerung
5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärtexte
5.2 Forschungsliteratur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konzeption und Wirkung von sogenannten „gemischten Charakteren“ in Gotthold Ephraim Lessings bürgerlichem Trauerspiel „Miss Sara Sampson“. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwieweit diese Figuren durch die Vermischung von Tugenden und Lastern dazu beitragen, Mitleid und Identifikation beim Publikum zu erwecken, um das bürgerliche Trauerspiel als literarische Gattung wirkungsvoll zu etablieren.
- Die theoretische Verortung gemischter Charaktere von Aristoteles bis Lessing.
- Die Analyse der Figurenkonstellation in „Miss Sara Sampson“.
- Die Untersuchung der moralischen Entwicklung von Sara Sampson und Sir William Sampson.
- Die Charakterisierung von Mellefont und Marwood als konträre Figuren.
- Die Bedeutung der Affekterregung für die Rezeption des bürgerlichen Trauerspiels.
Auszug aus dem Buch
3.1 Miss Sara Sampson und Sir William Sampson
Tugend und Laster sind für die Charaktergestaltung in ‚Miss Sara Sampson‘ von großer Bedeutung. Nahezu jede der Figuren im Stück verhält sich in bestimmten Situationen tugendhaft, trägt aber gleichzeitig auch gewisse Laster mit sich. So auch Sara Sampson, die sich im Laufe der Handlung zu einer überaus tugendhaften Persönlichkeit entwickelt. Im Zuge dieser Entwicklung wird ihr allerdings bewusst, dass sie sich zuvor nicht immer tugendhaft verhalten hat und sieht ihren Tod somit als gerechtfertigt:
Die bewährte Tugend muss Gott der Welt lange zum Beispiele lassen, und nur die schwache Tugend, die allzu vielen Prüfungen vielleicht unterliegen würde, hebt er plötzlich aus den gefährlichen Schranken.
Schon vor Einsetzen der Handlung begeht Sara einen groben Fehler. Entgegen allen bürgerlichen Moralvorstellungen geht sie eine nicht legalisierte Liebesbeziehung mit Mellefont ein und entzieht sich der väterlichen Vormundschaft indem sie mit ihrem Geliebten flüchtet. Später jedoch wird sie von Waitwell überrascht, der ihr einen Brief des Vaters überreichen will. In der sogenannten ‚Briefszene‘ „wird dem Zuschauer Saras Tugend vorexerziert.“ Ihre Reaktion auf den Brief des Vaters ist allerdings befremdlich, denn das Bewusstsein, dass ihr Vater sie noch liebt und um Vergebung bittet, schmerzt sie mehr als der Gedanke, dass er sie verstoßen hat. Sie fühlt sich dem Vater gegenüber schuldig, so äußert sie gegenüber Waitwell:
Siehst du denn nicht, wie unendlich jeder Seufzer, den er um mich verlöre, meine Verbrechen vergrößern würde? Müsste mir nicht die Gerechtigkeit des Himmels jede seiner Tränen, die ich ihm auspresste, so anrechnen, als ob ich bei jeder derselben mein Laster und mein Undank wiederholte?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel führt in das aristotelische Theorem der gemischten Charaktere ein und erläutert dessen Bedeutung für Lessings Ziel, beim Zuschauer Mitleid durch Identifikation mit den Figuren zu erzeugen.
2. Lessings gemischte Charaktere und das deutsche bürgerlichen Trauerspiel: Es wird die historische Entwicklung des bürgerlichen Trauerspiels im 18. Jahrhundert nachgezeichnet, wobei der Fokus auf dem Übergang von höfischen Tragödien zur Darstellung bürgerlicher Lebenswirklichkeit und Empfindsamkeit liegt.
3. Konzeption und Wirkung gemischter Charaktere – Tugend oder Laster?: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die psychologische Ausgestaltung der vier Hauptfiguren und zeigt auf, wie sie als Menschen „vom gleichen Schrot und Korne“ beim Publikum wirken.
4. Schlussfolgerung: Die Arbeit fasst zusammen, dass die Figuren durch ihre moralische Ambivalenz erst als menschlich und mitleiderregend wahrgenommen werden, was den Erfolg des Trauerspiels maßgeblich begründet.
5. Literaturverzeichnis: Hier werden sämtliche für die Analyse herangezogenen Primärtexte und die wissenschaftliche Forschungsliteratur aufgelistet.
Schlüsselwörter
Gotthold Ephraim Lessing, Miss Sara Sampson, bürgerliches Trauerspiel, gemischte Charaktere, Mitleid, Tugend, Laster, Dramenanalyse, Empfindsamkeit, Aristoteles, Mellefont, Marwood, Sir William Sampson, Literaturwissenschaft, Charaktergestaltung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Charakterkonzeption in Gotthold Ephraim Lessings Trauerspiel „Miss Sara Sampson“ unter dem Aspekt der sogenannten gemischten Charaktere.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die moralische Ambivalenz der Figuren, die Entwicklung tugendhafter und lasterhafter Züge sowie die Funktion dieser Gestaltung zur Affekterregung beim Zuschauer.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Lessing durch die Konzeption nicht-idealer, menschlicher Figuren die Mitleidsfähigkeit des Publikums steigert und damit die Wirkung des bürgerlichen Trauerspiels festigt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet eine wirkungsbezogene Dramenanalyse, die Charaktergestaltung und Rezeptionsästhetik miteinander verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einbettung des Genres und eine detaillierte Einzelanalyse der Figuren Sara Sampson, Sir William Sampson, Mellefont und Marwood.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind „gemischte Charaktere“, „Mitleid“, „bürgerliches Trauerspiel“, „Tugend“ und „Laster“.
Warum spielt die „Briefszene“ im dritten Kapitel eine so wichtige Rolle für Sara Sampson?
Die Szene dient der vorexerzierten Demonstration von Saras Tugendhaftigkeit, macht aber zugleich durch ihre befremdliche Reaktion auf die Vergebung des Vaters ihre inneren Konflikte deutlich.
Inwiefern unterscheidet sich Marwood von den anderen Figuren in ihrer Entwicklung?
Während sich fast alle anderen Hauptfiguren im Laufe des Stücks zu Tugendhaftigkeit entwickeln, verweigert sich Marwood dieser Entwicklung, bleibt in ihrer moralischen Seelenlosigkeit beharrlich und fungiert somit als negativer Gegenpol.
- Arbeit zitieren
- Nina Stahlberger (Autor:in), 2017, Gemischte Charaktere in Lessings bürgerlichem Trauerspiel "Miss Sara Sampson", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/501218