Die Arbeit wirft einen Blick auf das Schaffen Thomas Manns, der seit 1894 in München lebte und Teil der Münchner Moderne war. Diese setzte neben der bekannteren Wiener Moderne Maßstäbe darin, wie Kunst in Zeiten großer Umbrüche und Neuorientierungen Ausdrucksformen erhalten könne, die den alltäglichen Erfahrungen adäquat waren. Kulturkrise galt als ein Zeichen der Zeit. Doch vielerorts wurde das freie Spiel mit den Möglichkeiten auch begrüßt und man übte sich darin, seinem Geist freien Lauf zu lassen oder aber sich am Schönen zu erfreuen.
Thomas Mann schrieb in der Zeit drei Erzählungen, die in mal kritischer mal ironischer Weise das Leben im München der Jahrhundertwende um 1900 illustrieren. In der Arbeit werden diese vorgestellt und in den Zusammenhang der gesellschaftlichen Entwicklungen gebracht. Drei Kunstkonzepte, die jeweils einen Teil eines übergeordneten Phänomens darstellen, dienen als Interpretationsschlüssel, um sich der Kultur als antwortende Sphäre auf die Gesellschaft zu nähern.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Kulturkrise und kulturelle Moderne
2. Das Konzept kommerzialisierter und ‚sensationalisierter‘ Kunst innerhalb der Erzählungen „Gladius Dei“ (1902) und „Das Wunderkind“ (1903)
2.1 Zur bildenden Kunst in „Gladius Dei“ (1902)
2.2 Zur Musik in „Das Wunderkind“ (1903)
3. Das Konzept der Kunstreligion in der Erzählung „Beim Propheten“ (1904)
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den kulturellen Wandel um 1900 in München vor dem Hintergrund einer allgemeinen Krisenwahrnehmung. Ziel ist es, anhand von drei frühen Erzählungen Thomas Manns aufzuzeigen, wie Kunst in der Moderne vermittelt wurde, welche Konzepte dabei entstanden und inwieweit diese als Reaktion auf eine als krisenhaft empfundene Zeit zu deuten sind.
- Die Analyse des Krisenbegriffs im Kontext der kulturellen Moderne um 1900.
- Die Untersuchung der Kommerzialisierung und Inszenierung von Kunst in „Gladius Dei“.
- Die Betrachtung von Kunst als Sensation und die Sonderstellung des Künstlers in „Das Wunderkind“.
- Die kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept der Kunstreligion in „Beim Propheten“.
- Die Reflexion über das Verhältnis von Kunst, Künstlertum und Gesellschaft in der Moderne.
Auszug aus dem Buch
2.1 Zur bildenden Kunst in „Gladius Dei“ (1902)
Die Verbindung von Kunst und Kommerz, d.h. die gezielte Vermarktung künstlerischen Schaffens und seiner Produkte zum Zwecke der Unterhaltung der Konsumenten, reduziert die Kunst auf ihren Gebrauchswert und stellt somit eine Art Profanierung derselben dar, insofern sie wie jeder andere Unterhaltungsartikel auch dazu dient, dem Menschen Freude zu bereiten. Dasjenige, was durch das Kunstwerk vermittelt werden soll, tritt zurück. Es bleibt der individuelle Nutzen maßgeblich, den dieses für den Rezipienten erfüllt. Damit kann durch Kunst zwar das Lebensumfeld der Menschen schöner gestaltet werden, sie bleibt darüberhinaus aber wirkunslos, wenn durch sie auch Teilhabe an etwas Ideellem evoziert werden soll.
Erst, wenn beim Betrachten eines Kunstwerkes der Verstand eben nicht still steht, wie Hieronymus, der Protagonist der Erzählung an einer Stelle derselben beklagt, wird aus dem Kunstwerk ein Kunstobjekt, das den Menschen gleichsam durch das erzieht, was es darstellt. Der Mensch wird dazu gezwungen sein Verhältnis und seine Position zu dem, sei es im Bild, der Skulptur oder Plastik, Dargestellten zu durchdenken und sich so dem Kunstobjekt gegenüber produktiv zu verhalten. Ein Objekt ist eben nichts Selbstreferentielles mehr, das keinen Bezug zu demjenigen hat, der sich ihm zuwendet, sondern es versinnbildlicht etwas Allgemeines, eine Gewissheit, eine Einsicht oder auch Tragik, die unser aller Leben kennzeichnet und auf die in läuternder Art und Weise der Mensch verwiesen wird, wenn sie ihm durch das Kunstobjekt hervorgerufen ins Bewusstsein tritt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des kulturellen Wandels in München um 1900 ein und stellt die drei ausgewählten Erzählungen Thomas Manns als zentrale Untersuchungsobjekte vor.
1. Kulturkrise und kulturelle Moderne: Dieses Kapitel zeichnet die Eigenarten der kulturellen Moderne nach und beleuchtet das Paradigma der „Kulturkrise“ als ein zentrales Narrativ, das das intellektuelle Denken der Epoche prägte.
2. Das Konzept kommerzialisierter und ‚sensationalisierter‘ Kunst innerhalb der Erzählungen „Gladius Dei“ (1902) und „Das Wunderkind“ (1903): Der Hauptteil analysiert, wie in diesen Erzählungen Kunst zur Ware degradiert wird und der bloße Sensationswert an die Stelle der inhaltlichen Vermittlung tritt.
2.1 Zur bildenden Kunst in „Gladius Dei“ (1902): Hier wird die Profanierung der Kunst durch Kommerz am Beispiel des Schaufenster-Phänomens und der Kunstreproduktionen im „Schönheitsgeschäft“ aufgezeigt.
2.2 Zur Musik in „Das Wunderkind“ (1903): Dieser Abschnitt thematisiert die Inszenierung des Künstlers als Sensation und das Spannungsverhältnis zwischen dem virtuosen Wunderkind und dem unbeteiligten Publikum.
3. Das Konzept der Kunstreligion in der Erzählung „Beim Propheten“ (1904): Das letzte Kapitel untersucht die Ironisierung des Künstlerkults und die messianische Überhöhung von Kunst, die sich in der Figur des Propheten Daniel manifestiert.
Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert über die Notwendigkeit, Kunst in einer modernen Gesellschaft in einer eigenen Sphäre zu bewahren, um ihr eine sinnstiftende Wirkung zu ermöglichen.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, kulturelle Moderne, Kulturkrise, Kunstreligion, Kommerzialisierung, Künstlertum, Gladius Dei, Das Wunderkind, Beim Propheten, Jahrhundertwende, Ästhetizismus, Warencharakter der Kunst, Kunstvermittlung, Krisenbewusstsein, Fin de Siècle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den kulturellen Wandel im München der Jahrhundertwende um 1900 und analysiert, wie Thomas Mann in drei ausgewählten frühen Erzählungen die sich verändernden Bedingungen der Kunstvermittlung und Kunstwahrnehmung thematisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Kommerzialisierung von Kunst, die Inszenierung von Künstlern als Sensation, die Problematik der Kunstreligion und das allgemeine Krisenbewusstsein der kulturellen Moderne.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich kultureller Wandel in den Erzählungen widerspiegelt und welche paradigmatischen Kunstkonzepte (Kommerz, Sensation, Kunstreligion) Thomas Mann ironisch oder kritisch entlarvt.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse der Texte im Kontext historischer und kulturwissenschaftlicher Diskurse über die Moderne, ergänzt durch die Einbeziehung zeitgenössischer kunsttheoretischer Ansätze.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte, die nacheinander die Erzählungen „Gladius Dei“, „Das Wunderkind“ und „Beim Propheten“ analysieren, um jeweils ein spezifisches Kunstkonzept der Moderne zu erörtern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Thomas Mann, kulturelle Moderne, Kunstreligion, Kommerzialisierung, Künstlertum und Krisenwahrnehmung.
Wie unterscheidet sich die Darstellung der Kunst in „Gladius Dei“ von „Das Wunderkind“?
Während in „Gladius Dei“ die Kunst als käufliche Ware in einem „Schönheitsgeschäft“ kritisiert wird, liegt der Fokus in „Das Wunderkind“ auf der Sensation und dem zwiespältigen Verhältnis zwischen dem virtuosen Künstler und einem oberflächlichen Publikum.
Welche Rolle spielt die Kunstreligion in „Beim Propheten“?
In „Beim Propheten“ wird die Kunstreligion als ein Symptom der Dekadenz durch die Figur des messianischen Propheten Daniel ironisiert, wodurch die Abkehr von einer humanen Literatur und die Gefahr eines militanten Künstlerkults aufgezeigt werden.
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- Niklas Sobotka (Author), 2015, Literarische Kunstbespiegelungen. Drei Kunstkonzepte in frühen Erzählungen Thomas Manns, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/497764