In dieser Arbeit wird erörtert, welche Leidensaspekte Werthers Selbstmord in Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werther" zugrunde liegen könnten. Im ersten Teil der Arbeit wird hierfür zunächst Werthers Leiden im Allgemeinen dargestellt. In den darauffolgenden Teilen werden dann im Spezifischen seine "Krankheit zum Tode" und sein "Leiden an der Gesellschaft" betrachtet. Da beide Themen sehr große Bereiche im Roman darstellen, beschränkt sich die Autorin auf folgende Teilgebiete: Werthers erster Eindruck von Wahlheim sowie dessen Wirkung auf ihn (3.1), die Ständegesellschaft und die sich daraus ergebende Problematik für Werther (3.2), seine Definition der Krankheit zum Tode (4.1) und sein Krankheitsverlauf, welcher sich über den gesamten Roman erstreckt (4.2). Abschließend folgen ein Fazit sowie ein Ausblick. Als Grundlage der Textarbeit dient die von Goethe überarbeitete zweite Version des Romans, welche erstmals 1787 veröffentlicht wurde.
Die von der katholischen Kirche und der vorausgegangenen Aufklärung überaus geprägte Gesellschaft des 18. Jahrhunderts empfindet Selbstmord als eine unvernünftige und feige Sünde. Dass nun gerade der hochgebildete Sympathieträger von Goethes Roman einen freiwilligen Tod vorzieht, entfacht seither Debatten und macht "Die Leiden des jungen Werther" bis heute zu einem viel beachteten und diskutierten Roman. Doch nicht alle Zeitgenossen reagieren mit Empörung und Abscheu, viele fühlen sich endlich verstanden. Dieses Gefühl des Verstandenwerdens führt zu vielen jungen Nachahmern und dem sogenannten "Wertherfieber". Doch was hat Werther in dem Roman dazu bewegt, sich selbst das Leben zu nehmen? War es lediglich die Trauer über seine unerwiderten Liebesgefühle zu Lotte? Oder kann sein Selbstmord sogar pathologisch am Text begründet werden?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Werthers Leiden
3. Leiden an der Gesellschaft
3.1 Werthers erster Eindruck von Wahlheim
3.2 Die Ständeproblematik
4. Krankheit zum Tode
4.1 Werthers Definition
4.2 Werthers ‚Krankheitsverlauf‘
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältigen Leidensaspekte, die zum Suizid der Romanfigur Werther führen, und analysiert dabei insbesondere, ob sein Tod pathologisch im Text begründet liegt oder primär auf die unerwiderte Liebe zu Lotte zurückzuführen ist.
- Analyse von Werthers psychischem Zustand und seinem Weltbild.
- Untersuchung der gesellschaftlichen Bedingungen und der Ständeproblematik als Belastungsfaktoren.
- Deutung des Begriffs der "Krankheit zum Tode" im Kontext der menschlichen Natur.
- Nachzeichnung des Krankheitsverlaufs anhand der narrativen Entwicklung im Briefroman.
Auszug aus dem Buch
4. Krankheit zum Tode
In dem Brief vom 12.8.1771 diskutieren Albert und Werther über das Thema Selbstmord. Ausgelöst wurde diese Diskussion dadurch, dass Werther sich die für eine Reise ausgeliehene Pistole von Albert an die Stirn hält (vgl. Goethe 1963, S. 46). Mit eben dieser Pistole bringt sich Werther später im Buch um (vgl. ebd. S.121.). Werther beginnt in diesem Abschnitt, Albert davon überzeugen zu wollen, einen Selbstmord nicht als Schwäche anzusehen:
„Die menschliche Natur […] hat ihre Grenzen: sie kann Freude, Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen, und geht zugrunde, sobald der überstiegen ist. […] es mag nun moralisch oder körperlich sein: und ich finde es ebenso wunderbar zu sagen, der Mensch ist feige, der sich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen Feigen zu nennen, der an einem bösartigen Fieber stirbt. […] Du gibst mir zu, wir nennen das eine Krankheit zum Tode, wodurch die Natur so angegriffen wird, dass teils ihre Kräfte verzehrt, teils so außer Wirkung gesetzt werden, dass sie sich nicht wieder aufhelfen, durch keine glücklichen Revolutionen den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wiederherzustellen fähig ist.“ (ebd. 1963, S. 48)
Werther beschreibt hier die Krankheit zum Tode, welche seiner Ansicht nach in der Natur des Menschen verankert ist. Dabei können sowohl negative Erfahrungen wie Leid und Schmerz, als auch übermäßige Freude zum ‚Zugrundegehen‘ des Menschen führen. Dies scheint paradox, da Freude im Normalfall nicht mit dem Tod assoziiert wird. Mittels dieses Paradoxons könnte dem Leser die Komplexität, wie auch die Eigentümlichkeit der Krankheit bewusst gemacht werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Rezeptionsgeschichte des Romans ein und stellt die zentrale Fragestellung nach den Ursachen von Werthers Selbstmord vor.
2. Werthers Leiden: Dieses Kapitel beleuchtet die Vielschichtigkeit von Werthers psychischen Symptomen und ordnet verschiedene literaturwissenschaftliche Erklärungsansätze ein.
3. Leiden an der Gesellschaft: Hier wird analysiert, wie Werthers soziale Isolation und sein Unvermögen zur Integration in die Ständegesellschaft seine Identitätskrise verschärfen.
3.1 Werthers erster Eindruck von Wahlheim: Das Kapitel untersucht Werthers egozentrische Sichtweise und seine frühen Integrationsprobleme im neuen Wohnort.
3.2 Die Ständeproblematik: Es wird dargelegt, wie die Diskrepanz zwischen Werthers bürgerlichen Neigungen und seiner adeligen Herkunft zu einer unauflösbaren Identitätskrise führt.
4. Krankheit zum Tode: Das Kapitel widmet sich Werthers philosophischem Verständnis von Suizid als einer natürlichen Grenze menschlicher Belastbarkeit.
4.1 Werthers Definition: Hier wird Werthers Argumentation diskutiert, die den Suizid von einer moralischen Schwäche zu einem natürlichen Krankheitsbild umdeutet.
4.2 Werthers ‚Krankheitsverlauf‘: Dieser Abschnitt zeichnet die Verschärfung von Werthers psychischem Zustand durch Analysen spezifischer Briefstellen nach.
5. Fazit und Ausblick: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die "Krankheit zum Tode" das zentrale und determinierende Element in Werthers Leiden darstellt.
Schlüsselwörter
Die Leiden des jungen Werther, Johann Wolfgang von Goethe, Suizid, Krankheit zum Tode, Ständegesellschaft, Identitätskrise, Psychologie, Briefroman, Wahlheim, Narzissmus, Melancholie, Selbstreflexion, Pathologie, Literaturanalyse, Individuum und Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die verschiedenen Ursachen und Leidensaspekte, die letztlich zum Freitod der Hauptfigur Werther in Goethes Briefroman führen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die psychische Instabilität Werthers, seine Unfähigkeit zur sozialen Integration in die Ständegesellschaft und sein philosophisches Konzept der "Krankheit zum Tode".
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Autorin geht der Frage nach, ob Werthers Suizid lediglich eine emotionale Reaktion auf seine unerwiderte Liebe ist oder ob er als ein pathologisch begründbarer Prozess verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Hausarbeit stützt sich auf eine textnahe Analyse und Interpretation, wobei sie einschlägige literaturwissenschaftliche Forschungsliteratur einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des sozialen Leidens am gesellschaftlichen Umfeld sowie eine tiefgehende Analyse von Werthers eigenem Krankheitsbegriff und dessen Verlauf über den Roman hinweg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die "Krankheit zum Tode", die Ständeproblematik, Werthers Selbstreflexion und die Tragödie der Subjektivität.
Wie definiert Werther im Roman die "Krankheit zum Tode"?
Werther beschreibt sie als eine natürliche Grenze der menschlichen Belastbarkeit, bei der die psychischen oder physischen Kräfte des Menschen so sehr angegriffen sind, dass eine Regeneration nicht mehr möglich ist.
Welche Rolle spielt der "Herausgeber" im Textverlauf?
Der Wechsel von Werthers subjektivem Briefstil hin zur narrativen Distanz des Herausgebers ermöglicht eine objektivere Bewertung von Werthers zunehmender geistiger Zerrissenheit.
Warum spielt das Thema der Ständegesellschaft eine so große Rolle für Werther?
Werther empfindet die bürgerlichen und adeligen Verhältnisse als einschränkend und fremd; er findet keine Gruppe, mit der er sich vollständig identifizieren kann, was seine Isolation fördert.
- Arbeit zitieren
- Julia Gehlhaus (Autor:in), 2019, Woran leidet Werther in Goethes "Die Leiden des jungen Werther"?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/497551