„Zypernkonflikt“ oder „Zypernfrage“ sind zwei Begriffe, die auch in den deutschen Medien immer wieder auftauchen. Gemeint ist damit der auf der Insel bereits seit Jahrhunderten brodelnde Konflikt zwischen der Mehrheit der griechischen (80 Prozent der Bevölkerung) und der Minderheit der türkischen Zyprioten (18 Prozent der Bevölkerung), die auf der Insel leben. Der Zypernkonflikt ist ein nationalistischer Konflikt zweier Volksgruppen mit einem gemeinsamen Wohnraum, dessen Strukturen sich immer wieder wiederholen. Am 1. Mai ist Zypern im Rahmen der „Osterweiterung“ der EU beigetreten. Effektiv ist zwar die ganze Insel damit zum EU-Territorium geworden, tatsächlich bleibt jedoch die Insel durch die so genannte Grüne Linie zwischen dem Süden und dem Norden gespalten. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern der EU-Beitritt nichtsdestotrotz zu einer Auflösung der Konfliktstrukturen und damit zu einem Frieden auf der Insel beigetragen hat.
Hierzu soll im ersten Teil der Arbeit die Geschichte Zyperns seit der britischen Kolonialherrschaft bis zur politischen Spaltung der Insel, die mit dem Einmarsch türkischer Truppen in Nordzypern 1974 eingeleitet und mit der Ausrufung der Republik Nordzypern 1983 vollzogen wurde, dargestellt werden. Dabei werden zuerst die beiden Konfliktpositionen Enosis und Taksim, die sich wie ein roter Faden durch die Konfliktstrukturen ziehen, betrachtet (1.1.), bevor die Zeit der Kolonialherrschaft (1.2.), die Unabhängigkeit Zyperns (1.3.) und letztendlich die politische Spaltung (1.3.) beschrieben werden. Der zweite Teil der Arbeit widmet sich dem EU-Beitritt Zyperns. Nachdem der Prozess der Beitrittsverhandlungen und die kurz vor dem tatsächlichen Beitritt stattgefundene Volksabstimmung über eine mögliche Wiedervereinigung dargestellt werden (2.1.), sollen die Interessen der beteiligten Parteien am EU-Beitritt erklärt werden (2.2.). Im Hinblick auf die Forschungsfrage werden im folgenden Abschnitt die mit dem EU-Beitritt einhergehenden Hoffnungen und Erwartungen beschrieben (2.3.). Das letzte Kapitel beschäftigt sich einerseits mit den Entwicklungen im Zypernkonflikt seit dem EU-Beitritt (3.1.) und andererseits mit den Folgen dieses für die Lösung der Probleme auf der Insel.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Geschichte Zyperns: Von der britischen Herrschaft bis zur politischen Spaltung
1.1. Enosis und Taksim als wiederkehrende Motive im Zypern-Konflikt
1.2. Zypern unter britischer Kolonialherrschaft
1.3. Die Unabhängigkeit Zyperns
1.4. Die politische Spaltung
2. Der lange Weg Zyperns in die EU
2.1. Die langwierigen Beitrittsverhandlungen und der EU-Beitritt Zyperns
2.2. Die Interessen der EU, Griechenlands, der Türkei und Zyperns
2.3. Was bringt der EU-Beitritt? Hoffnungen und Erwartungen
3. Die Auswirkungen des EU-Beitritts auf den Zypernkonflikt
3.1. Die Entwicklungen des Zypernkonflikts seit dem EU-Beitritt
3.2. Der EU-Beitritt als Lösungsmechanismus des Zypernkonflikts
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern der Beitritt Zyperns zur Europäischen Union dazu beigetragen hat, die festgefahrenen Konfliktstrukturen auf der Insel aufzubrechen und eine friedliche Lösung des Zypernkonflikts zwischen der griechischen Mehrheit und der türkischen Minderheit zu fördern.
- Historische Wurzeln des Zypernkonflikts (Enosis und Taksim)
- Die Rolle der britischen Kolonialherrschaft und die politische Spaltung
- Der Prozess der EU-Beitrittsverhandlungen und das Referendum zum Annan-Plan
- Interessenkonflikte zwischen Zypern, Griechenland, der Türkei und der EU
- Analyse der Wirksamkeit der EU als Konfliktvermittler
Auszug aus dem Buch
1.1. Enosis und Taksim als wiederkehrende Motive im Zypernkonflikt
„Enosis“ und „Taksim“ sind zwei Begriffe, die in der Geschichte des seit mehreren Jahrhunderten brodelnden Zypernkonflikts wie ein roter Faden immer wieder auftauchen. „Enosis“ ist der griechische Begriff für „Vereinigung“ und meint die Forderung der zypriotischen Griechen nach einer Vereinigung mit Griechenland, dem „Mutterland“. „Taksim“ bedeutet auf türkisch so viel wie Spaltung und gibt dem türkischen Wunsch nach einer Spaltung der Insel bzw. nach einem Anschluss Zyperns an die Türkei Ausdruck. In beiden Begriffen wird die Orientierung der beiden Parteien an ihre Mutterländer und die Übernahme derer Nationalismusideen deutlich. Somit ist der Zypernkonflikt als ein nationalistischer Konflikt einzustufen.
Der die Insel Zypern betreffende griechische Nationalismus ist bereits in den letzten Jahrzehnten des Osmanischen Reiches deutlich an die Oberfläche getreten und ist nach Meinardus „so alt wie der moderne griechische Nationalismus“. Begründet wurde die Enosis-Idee seit ihrer Entstehung mit den kulturellen, sprachlichen und religiösen Gemeinsamkeiten sowie mit dem gemeinsamen Nationalgefühl, die Griechenland und die griechischen Zyprioten verbinden. Anfangs spielte zudem die Hoffnung der griechischen Zyprioten auf eine bessere wirtschaftliche Entwicklung der Insel durch eine Vereinigung mit Griechenland eine gewisse Rolle. Der berühmt gewordene Schlachtruf der Bewegung hieß: „Enosis und nur Enosis“. Später berief sich die Enosis-Bewegung zudem auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das in der UN-Charta festgehalten ist.
Anfangs wurde die Enosis-Bewegung vor allem vom Klerus der zypriotischen Orthodoxen Kirche vorangetrieben. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Kirche auf der Insel eine ungemeine Wichtigkeit erlangt: 80 Prozent der Bevölkerung waren Kirchenmitglieder, im Rahmen der Kirche spielte sich auch das soziale und gesellschaftliche Leben der Insel ab. Die Masse der Bevölkerung – die meisten Zyprioten waren Bauern – war zu Beginn der Enosis-Bewegung so in Alltagsprobleme des Überlebens eingespannt, dass ein Interesse an Politik nicht vorhanden war. Erst als Makarios III sich zum Führer der Unionsbewegung entwickelte und diese mithilfe einer massenwirksamen Propaganda bekannt machte, stellte sich die Masse der Bevölkerung hinter die Enosis.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Geschichte Zyperns: Von der britischen Herrschaft bis zur politischen Spaltung: Das Kapitel analysiert die historischen Grundlagen des Konflikts, insbesondere die nationalistischen Bewegungen Enosis und Taksim sowie die Auswirkungen der britischen Kolonialzeit und die Teilung der Insel.
2. Der lange Weg Zyperns in die EU: Hier wird der Prozess der Beitrittsverhandlungen, die Rolle des Annan-Plans und das Referendum von 2004 thematisiert sowie die unterschiedlichen Interessen der beteiligten Akteure beleuchtet.
3. Die Auswirkungen des EU-Beitritts auf den Zypernkonflikt: Dieses Kapitel bewertet die Rolle der EU als Akteur nach dem Beitritt und untersucht, ob die EU-Mitgliedschaft tatsächlich als Katalysator für eine Konfliktlösung fungiert hat.
Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass der Konflikt durch den EU-Beitritt zwar nicht gelöst wurde, aber veraltete starre Mechanismen aufgebrochen wurden.
Schlüsselwörter
Zypernkonflikt, Enosis, Taksim, EU-Beitritt, Annan-Plan, Wiedervereinigung, Griechenland, Türkei, Nationalismus, Makarios III, Glafkos Klerides, Rauf Denktasch, Volksreferendum, Konfliktregulierung, Europäische Union.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert den Zypernkonflikt und untersucht, welchen Einfluss der Beitritt Zyperns zur Europäischen Union im Jahr 2004 auf die Lösung dieses langjährigen, nationalistischen Konflikts zwischen griechischen und türkischen Zyprioten hatte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung der Konfliktpositionen (Enosis und Taksim), den komplexen Interessen der beteiligten Parteien (Griechenland, Türkei, EU) und der Rolle des Annan-Plans bei den gescheiterten Wiedervereinigungsbemühungen.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu ermitteln, ob die EU-Mitgliedschaft dazu beigetragen hat, die verkrusteten Konfliktmuster aufzulösen, und warum das angestrebte Ziel einer friedlichen Wiedervereinigung beim Referendum 2004 nicht erreicht wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die primäre und sekundäre Quellen, wie UN-Dokumente, Abkommen, wissenschaftliche Literatur und aktuelle Medienberichte, auswertet, um den politischen Prozess und seine Auswirkungen zu dokumentieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Aufarbeitung des Konflikts, den Verlauf der Beitrittsverhandlungen bis zum EU-Beitritt und die abschließende Bewertung der EU-Rolle als Vermittler nach der Osterweiterung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Enosis, Taksim, Annan-Plan, EU-Konfliktregulierungsmechanismen, nationale Identität und das Spannungsfeld zwischen den Interessen der „Mutterländer“ Griechenland und Türkei.
Warum lehnte die griechisch-zypriotische Seite den Annan-Plan beim Referendum mehrheitlich ab?
Die Ablehnung resultierte primär aus Ängsten vor einer Machtteilung zu gleichen Teilen mit der türkischen Minderheit und mangelnder Auseinandersetzung mit den Inhalten des Plans, die durch nationale Propaganda verstärkt wurden.
Welche Rolle spielt die Türkei laut dieser Untersuchung aktuell im Zypernkonflikt?
Die Türkei wird einerseits als „Schutzpatron“ der türkischen Zyprioten gesehen, der territoriale Interessen verfolgt, ist aber andererseits durch ihr eigenes Bestreben, EU-Mitglied zu werden, in einen diplomatischen Balanceakt eingebunden.
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- Lena Gorelik (Author), 2006, Der Einfluss des EU-Beitritts Zyperns auf den Zypernkonflikt, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/49537