Ziel dieser Arbeit war eine Analyse der ovidischen Darstellung seines Exilorts Tomi im Hinblick auf deren Realitätsgehalt unter Berücksichtigung literarischer und externer Gesichtspunkte wie archäologischer, ethnologischer, historischer und klimatischer Befunde. Ein besonderes Augenmerk galt dabei der literarisch interessanten Frage, inwiefern Ovid in seinen beiden Exilwerken das Motiv eines locus horribilis für seinen Verbannungsort entworfen haben könnte.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Ovids pontische Dichtung als historische Quelle?
2 Analyse von Ovids Schilderungen der Schwarzmeerregion
2.1 Namensgebung und Gründungsmythos von Tomi bei Ovid
2.2 Vorstellung Ovids von seinem Verbannungsort und dessen geographische Verortung
2.3 Ovids Schilderung der Lebensumstände in Tomi
2.3.1 Erfahrung einer Landschaftsgrenze
2.3.2 Erfahrung einer Klimagrenze
2.3.3 Erfahrung einer ethnischen Grenze
2.3.4 Erfahrung einer Militärgrenze
2.3.5 Erfahrung einer Sprachgrenze
2.4 Reale Lebensumstände in Tomi zu Zeiten Ovids
2.5 Ovids Angaben auf dem Prüfstand der Bevölkerung in Tomi
3 Fazit: Ovids Dichtkunst zwischen Realität und Fiktion
4 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Realitätsgehalt der Schilderungen Ovids über seinen Verbannungsort Tomi am Schwarzen Meer und analysiert, inwieweit der Dichter sein Exil bewusst als literarischen locus horribilis stilisierte, um die Aufmerksamkeit und das Mitleid des Kaisers Augustus zu erregen.
- Analyse der fünf Grenzerfahrungen (Landschaft, Klima, Ethnie, Militär, Sprache) in Ovids Exilwerk.
- Kontrastierung der ovidischen Schilderungen mit historischen, archäologischen und klimatischen Befunden.
- Untersuchung der rhetorischen Stilisierung des Exilortes im Vergleich zum literarischen Topos des locus amoenus.
- Kritische Würdigung der Glaubwürdigkeit von Ovids Darstellungen gegenüber zeitgenössischen Wahrnehmungen.
- Bewertung von Ovids Exildichtung als zweckorientierte Publizistik in eigener Sache.
Auszug aus dem Buch
2.3.5. Erfahrung einer Sprachgrenze
Da Ovid als Dichter besonderen Wert auf Sprache legt, ist für ihn die Sprachgrenze wohl die folgenschwerste Grenzerfahrung. Für seine Dichtkunst ist er auf ein lateinsprechendes Publikum angewiesen. Entsprechend schildert er sein Erschrecken nach seiner Ankunft in Tomi über die Ausdrucksformen der dortigen Bewohner, die mit wenigen Ausnahmen der lateinischen Sprache nicht mächtig seien (trist.3,14,43f.; trist.4,1,89f.). Die Unkenntnis der römischen Sprache erklärt Ovid abermals mithilfe der ethnischen Zusammensetzung am Pontus. Diese Stämme verständigten sich nur durch Laute, wie man sie von wilden Tieren kennt: „omnia barbariae loca sunt vocisque ferinae“ (trist.5,12,55). Ebenso primitiv müsse sich Ovid mit den dortigen Einwohnern unterhalten, wodurch er Gefahr laufe, seine Muttersprache zu verlernen, zumal er nicht verstanden („nulla mihi cum gente fera commercia linguae“ [trist.3,11,9]) und für seine Ausdrucksweise von den Einheimischen verspottet werde: „barbarus hic ego sum qui non intellegor ulli/ et rident stolidi verba Latina Getae“ (trist.5,10,37f.). Da keiner der Barbaren nach Ovids Angaben Latein spreche, sei er sogar gezwungen, auch in getischer Sprache zu dichten, wofür er sich bei den Lesern entschuldigt (Pont.4,13,19-38).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Ovids pontische Dichtung als historische Quelle?: Einführung in die Verbannung Ovids im Jahr 8 n. Chr. und die Fragestellung nach dem Realitätsgehalt seiner Werke Tristia und Epistulae ex Ponto.
2 Analyse von Ovids Schilderungen der Schwarzmeerregion: Untersuchung der Art und Weise, wie Ovid seinen Exilort Tomi durch eine gezielte Stilisierung von Grenzerfahrungen und mythologische Verknüpfungen als Schreckensort darstellt.
3 Fazit: Ovids Dichtkunst zwischen Realität und Fiktion: Zusammenfassende Bewertung, dass Ovids Schilderungen eher einer bewussten literarischen Konstruktion dienen als einer faktentreuen historischen Beschreibung entsprechen.
4 Literaturverzeichnis: Umfassende Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen zur Untermauerung der literaturkritischen Untersuchung.
Schlüsselwörter
Ovid, Exildichtung, Tomi, Tristia, Epistulae ex Ponto, locus horribilis, Verbannung, Kaiser Augustus, römische Literatur, Schwarzmeerregion, Grenzerfahrung, Faktizität, Fiktion, antike Ethnographie, Stilisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die literarische Darstellung des Exilorts Tomi durch den römischen Dichter Ovid und hinterfragt, inwieweit diese Schilderungen als historische Quelle für die Schwarzmeerregion des 1. Jahrhunderts n. Chr. taugen oder ob es sich um eine fiktionalisierte Stilisierung handelt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die literarische Topik (insbesondere der locus horribilis), die Selbstinszenierung des Dichters im Exil, das Verhältnis von Rom zum „barbarischen“ Randgebiet sowie die historische und klimatische Realität der Provinz Moesia inferior.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu belegen, dass Ovid seinen Verbannungsort gezielt als locus horribilis entwarf, um die negativen Auswirkungen seiner Relegation zu unterstreichen und so das Mitleid von Augustus und der römischen Öffentlichkeit zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine literaturkritische Untersuchung, die den Text von Ovids Verbannungsbriefen in den Kontext von archäologischen, ethnologischen, historischen und klimatischen Erkenntnissen stellt und sie mit antiken Vorbildern (Herodot, Vergil) vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der fünf Grenzerfahrungen (Landschaft, Klima, Ethnie, Militär, Sprache), die Ovid zur Stilisierung seines Exils nutzt, sowie einen Abgleich dieser literarischen Schilderungen mit den realen Lebensumständen in Tomi zur Zeit Ovids.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Ovid, Exildichtung, locus horribilis, Tomi, faktische Realität versus literarische Fiktion, antike Grenzwahrnehmungen und die Relegation durch Augustus.
Inwiefern beeinflusste die griechische Mythologie Ovids Darstellung von Tomi?
Ovid nutzte den Gründungsmythos der Argonautensage und den Mord an Absyrtos, um den Ort Tomi bereits seit der mythischen Urzeit mit einer blutigen und negativen Konnotation zu versehen, was den Ort für seine römischen Leser als „Tatort“ greifbarer machte.
Wie reagierten die lokalen Griechen in Tomi auf Ovids Schriften?
Die lokalen Griechen fühlten sich durch Ovids Darstellung ihrer Personengruppe als „Barbaren“ provoziert, woraufhin Ovid in seinen späteren Werken versuchte, diese Anschuldigungen abzumildern, indem er betonte, nur die klimatischen und äußeren Umstände, nicht aber die Menschen selbst kritisiert zu haben.
- Arbeit zitieren
- Pascal Sing (Autor:in), 2019, Ovids Exildichtung zwischen Realität und Fiktion, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/494194