Abraham Lincoln, amerikanischer Präsident im 19. Jahrhundert, soll einmal gesagt haben: „Menschen, die keine Laster haben, haben auch keine Tugenden.“ Kaum etwas ist faszinierender und mithin öfter ein Teil psychologischer Rezeptionsgeschichte wie die menschlichen Laster und Tugenden. Abnorme Verhaltensweisen waren schließlich seit je her ein wesentlicher Bestandteil unserer Existenz und sind es heute noch. Die Verfehlung als Symbol unkontrollierter Schwäche, als Zeichen leidenschaftlichen Handelns und Denkens ist ein Merkmal, das immer wieder seine Berücksichtigung sowohl in der Literatur als auch bildenden Kunst findet. Gerade die im Katholizismus begründeten sieben Todsünden stellen ein besonders interessantes Motiv dar, zumal hier die Verknüpfung zeitgeschichtlicher Wertevorstellungen mit der künstlerischen Verarbeitung eines weitgehend biblischen Begriffs den Versuch rechtfertigt, anhand bestimmter Werke das Todsündenthema diachronisch zu betrachten. In dieser Arbeit jedoch soll weder der Anspruch einer allumfassenden Interpretation noch die Vollständigkeit hinsichtlich der Aufzählung von Kunsterzeugnissen verfolgt werden, die das Thema der Tugenden und Sünden aufgreifen. Vielmehr soll der Versuch unternommen werden, einige wenige – durchaus repräsentative Werke – als Vorlage für die Betrachtung der einzelnen Todsünden und deren Auftreten in einigen Werken der Malerei und Literatur dienen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der geistesgeschichtliche Hintergrund der Sieben Todsünden
3. Ursprung der Todsünden-Darstellung: Die Psychomachia des Prudentius
4. Die 7 Todsünden: Zwei Beispiele
4.1 Hieronymus Bosch
4.2 Otto Dix
5. Die 7 Todsünden: Die Allegorie in der Darstellung der einzelnen Laster
5.1 Superbia
5.2 Invidia
5.3 Ira
5.4 Acedia
5.5 Avaritia
5.6 Gula
5.7 Luxuria
6. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die ikonographische und allegorische Darstellung der sieben Todsünden in der Kunstgeschichte, wobei der Fokus auf dem Vergleich zwischen Werken des späten Mittelalters, insbesondere von Hieronymus Bosch, und moderneren Ansätzen wie denen von Otto Dix liegt. Ziel ist es, die diachrone Entwicklung und symbolische Bedeutung dieser Laster anhand ausgewählter, repräsentativer Beispiele aufzuzeigen.
- Historische Herleitung des Sieben-Todsünden-Kanons
- Allegorische Bildsprache und Personifikation der Sünden
- Vergleichende Analyse: Hieronymus Bosch und Otto Dix
- Symbolische Funktion von Begleittieren und Attributen
- Übertragbarkeit moralischer Kodizes auf unterschiedliche Zeitepochen
Auszug aus dem Buch
5.2 Invidia
„Die Neider sterben, nimmer stirbt der Neid“, heißt es in einem überlieferten Ausspruch von Jean-Baptiste Molière (1622 - 1673). Und tatsächlich wurde diese Todsünde wie keine andere so häufig rezipiert: Aristoteles hebt den Neid (phontos) vom Unwillen gegen solche ab, die zu unrecht Güter besitzen (nemesis), Immanuel Kant (1724 – 1804) sieht im Neid ein Laster des Menschenhasses, für Thomas von Aquin (1225 – 1274) ist Neid (individia) ein Gefühl, das als an sich unvernünftig gilt (aliquid de se inconveniens rationi) und seiner Art nach schlecht ist, und Sören Kierkegaard (1813 – 1855) sieht im Neid ein einigendes Prinzip der Gesellschaft, allerdings in negativen, leidenschaftslosen Zeiten.
Bereits in der Antike entwarf Publius Naso Ovid (43 v. – 8 n. Chr.) in den „Metamorphosen“ (Zweites Buch) neben der Figur des Narzissmus – einem selbstverliebten, schönen, jungen Mann – auch die Invidia, die missgünstige Göttin des Neides, die von einer abstoßenden Hässlichkeit und Boshaftigkeit war:
"Bleich sind Wangen und Mund, die Dämonin ist mager am ganzen Leib, stets schielt sie querüber, von Rost sind dunkel die Zähne, Grün von Galle die Brust, von Gift unterlaufen die Zunge; Lachen kann sie nur dann, wenn sie Schmerzen bei anderen erblickt hat; Schlaf ist ihr fremd, da wache Gedanken sie quälen; der Menschen Unwillkommne Erfolge betrachtet sie, und im Betrachten Zehrt sie sich ab; denn andere benagt sie und nagt an sich selber Und so ist ihre eigene Pein."
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Laster und Tugenden als konstantes Motiv in Literatur und Kunst.
2. Der geistesgeschichtliche Hintergrund der Sieben Todsünden: Historische Herleitung des Sünden-Kanons vom frühen Christentum bis zur Festlegung des Siebener-Schemas durch Papst Gregor den Großen.
3. Ursprung der Todsünden-Darstellung: Die Psychomachia des Prudentius: Erläuterung der Bedeutung des Epos von Prudentius für die frühe allegorische Bildtradition des Kampfes zwischen Gut und Böse.
4. Die 7 Todsünden: Zwei Beispiele: Analyse von Werken von Hieronymus Bosch und Otto Dix, um die unterschiedlichen künstlerischen Herangehensweisen an das Todsündenthema aufzuzeigen.
5. Die 7 Todsünden: Die Allegorie in der Darstellung der einzelnen Laster: Detaillierte Betrachtung der sieben Einzellaster (Superbia, Invidia, Ira, Acedia, Avaritia, Gula, Luxuria) und ihrer symbolischen Repräsentation in der Kunst.
6. Zusammenfassung: Resümee der allegorischen Umsetzung des Sünden-Schemas und dessen fortdauernde Relevanz in der modernen Bildsprache.
Schlüsselwörter
Sieben Todsünden, Allegorie, Symbolik, Hieronymus Bosch, Otto Dix, Psychomachia, Personifikation, Ikonographie, Superbia, Invidia, Ira, Acedia, Avaritia, Gula, Luxuria
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der ikonographischen und allegorischen Darstellung der sieben Todsünden in der europäischen Malerei, wobei der Fokus auf der diachronen Betrachtung vom späten Mittelalter bis in die Moderne liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die Herleitung des Sünden-Kanons, die historische Entwicklung der allegorischen Bildsprache sowie die Analyse spezifischer Künstlerdarstellungen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie die einzelnen Laster in der Kunstgeschichte beschrieben und sinnbildlich dargestellt wurden und wie sich die künstlerische Herangehensweise über die Jahrhunderte gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein kunsthistorisch-deskriptiver Ansatz gewählt, der repräsentative Bildwerke analysiert und in ihren geistesgeschichtlichen sowie ikonographischen Kontext stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine vergleichende Analyse von Hieronymus Bosch und Otto Dix sowie in eine detaillierte Untersuchung der Einzeldarstellungen der sieben Laster mit ihren spezifischen Symbolen und Begleittieren.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Allegorie, Personifikation, Ikonographie, Todsünden-Kanon und die spezifischen Bezeichnungen der sieben Laster charakterisiert.
Welche Rolle spielt die „Psychomachia“ des Prudentius?
Die Psychomachia wird als frühes allegorisches Grundwerk identifiziert, das die Bildtradition des Kampfes zwischen christlichen Tugenden und heidnischen Lastern begründete und als Vorbild für spätere Darstellungen diente.
Wie unterscheidet sich die Darstellung der Wollust (Luxuria) bei Bosch und Dix?
Während Bosch die Luxuria in eine erzählerische, sündenhaft-idyllische Umgebung einbettet, nutzt Dix modernere, teils provokante und psychologisch ambivalente Motive, um die Zügellosigkeit darzustellen.
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- Jan-Matthias Schultze (Autor:in), 2005, Die 7 Todsünden bei Hieronymus Bosch, Otto Dix und weiteren Beispielen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/48782